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AlternativeRock

Kritik: Nathan Gray / Jesse Barnett - Split (EP)

Es ist Hochsommer und der Platzregen hat dich auf dem Weg nach Hause erwischt. Du rennst zur Haustür und fällst ...

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Es ist Hochsommer und der Platzregen hat dich auf dem Weg nach Hause erwischt. Du rennst zur Haustür und fällst drinnen in den Sessel an deinem Fenster. Die Tropfen klopfen laut an deine Scheibe. In deinem Zimmer ist es zu dunkel für frühen Nachmittag. Deine Jeans klebt nass an deinen Beinen, dein T-Shirt von der Anstrengung an deinem Rücken. Wasser tropft aus deinen Haaren auf deine Wangen.

Erschöpft schließt du deine Augen und atmest tief durch. Du machst deine Playlist an. Eine seltsame Zufriedenheit stellt sich ein. Leise gezupfte Akkorde klingen vom Fensterbrett und flüsternder Gesang dringt in deine Ohren. Nachdenklich gucken die zwei Sänger in den grauen Himmel und du wischst dir den Regen aus dem Gesicht.

So in etwa fühlt es sich an, die Split-EP Nathan Gray / Jesse Barnett von End Hits Records zu hören. Boysetsfire-Sänger Nathan Gray und Stick To Your Guns-Frontmann Jesse Barnett beteiligen sich gerne an verschieden Nebenprojekten, bei denen sie ihre Akustikgitarren auspacken können. Für die Split-EP tun sich beide mit jeweils drei Songs zusammen – und das funktioniert sehr gut.

Nathan Gray eröffnet die Platte mit seinen Songs, die er mit Pete Steinkopf von The Bouncing Souls in New York aufgenommen hat. Mit „Enough“ beginnt der Boysetsfire-Sänger seinen Part ruhig. Er setzt die Pausen im Song gekonnt, füllt jede Stille bedeutungsschwer mit der Erwartung, wie der Songs sich weiterentwickelt. Zu sanften Akustik-Akkorden singt Gray kraftvoll „it´s enough I believe“.

Es reicht ihm mit unbeantworteten Fragen, Zweifeln und dem Glauben an eine Liebe, die aussterben wird. Der Song bäumt sich mit Streichern auf und streckt sich in alle Ecken des Raums aus. Diese Fülle im Klang nimmt er mit in den nächsten Track „Find me“. Hier startet Nathan Gray deutlich härter mit verzerrten Gitarren und Schlagzeug. Trotzdem schafft er es, die Atmosphäre eines ruhigen Akustiksets aufrecht zu erhalten. Der Song beginnt mit einer flehenden Bitte um Sicherheit und Zuneigung.

“Please don´t hold too tight,
but please don´t let me go,
would you love me as I am
and when my demons send you home?
yeah it is true that I have been broken for so long,
and this old heart is better than bruised,
so please remind me how it feels to be clean again,
wash these scars and kiss me new”

Verzweiflung und Schmerz in seine Stimme zu legen, hat Nathan Gray bereits mit Boysetsfire ordentlich geübt und so gelingt ihm das auf der Split-EP ebenso gut. Theatralisch kann zu den Zeilen „You would not be the first to run, but I would die if you let go” und “take my heart and let it bleed” mitgeschluchzt werden.

Zum Abschluss von Grays Beitrag zur geteilten EP wird es auch am klanglichen Himmel mit dem Song „Brighter“ wieder heller. Auch wenn der Song textlich ähnlich düster beginnt („Here is to the nightmares I have lived with all my life“), handelt es sich diesmal um eine Hymne auf das Wiederaufstehen und das aus Fehlern Lernen. Zweistimmiger Gesang bringt eine epische Breite, wie man es auch von Boysetsfire kennt. Unglaublich kraftvoll fragt Gray: „How do we shine brighter with hearts so broken and tired?” Die Instrumentierung ist umfangreich, Gitarren klingen zeitweise nach 80s-Rock, das Schlagzeug legt nochmal einen drauf.

