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MetalcorePost-Hardcore

Kritik: Northlane - "Alien"

Dass Northlane ihren Sound weg von progressivem Metalcore hin zu etwas eingängigerer, Rock-beeinflusster Musik verändert haben, ist spätestens seit dem ...

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Dass Northlane ihren Sound weg von progressivem Metalcore hin zu etwas eingängigerer, Rock-beeinflusster Musik verändert haben, ist spätestens seit dem Release von „Node“ klar. Auch das vor zwei Jahren überraschend erschienene Album „Mesmer“ führte diesen Sound weiter. Auf „Alien“ gehen die Australiens einen Schritt weiter und wagen es sich auf den Strom der Nu-Metal-Renaissance aufzuspringen. Zumindest der Sound ist unverkennbar stark von diesem Genre geprägt.

Wer hätte das gedacht?

Prollige Synthesizer ergänzen die ultra-fett produzierten Gitarren und das knallige Schlagzeug, das hin und wieder in Drum’n’Bass Beats ausschweift. Ein Break wie der in „Details Matter“ ist alles andere als technisch, sondern viel mehr mit „Volle Kraft voraus“-Aspekt komponiert worden. Insgesamt wirkt dieser Album-Opener wie eine moderne und aggressive Version eines alten Slipknot-Tracks.

Allgegenwärtig schwirren Synthesizer umher, die den Sound auf industrielle Art und Weise komplettieren, während Marcus Bridge überraschend viel schreit und shoutet und den Cleangesang erstmal beiseitelässt. „Alien“ beginnt, wie es der Name vermuten lässt, überraschend befremdlich und hart; war man zuletzt doch einen eher ausgeglichenen Sound gewohnt. An eben diese Ausgeglichenheit kommen Tracks wie „Details Matter“ und „Talking Heads“ heran, während andere in einem Ungleichgewicht enden.

„Bloodline“ basiert auf einem Basslick, das zusammen mit den Drums einen Beat erzeugt, der ähnlich wie bei Karnivool einen roten Faden durch den Song baut. Auch hier ist der Sound von vielen Synthesizern geschwängert und man stellt sich die Frage, ob Northlane mit diesen Songs nicht etwa 15 Jahre zu spät sind. Auch thematisch knüpfen Northlane da an, wo sich der Nu-Metal einst festsetzte. „Bloodline“, so wie auch die anderen Titel auf dem Alben, bezieht sich auf die Kindheit von Marcus Bridge.

Der Sänger wurde in schwierigen Verhältnissen bei drogensüchtigen Eltern groß. Inmitten von Drogen, Gewalt und Kriminalität bahnte er sich seinen eigenen Weg heraus aus der Hölle, wie er mit „I was raised in hell, I made it out by myself“ auf „Bloodline“ besingt. Der Sound von „Bloodline“ ist es, was die meisten Tracks auf „Alien“ auszeichnet. Ein Industrial-Vibe der vom sehr straighten Schlagzeugspiel und elektronischen Elementen gestützt wird und durch weitere Synthies an Melodie gewinnt. Dazu kommen die gewohnten Northlane-Breaks, die nicht nur verdammt groovy, sondern auch verdammt hart sind, während der Refrain zum Mitsingen einlädt. Wenngleich auch der Text nichts behandelt, dem man gerne beiwohnen möchte.

Dass die Synthesizer auf „Alien“ ein Fluch und Segen sein können, beweist „4D“. Hier klingen diese nämlich teilweise unfassbar stark nach dem Jamba-Sparabo, um nicht zu sagen; billig, überproduziert und erzwungen. Mit rhythmischer Auslegung hat man das Gefühl, dass gerade mal eben der Crazy Frog an einem vorbei fliegt, weil er auf der Flucht vor der Polizei ist.

