Review

AlternativeEmoGrunge

Kritik: Microwave - “Let’s Start Degeneracy”

Es ist ein durchaus verbreitetes Phänomen im Emobereich, dass sich Bands über den Tellerrand der Szene hinweg entwickeln und dabei ...

VON

Es ist ein durchaus verbreitetes Phänomen im Emobereich, dass sich Bands über den Tellerrand der Szene hinweg entwickeln und dabei Alben abliefern, die vor Experimentierfreudigkeit nur so strotzen. Turnover, Foxing und zuletzt auch Movements haben beispielsweise schon vorgemacht, wie viel man dabei gewinnen kann – selbst wenn man sich ab und an mal ein wenig verzettelt. Auch Microwave schlagen mit “Let’s Start Degeneracy” einen ähnlichen Weg ein und liefern ein weitaus vielseitigeres Album ab, als es die über die letzten beiden Jahre veröffentlichten Singles vielleicht angedeutet haben. Wie auch ihre Genrekolleg:innen treffen sie dabei über weite Strecken ins Schwarze und verlieren sich höchstens im hinteren Drittel ein wenig.

YouTube

Mit dem Laden des Videos akzeptieren Sie die Datenschutzerklärung von YouTube.
Mehr erfahren

Video laden

So schaffen es Microwave nicht nur in ihrer Komfortzone wie mit “Circling The Drain” oder “Bored of Being Sad” zu überzeugen, sondern erschließen gerade mit den frischen Albumtracks viel neues Terrain. Das reicht von Hip-Hop/R’n’B-ähnlichen Beats (“Huperzine Dreams”), über Muse-ähnliches Vocal Layering (“Let’s Start Degeneracy”) bis hin zu leichtfüßigen und tanzbaren Indie-Momenten (“Omni”). Ergänzt werden diese kreativen Ergüsse durch dezente Samples und Synths, die sich nie zu sehr in den Vordergrund drängen und die starke Gitarren- und Bassarbeit überdecken. All diese Experimente glücken ihnen voll und ganz und deuten eine Menge potenzieller Marschrichtungen für die Zukunft der Band an.

Microwave trauen sich aus ihrer Komfortzone heraus

“If you romanticize misery, brother, you’re gonna be miserable.” Auch auf lyrischer Ebene schlagen Microwave einen sehr interessanten Pfad ein, der von der zynischen Abrechnung mit der eigenen Negativität geprägt ist. Den Albumtitel könnte man in diesem Kontext auch als Aufforderung deuten, sich von pessimistischen Ansichten oder der Ohnmacht dem Leben gegenüber zu lösen. “What if everything’s as perfect as we suspected it would be? What if we dropped the catastrophic fatalist philosophy?” Gerade im Szenekontext ist es sehr interessant zu sehen, wie Sänger Nathan Hardy Stereotype bricht und vor allem – vielleicht sogar ungeplant – das Konzept des Traurigseins nur der Kunst wegen in Frage stellt.

Wie schon eingangs erwähnt, wird man leider hinten raus ein wenig zu sehr aus dem Flow des restlichen Albums herausgerissen. Das aber zum Glück nicht so extrem, dass man Microwave ihre unter allen Gesichtspunkten beeindruckende Leistung aberkennen müsste. Wie man schon im vergangenen Jahr bei Movements’ “Ruckus!” (2023) gemerkt hat, kann es einfach eine große Herausforderung sein, alt und neu zu vereinen und mit einem sinnigen roten Faden zu versehen. Dennoch bleibt am Ende eine musikalisch sowie lyrisch aufregende Platte, auf der sich die US-Amerikaner von all ihren besten Seiten zeigen und für die sich das lange Warten seit “Death Is A Warm Blanket” (2019) definitiv gelohnt hat.

Foto: Microwave / Offizielles Pressebild

ALBUM
Let’s Start Degeneracy
Künstler: Microwave

Erscheinungsdatum: 26.04.2024
Genre: , ,
Label: Pure Noise Records
Medium: CD, Vinyl, etc

Tracklist:
  1. Portals
  2. Ferrari
  3. Circling The Drain
  4. Bored Of Being Sad
  5. Straw Hat
  6. Let's Start Degenracy
  7. Omni
  8. Strangers
  9. Concertito In G Major
  10. Huperzine Dreams
Microwave Let's Start Degenracy
Microwave Let's Start Degenracy
8.5
FAZIT
Microwave sind endlich zurück und liefern uns mit “Let’s Start Degeneracy” eine der aufregendsten Platten ihrer Karriere. Darauf wagen sie sich sehr gekonnt in neue Gefilde, bieten uns aber ebenso reichlich starke Tracks im vertrauten Emo/Grunge-Gewand. Wie bei vielen Platten mit ähnlichem Fokuspunkt, tun sich auch Microwave leider ein wenig schwer dabei, einen sinnigen roten Faden durch die zehn Songs zu spinnen. Das ändert aber glücklicherweise nichts an der Qualität des Materials an sich, mit dem das Trio sowohl musikalisch als auch lyrisch vollends zu überzeugen weiß.