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21/11/2025
Review
Rock
Kritik: Aerosmith & Yungblud – „One More Time“
Aerosmith sind „Back in the Saddle“ und bereit für „One More Time“. Yungblud ist auch dabei.
VON
Tobias Tißen
AM 17/11/2025
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Aerosmith waren längst dabei, ihre große Karriere ausklingen zu lassen (seit 2012 gab’s keine neue Musik mehr!); Yungblud währenddessen auf Kurs, seine Generation wieder für Gitarrenmusik zu begeistern. Und plötzlich kommen beide Welten zusammen, die alte und die neue Rock’n’Roll-Generation.
Bei der gemeinsamen Ozzy-Hommage bei den VMAs sprang der Funke zwischen Aerosmith und Dominic Yungblud Harrison über, kurze Zeit später ging es zusammen ins Studio und jetzt ist sie da: die fünf Songs starke EP „One More Time“.
Davon vier brandneue Co-Writes von Aerosmith & Yungblud, eingespielt mit Matt Sorum (Guns’n’Roses) statt Stamm-Drummer Joey Kramer am Kit, sowie eine Neuauflage des Klassikers „Back in the Saddle“.
Aerosmith machen’s „One More Time“
„My Only Angel“ wurde als Vorgeschmack auf die EP veröffentlicht – und dürfte die Aerosmith-Fans unter den Hörern direkt in den ersten Sekunden begeistern und vor den Kopf stoßen zugleich. Steven Tyler beginnt a cappella. Und es ist zwar das erste Mal seit 2012, dass die Fans die markante Stimme des Frontmanns auf neuem Aerosmith-Material hören, gleichzeitig ist sie aber (zu) hörbar mit modernen Elementen ummantelt.
Aber was soll’s: Spätestens, wenn Joe Perrys Gitarre warm-bluesig reinkommt und Steven Tylers und Yungbluds Stimmen im Refrain zusammenwachsen, dürften beide Fanlager zufrieden mitschwofen.
Die Hook ist groß, aber ohne Kitschexplosion. Der Song im Mid-Tempo, aber nicht träge. Die Produktion poliert, aber nicht steril. Ein klassisches Perry-Solo zieht den Song leichtfüßig über die Ziellinie.
Die jungen Aerosmith der 1970er treffen hier auf ihre gereifteren und balladenerprobten Spiegelbilder aus den tiefen 1990ern, Yungblud versieht das Ganze mit einigen rotzigen und modernen Farbtupfern.
Zwei Generationen treffen sich am Sweet Spot
„Problems“ knüpft an den Opener an: Unter dem Intro liegt ein bisschen Live-Atmo aus der Konserve, Gitarre und Schlagzeug könnten nicht mehr nach klassischem Hardrock der Aerosmith-Schule klingen. Yungblud schmettert die Strophe dazu sehnsüchtig und fast schmachtend, bevor dezente Streicher den Midtempo-Track in Richtung Pomp-Refrain drücken.
Ja, der Bruch zum atmosphärisch recht ähnlichen „My Only Angel“ ist etwas gering. Aber Steven Tyler beweist ein weiteres Mal, wozu er mit stolzen 77 Jahren stimmlich noch in der Lage ist. Joe Perry tut es ihm an der Gitarre gleich. Und der Refrain bohrt sich sogar noch schneller ins Ohr als der des ersten Songs.
In dieser Sweet-Spot-Zone zwischen 70er-Aerosmith-Hardrock und Yungbluds 2020er-Rockästhetik macht man es sich gern gemütlich.
Mit „Wild Woman“ in den Wilden Westen
Jetzt wird es etwas experimenteller – denn „Wild Woman“ kommt mit ordentlich Wüstenstaub auf der Zunge daher. Western-Gitarre, starker Country-Vibe; Streicher tragen den Chorus schließlich heraus in die Weiten der Prärie.
Auch wenn man den Musikern so langsam einen vorsichtigen Arschtritt verpassen will, damit sie das Tempo mal etwas anziehen, ist „Wild Woman“ eine durch und durch gute, gefühlvolle Country-Rock-Nummer.
Geht’s mit mehr Tempo durch „A Thousand Days“? Nope. Stattdessen geht’s sogar noch tiefer als auf den ersten drei Tracks in balladige Gefilde. Aber die Enttäuschung ist schnell verflogen: der Kontrast der beiden Stimmen – jugendliche Energie vs. Vibrato mit Patina – wirkt hier am stärksten.
Dazu wieder Streicher und eine ordentliche Spur Pathos. Wer Aerosmiths überlebensgroße Balladen wie „I Don’t Want To Miss A Thing“ genauso liebt wie Yungbluds jüngste Platte „Idols“, ist hier an seinem musikalischen Jahrespeak angelangt.
Aerosmith sind endlich „Back in the Saddle“
Zum Schluss gibt’s noch die Neuauflage eines Aerosmith-Klassikers. „Back in the Saddle“, zuerst erschienen 1976 auf „Rocks“. Der 2025er Ansatz dreht am Punch: die Instrumente klingen klarer, der Mix ist breiter. Yungblud darf kreischen, Steven Tyler hält alles auf Kurs.
Klar: das Original hat Stallgeruch; klingt organischer und wärmer. Jetzt ist alles eine Spur glattgebügelt – aber dafür eben auch druckvoller. Welche Version von „Back in the Saddle“ man ab sofort bevorzugt, ist vor allem Geschmackssache.
Als Statement funktioniert’s aber tadellos: „Wir sind noch lange nicht tot, wir sind ‚Back in the Saddle‘ und bereit für ‚One More Time‘!“
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