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Deftones: Warum „Diamond Eyes“ die Band gerettet hat

Ein Rückblick auf die komplizierte Geschichte der Band.

VON AM 25/12/2023

Das Internet ist ein sehr seltsamer Ort. Manchmal, so scheint es, treten Hypes auf, die man nicht ganz erklären kann. Ähnlich ergeht es einigen Bands, die urplötzlich an Popularität gewinnen, während sich andere, trotz fabelhafter Musik in der Hinterhand, nie wirklich von der Masse an Künstler:innen abheben können. Dann gibt es noch diese Bands, die längst ihren Zenit überschritten haben und von Album zu Album eher Fan Service betreiben, statt eine größere Schar an neuen Fans zu generieren. Die Deftones müssten eigentlich zu letzteren zählen, haben es aber irgendwie geschafft im 35. Bandjahr wieder “voll im Trend” zu sein – Social Media sei Dank.

Mit dem großen Erfolg von Bands wie Sleep Token, Bad Omens, aber auch The Plot In You und Spiritbox, die allesamt für ihren Crossover-Sound und dem Spagat zwischen harten, aber auch ruhigeren Alternative Momenten bekannt sind, scheinen auch die Deftones wieder einen Platz bei der jüngeren Zielgruppe gefunden zu haben. Doch ein schwerer Schicksalsschlag im November 2008 bedeutete nicht nur einen tiefen Einschnitt in das Bandgefüge, sondern auch das beinahe Ende der Deftones, die mit “Diamond Eyes” eine unerwartete Wiedergeburt erleben durften.

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Deftones: die Anfänge

Wenn man so will, kann man die Karriere der Deftones in verschiedene Ären einteilen, denen sich viele Fans jeweils zuordnen lassen. Beginnend bei den wilden Anfängen um “Adrenaline” (1995), auf das Sänger Chino Moreno heute ungerne zurückblickt, sowie “Around The Fur” (1997) mit seinen ersten großen Hits wie „My Own Summer (Shove It)“ und “Be Quiet and Drive (Far Away)”. Mit “White Pony” folgte 2000 das wohl wichtigste Album der Band, das 2020 sogar einen großen Re-Release feierte und das Remix-Album “Black Stallion” enthielt. Es ist zugleich auch das Album oder zumindest gewisse Songs wie “Change (In The House Of Flies)” davon, die zuletzt via TikTok an großer Popularität zurückgewinnen konnten.

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Die beiden nachfolgenden Platten, “Deftones” (2003) und “Saturday Night Wrist” (2006) waren sowohl ein musikalischer Einschnitt als auch eine harte Bewährungsprobe für das Bandgefüge, unter anderem verursacht durch die privaten Probleme von Chino Moreno. Gerade “Saturday Night Wrist” hatte bis zu seinem Release einen jahrelangenen Schreib- und Aufnahmeprozess benötigt und waren auch von den eher enttäuschenden Verkaufszahlen getrieben. Mit der zeitnahen Veröffentlichung eines Nachfolgers namens “Eros” wollte man ursprünglich 2009 planen, doch leider machte ein schwerer Verkehrsunfall von Bassist Chi Cheng einen Strich durch die Rechnung. Cheng, der bei seinem Unfall nicht angeschnallt war, fiel ins Koma und wurde durch Quicksand Bassist und guten Freund der Band Sergio Vega ersetzt, um die anstehenden Live-Shows zu spielen. 

Eros und die Ungewissheit um Chi Cheng

“Eros”, das bis heute als verlorenes Album gilt, wurde im Zuge der ungewissen Zukunft von Chi Cheng zurückgestellt und obwohl zunächst nicht klar war, ob und wie die Deftones überhaupt weitermachen würden, entschied man sich erneut mit Vega ins Studio zu gehen und ein neues Album zu schreiben. Das Ergebnis war “Diamond Eyes”, ein herzzerreißendes Album, das zu einer Zeit entstand, in der die Band hoffnungsvoll auf den Zustand ihres Bassisten blickte und lyrisch ungewohnt positiv ausgerichtet war, um die damalige Energie der Band zu kanalisieren. Eben auch ein Gegensatz zur jüngeren Vergangenheit und den beiden Alben davor.

