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AlternativePost-Hardcore

Kritik: Being As An Ocean - "Proxy: An A.N.I.M.O. Story"

Ist Proxy: An A.N.I.M.O. Story die logische Weiterentwicklung der Band? Kann es an die Qualität seines Vorgängers anknüpfen? Ist das ...

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Ist Proxy: An A.N.I.M.O. Story die logische Weiterentwicklung der Band? Kann es an die Qualität seines Vorgängers anknüpfen? Ist das noch Melodic Hardcore? Machen Being As An Ocean jetzt Pop? Ist das der Sell-Out oder machen die 4 Jungs aus San Diego einfach nur das, worauf sie Lust haben?

Die Antworten zu geben ist gar nicht so leicht und wäre in dem einen oder anderen Fall wohl auch anmaßend. Fest steht, dass die Band mit ihrem neuen Album den wohl größten Entwicklungsschritt ihrer Bandkarriere gegangen ist.

Machen wir mal einen kurzen Sprung zurück ins Jahr 2017. Der Hype um Melodic Hardcore ist merklich abgeebbt, aber wie nach jedem Hype bleiben einige Bands weiterhin relevant oder wachsen sogar noch weiter. Mit “Waiting for Morning to Come“ haben BAAO mein damaliges Album des Jahres 2017 veröffentlicht. Hier hat die Band es geschafft, die Atmosphäre und Intensität ihrer Musik um eine ganz neue Facette zu erweitern. Die Musik wurde noch viel einnehmender und dichter und die geschmackvolle Benutzung anderer Instrumente, Samples und Songstrukturen hat mich sehr begeistert. Konnte den einen oder anderen aber auch bestimmt nicht sofort abholen. Aber seien wir mal ehrlich. Dieses Problem hat eigentlich jede Band, die sich dazu entscheidet, deutliche (Weiter)-Entwicklungen ihres Sounds anzustoßen.

Dies bringt uns wieder zurück zu „Proxy: An A.N.I.M.O. Story“. Es ist 2019 und „Crossover“ wird neu definiert. Mit Zakk Cervini (Atreyu, Fever 333, Good Charlotte, Halsey, Poppy, Yungblud) haben sich BAAO einen Produzenten ins Boot geholt, der sich zwischen den Genres bewegen kann. So ist er auch einer der Mitgestalter dieser derzeitigen Symbiose aus Pop und Alternative, Synthesizern und Gitarren, aus Rap, Gesang, Screams und Autotune-Samples, 808-Bässen, HiHat-Rolls und echten Drums. All das lässt sich in PROXY: An A.N.I.M.O. Story auch wieder finden.

Das Intro beginnt mit einem energie- und Brass-Sample geladenem Trap/Future Bass-Intro, welches die Erwartungshaltung auf das, was kommt, ins Unermessliche steigert. Dies bringt uns zur ersten Singleauskopplung „Play Pretend“ und dem wohl stärksten Song des Albums. Mit leisem Piano und Drum`n`Bass Beat eröffnet das Album mit einem Song, der höchstwahrscheinlich genau in derselben Reihenfolge auch in den Live-Sets der Bands beginnen wird. Es ist einer der wenigen Songs mit offensichtlich wahrzunehmenden, verzerrten Gitarren. Zusammen mit Find Our Way wohl die beiden Songs, bei denen Fans des alten Sounds noch am ehesten Zugang bekommen könnten. Interessant ist, dass man auf vielen Ebenen des ganzen Albums Parallelen zu „amo“ von Bring Me The Horizon erkennen kann. Ob das einfach nur Zufall beziehungsweise ein logisches Ergebnis ähnlicher Einflüsse ist oder doch kalkulierte Strategie, möchte ich nicht bewerten. Allerdings konnte man bereits auf den beiden vorherigen Alben Soundeinflüsse erkennen, die vermuten ließen, das Joel und Co. versuchen Genregrenzen aufzubrechen.