Und unter diesem Aspekt betrachtet klingt auch ein Track wie „Eclipse“ ein wenig überspitzt. Auch „Paradigm“ ist ähnlich überladen mit elektronischen Elementen und lässt die Akkorde auf der Gitarre zu einer wahren Banalität werden, während einzig die Breaks ein wirklich aufregendes Element bilden.

Northlane entdecken ihre elektronische Seite

„Eclipse“ beginnt mit einem sehr digitalen Sound, durchdröhnenden Synthesizers und E-Drums, die eine Armada Industrial-Kids mit grünen Neonbändern tanzend um die Ecke kommen erwarten lassen. Das ist in keiner Weise diffamierend gemeint, aber „Eclipse“ fällt als klarer Industrial Rock-Track völlig aus dem Rahmen des Albums. Die Shouts, die Marcus Bridge dazu bringt, lassen diesen Track am ehesten noch an Hollywood Undead oder manche Songs von Motionless In White erinnern. Mit Northlane hat dieser Track aber bis auf die Shouts nur wenig zu tun.

„Freefall“ beginnt so, wie man neue Musik von Northlane erwarten würde. Ein aufgeregtes Riff, das in einen komplex verzwickten Verse leitet und dann in einem Architects-esken Refrain mündet. Definitiv ist „Freefall“ einer der typischsten Northlane-Tracks auf „Alien“ und überzeugt mit einer gesunden Portion Härte und guter Eingliederung der Synthesizer, während Marcus Bridge durch hohe Emotionalität im Gesang überzeugt. Auch „Jinn“ folgt diesem Ansatz und lädt durch die Grooves unbemerkt zum Mitnicken ein.

Auch „Rift“ kommt mit leichtem Drum’n’Bass Beat und dröhnenden Synthies eher wie ein Electro-Track daher, um den sich die Vocals ätherisch schlingen. Insgesamt ist „Rift“ aber nichts weiter als ein Lückenfüller, der weder positiv noch negativ auffällt. Eine Live-Umsetzung dieses Songs wäre schlicht langweilig und unspektakulär, da der Track in Monotonie versinkt. Auch „Sleepless“, der letzte Track des Albums, ist ähnlich konzipiert wie „Rift“, passt aber zum Ende ganz gut und haut nochmal einen letzten Break hinterher.

Generell wirkt es stellenweise so, als wären Northlane bequem geworden, hätten Riffs auf Synthies verlagert und konzentrieren sich auf straighte Beats und Grooves, sowie catchy Hooks und fette Breaks. Dabei werden die Gitarren zumeist von elektronischen Elementen unterstützt, oder teilweise sogar überladen. Es fehlt an der Leichtigkeit, die „Mesmer“ mit sich brachte; die Komplexität von „Singularity“ und die Reife, die „Node“ inne hatte.

Northlane auf Tour

Live-Dates

ALBUM
Alien
Künstler: Northlane

Erscheinungsdatum: 02.08.2019
Genre:
Label: UNFD
Medium: CD, Vinyl

Tracklist:
  1. Details Matter
  2. Bloodline
  3. 4D
  4. Talking Heads
  5. Freefall
  6. Jinn
  7. Eclipse
  8. Rift
  9. Paradigm
  10. Vultures
  11. Sleepless
Northlane Alien
Northlane Alien
7
FAZIT
Insgesamt ist „Alien“ erneut der nächste logische Schritt, den Northlane betreten. So erweitern die Australier ihren Sound um die elektronische Komponente mehr denn je zuvor, bleiben bereits bekannten Elementen dennoch weitestgehend treu und klingen über 43 Minuten Spielzeit voll und ganz nach Northlane, während insbesondere die harten Tracks begeistern. Der Terminus „überproduziert“ passt allerdings auch auf Teile von „Alien“ und nimmt dem Album stellenweise das, was man als Seele oder Spirit verstehen könnte und begeht damit auch einen gewissen Schritt der Regression. Aber vielleicht ist diese Fremdartigkeit im Sound des neuen Northlane-Albums auch genau das, was „Alien“ uns vermitteln soll.