Der Übergang zu Jesse Barnetts Part auf der EP ist hart. Während Nathan Gray auf den letzten Sekunden seines Beitrags gegen verzerrte Gitarren anschreit, verzichtet Jesse Barnett gänzlich auf laute Töne. Die EP erfährt einen abrupten Stopp und setzt sich deutlich langsamer wieder in Gang.

In Barnetts erstem Song „Amsterdam“ dreht es sich textlich um Entschleunigung im Alltag. Auch aus seinen Songs nimmt er Tempo raus. Mit seiner hellen Stimme erwärmt sich der Raum. Er klingt verträumt, scheint mit geschlossenen Augen vor sich hin zu klimpern. Seine Songs fließen natürlich durch die Kulisse. An Stelle des erwarteten Chorus setzt der Stick To Your Guns-Frontmann Stille und bricht eingetrichterte Erwartungen.

Mit seinem zweiten Song „Hang Your Love“ hat Jesse Barnett eine Liebeserklärung an seine Ehefrau geschrieben. „You hang your love on everything“, schwärmt er und erzählt von ihrer Begeisterungsfähigkeit und wie sie ihm zu einem besseren Menschen macht. Barnett klingt hierbei tatsächlich nie kitschig. Er braucht weder große Worte noch laute Töne. Der vertonte Liebesbrief wirkt ehrlich und besonders aufgrund der unaufgeregten Instrumentalisierung authentisch.

In „Stay With Me“ wird Jesse Barnett melancholisch. Er arbeitet sich durch den Schmerz und die Frustration einer vergangenen Beziehung, während gezupfte Akkorde und leise Klaviertasten mit ihm schwingen. Der Song wirkt in seiner Einfachheit berührend intim und fast schon unangenehm nah.

„Sit with me in silence,
and when he comes to you,
you can go with him,
don´t turn around,
no, I will lie alone
and you will lie with him”

Jesse Barnett auf Tour

Live-Dates

ALBUM
Nathan Gray / Jesse Barnett – Split (EP)
Künstler: Jesse Barnett

Erscheinungsdatum: 16.08.2019
Genre: ,
Label: End Hits Records
Medium: CD, Vinyl

Tracklist:
  1. Enough
  2. Find Me
  3. Brighter
  4. Amsterdam (feat. Wish You Were Here)
  5. Hang Your Love (feat. Wish You Were Here)
  6. Stay with Me (feat. Wish You Were Here)
Nathan Gray Jesse Barnett
Nathan Gray Jesse Barnett
8
FAZIT
Die Split EP von Nathan Gray und Jesse Barnett bringt auf kurzen sechs Songs eine wunderbare Mischung aus den Soloprojekten des Boysetsfire-Sängers Nathan Gray und Stick To Your Guns-Frontmanns Jesse Barnett. Während Nathan Gray in seinen drei Songs auf umfangreiche Instrumentalisierung und rockige Gitarren setzt, beschränkt sich Jesse Barnett auf die Kraft seiner Stimme über seichten Akustikklängen.

Gray bleibt damit deutlich näher an dem Sound seiner Hauptband, während Barnett mehr Distanz zu seiner Haupttätigkeit als Sänger bei Stick To Your Guns schafft. Für Grays Part hätte man sich mehr Mut für Ideen abseits vom Post-Hardcore und melodischem Emo wünschen können, aber er hält sich an das, was er am besten kann und überzeugt mit seinen Lyrics. Selbstreflektion, Leid, Kraft und zu sich selbst finden sind Themen, die der Sänger ehrlich und authentisch in knappe Zeilen verpacken kann.

Jesse Barnett hingegen bewegt sich im reduzierten Singer-Songwriter-Sound. Dieser steht dem Sänger sehr gut. Schon bei Stick To Your Guns wird deutlich, wie gut Barnett seine wandelbare Stimme einsetzten kann. Bemängelt werden kann hier nur die fehlende Abwechslung in der Stimmung seiner drei Songs. Gerne hätte auch Barnett zwischendurch etwas lauter und wütender werden können.