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Album Nummer vier, “Deftones”, ist der mit Abstand düsterste Output. Hier stellte die Band komplett auf siebensaitige Gitarren um, erweiterte elektronische Sounds und zeigte gleichzeitig mehr Zurückhaltung. Ihre langsame, düstere Seite hatte eine ebenso große Wirkung wie ihre charakteristische Härte. Es ist zuweilen sehr verstörend, aber trotz der ursprünglich eher gemischten Kritiken, ein sehr unterschätztes Album. Nichtsdestotrotz kann die Zeit als der Beginn der persönlich düsteren Phase der Band betrachtet werden.

Der Nachfolger “Saturday Night Wrist” ist aus ganz anderen Gründen düster. Im Vergleich ist es ein unzusammenhängendes Durcheinander. Klanglich ergänzen sich die Songs weitgehend, die Probleme sind eher struktureller Natur. Oft hat man den Eindruck, dass die Band bisher unzusammenhängende Ideen zusammenfügte, doch wenn man den Kontext hinzuzieht, in dem das Album geschrieben und aufgenommen wurde, sind die Gründe hierfür sehr plausibel. Zu diesem Zeitpunkt waren die Spannungen so groß, dass die Mitglieder voneinander isoliert waren, individuell Musik machten und diese Ideen per E-Mail austauschten. Eine Praxis, die heutzutage, vor allem auch die die Corona-Pandemie befeuert, keine außergewöhnliche ist. Rückblickend ist es jedoch der Grund dafür, dass “Saturday Night Wrist” eine Art Patchwork-Album ist und entsprechend experimentell klingt. Ein Wunder also, dass es weder von den Kritiker:innen und Fans zerrissen wurde, noch das Ende der Band bedeutete.

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Diamond Eyes als Neubeginn

Mit “Diamond Eyes” leiteten die Deftones schließlich eine neue Ära für sich ein und änderten nicht nur ihren Sound hin zu einer verhältnismäßig euphorischen Grundstimmung, sondern erarbeiteten ihre Songs wieder klassisch im Proberaum und nicht via Pro Tools. Das Ergebnis war zugleich erfrischend wie kraftvoll und auch der Grund dafür, das viele neue Fans zur Band stoßen sollten.

Schon der Opener und Titeltrack “Diamond Eyes” gibt die Marschrichtung vor und zeigt die Band wieder stringenter in ihrem Songwriting. Ein Refrain ist wieder ein Refrain, der Song folgt einer gängigen Pop-Struktur, um am Ende einen heftigen Breakdown folgen zu lassen. “CMND/CTRL” stampft von der ersten Sekunde los, während “You’ve Seen The Butcher” nicht nur des Musikvideos wegen der Inbegriff der Deftones-Sexiness ist. Ein langsamer, schwerer Umhang in den sich Morenos Vocals hüllen, bevor sie auszubrechen versuchen, um dann wieder in den Armen nach Schutz zu suchen.

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“Beauty School” und “Sextape” sind zugleich zeitlos, verträumt und poppig, haben aber eine Wärme inne, die kaum zu erklären ist und sowohl auf stimmlicher als auch instrumentaler Ebene – allen voran durch Gitarrist Steven Carpenter – überzeugen können. Doch gerade die Lyrics zu “Risk” hinterlassen immer wieder Gänsehaut, wenn es heißt “You’re locked up, you exhaled. You did it before and I seen it.” und “I’ll find a way. I’m confused though, but I think I can try. I will save your life.” und die Hoffnung auf eine baldige Genesung des sich zur damaligen Zeit in Koma befindenden Bassisten aufrecht erhält.

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Chi Cheng jedoch verlor den Kampf letztendlich. Am 13. April 2013 starb der Musiker im Alter von 42 Jahren trotz einiger Fortschritte, die er über die Jahre zu machen schien. 2012 veröffentlichten die Deftones mit “Koi No Yokan” den Nachfolger zu “Diamond Eyes“, bei dem Bassist Sergio Vega sehr viel mehr eingebunden wurde und das vor allem für seine Dynamik und Abwechslung in höchsten Tönen gelobt wurde. Seit 2021 gehört Vega allerdings nicht mehr zur Band, sodass das 2024 erscheinende neue Album auch das erste ohne sein Zutun seit 2009 sein wird. Man kann also gespannt sein, was die Zukunft noch für die Band parat hält.

Foto im Auftrag von MoreCore.de: Karoline Schaefer (Cat Eye Photography)

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