Genau diese Absicht wird mit den folgenden Songs immer klarer. „Brave“ ist eine aktuelle Pop-Ballade, die in der Form auch ein Halsey-Song hätte sein können. „Tragedy“ und „Skin“ sind Songs, in denen die Atmosphäre und die charakteristischen Stilelemente von BAAO wieder offensichtlicher werden. Und auch wenn Gitarren hier nur einen geringen Anteil an der Soundästhetik haben, funktionieren sie sehr gut und ich kann mir vorstellen, dass sie live eine ganz andere Intensität entwickeln.

In der Mitte des Albums folgt ein Interlude, welches von einem durchgehenden Synthesizer-Arpeggio, das unweigerlich an Intro-Melodien von Serien (wie Halt and Catch Fire oder Stranger Things) erinnert, getragen wird.

Fast schon zu erwarten war, dass nach dem Intro wieder ein energiegeladener Song folgen wird. „B.O.Y.“ spielt wieder mit den Gegensätzen, die dieses Album durchziehen. Schnell und langsam, laut und leise, geschrien und gesungen und findet seinem Höhepunkt in einem Breakdown, der fast an alte Korn erinnert. Es geht weiter mit den vielfältigen Einflüssen. „Low Life (Ode to the Underworld)“ kann man sich am Besten in einem großen Stadion performt vorstellen und mit „Demon“ liefern Being As An Ocean die fast schon obligatorische Rap-Nummer, um noch mehr Stile in einem Album zu vereinen. Bei „Watch Me Bleed“ fällt es wieder schwer, nicht mindestens einmal an BMTHs „amo“ zu denken. „See Your Face“ bringt einer Dubstep-Basis abermals eine neue Facette, die sich wieder sehr homogen mit dem BAAO-Sound vermischt und sich als Song auch noch sehr gut auf den Vorgänger hätte verirren können. „A.N.I.M.O.“ ist der namensgebende Song des Albums. Düstere Industrial Sounds, clean-gesungene Parts, die in mir Assoziationen zu Bands wie A Perfect Circle schaffen und die verzerrten Shouts am Ende sorgen spätestens hier für die Erkenntnis, dass sich BAAO jetzt endgültig nicht mehr einem Genre zuordnen lassen möchten. Aber wir sind ja auch im Jahr 2019, wo es diese Grenzen schon lange nicht mehr zu geben scheint.

Die Produktion von PROXY ist auf absolutem Top-Niveau, die verschiedenen Stilmixturen fühlen sich an keiner Stelle erzwungen oder unharmonisch an. PROXY ist definitiv kein Pop-Album, aber definitiv auch kein Melodic Hardcore mehr, was das Vorgängeralbum aber eigentlich auch schon nicht mehr war. Wir können auf jeden Fall gespannt sein, wie die Band dies live präsentieren kann und was noch so folgt.

Anspieltipps: Play Pretend, BOY, Demon, Watch Me Bleed, See Your Face

Beitragsfoto: Being As An Ocean / Offizielles Pressebild

Being As An Ocean auf Tour

Live-Dates

ALBUM
Proxy: An A.N.I.M.O. Story
Künstler: Being As An Ocean

Erscheinungsdatum: 13.09.2019
Genre:
Label: Believe Digital
Medium: CD, Vinyl

Tracklist:
  1. Intro (The Envoy)
  2. Play Pretend
  3. Find Our Way
  4. Brave
  5. Tragedy
  6. Skin
  7. Interlude (Circuit Bender)
  8. B.O.Y.
  9. Low Life (Ode to the Underworld)
  10. Demon
  11. Watch Me Bleed
  12. See Your Face
  13. A.N.I.M.O.
  14. Outro (What It Means to Be Human)
Being As An Ocean Proxy: An A.N.I.M.O. Story
Being As An Ocean Proxy: An A.N.I.M.O. Story
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FAZIT
"Proxy: An A.N.I.M.O. Story" reiht sich ein in die Reihe der Alben, mit denen sich bestimmte Bands endgültig von Genregrenzen lossagen. Und genau das tun Being As An Ocean mit diesem Werk auf mutige Art und Weise.