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Slipknot: Die Professionalität endet anscheinend am Bühnenrand

Über den Umgang der Band mit einer Trennung.

VON AM 20/11/2023

Slipknot haben es diesen Monat wieder einmal geschafft, abseits der Bühne für Schlagzeilen zu sorgen. Der Rauswurf von Schlagzeuger Jay Weinberg hat dabei allerdings ganz unabhängig davon, wie man seine musikalische Qualität bewerten mag, ein äußerst schlechtes Bild auf die Band und ihre Medienarbeit geworfen. Vom quasi exaxt genauso abgelaufenen Split mit Craig Jones im Juni fangen wir gar nicht erst an.

Der Ton macht die Musik – auch abseits der Bühne

Dabei gilt zunächst einmal klarzustellen, dass es selbstverständlich das gute Recht einer jeden Band ist, personelle Veränderungen vorzunehmen. Ob es die zunächst genannten kreativen Gründe sind oder ob doch finanzielle Aspekte hinter der Trennung stehen? Sind es persönliche Gründe? Vielleicht gibt es noch ganz andere Gründe, die wir nicht kennen. Das interessiert die Öffentlichkeit zwar, ist aber im Ergebnis zweitrangig. Wir bekommen schließlich nicht alles mit, was in der Band abläuft. Wenn die Band eine solche Entscheidung getroffen hat, kann man davon ausgehen, dass es gute Gründe gab. Insofern mag man für die Trennung noch Verständnis haben.

Inakzeptabel ist aber die Art und Weise, wie die Trennung verkündet – oder eben nicht verkündet – wurde. Zunächst ein Post, der dann wieder gelöscht wurde. Auf der Homepage ist Weinberg nicht mehr zu sehen, ein offizielles Statement fehlt aber weiterhin. Stattdessen kann sich Jay Weinberg selbst über die Trennung äußern, ohne dass die Band dem etwas entgegensetzt.

Ironie der Geschichte: Schon Weinbergs Vorgänger Joey Jordison wurde 2014 aus der Band geworfen, ohne dass es eine saubere Trennung gab. Stattdessen gab es nur Unmengen wilder Gerüchte. Den Schlagzeuger würdevoll zu verabschieden – das scheint bei Slipknot ein Ding der Unmöglichkeit zu sein. Bei einer Band dieser Größe ist das mehr als unverständlich. Übrigens wurde auch die Trennung von Chris Fehn im Jahr 2019 – wir erinnern uns – von diversen Nebengeräuschen und gegenseitigen Beschuldigungen begleitet. Man muss sich schon fragen: Warum fällt es Slipknot so schwer, einen sauberen Schlussstrich zu ziehen?

Wo ist Medienabteilung von Slipknot?

Medienarbeit war für Bands schon immer wichtig – und zwar unabhängig von ihrer Größe oder ihrem Status. Kleinere Bands mögen dies hin und wieder unterschätzen, doch ab einer gewissen Größe sollte klar sein, dass jeder Schritt und Tritt aufmerksam beobachtet wird. Im Zeitalter der sozialen Medien ist die Darstellung in diesen nahezu genauso wichtig wie das Schreiben guter Songs. Das mag zwar lästig sein, doch Bands von der Größe wie eben Slipknot werden keine Probleme damit haben, sich eine ausreichend große und professionelle Medienabteilung zu leisten. Und wenn man sich den Auftritt der Band im Netz anschaut, funktioniert sie in aller Regel auch sehr gut. Umso schlimmer, dass sie im Fall der Trennung von Jay Weinberg offensichtlich auf ganzer Linie versagt hat.

Warum gelingt es der Band nicht, ein vernünftiges Agreement mit dem Ex-Schlagzeuger zu vereinbaren, entsprechende Presse-Statements abzustimmen und dann auch die Trennung zu einem fest vereinbarten Zeitpunkt bekanntzugeben? Jeder Fußballklub in der Kreisliga A schafft es, sich mit warmen Worten vom scheidenden Trainer zu verabschieden, wobei dieser im gemeinsamen Statement auch noch brav betonen darf, welche Ehre ihm die Arbeit beim Traumverein seiner Kindheit bedeutet habe. Einvernehmliche Trennung heißt das Zauberwort. Eigentlich kein Ding der Unmöglichkeit. Und Slipknot lässt es zu, dass die Gerüchteküche hochkocht, es mehr Fragen als Antworten gibt und die Band und ihre Außendarstellung letztlich ziemlich ramponiert dastehen lässt?

Das Verhalten lässt nur zwei Schlüsse zu

Im Ergebnis lässt dieses amateurhafte Verhalten nur zwei Schlüsse zu. Entweder war das Tischtuch zwischen Weinberg und der Band so zerschnitten, dass es am Ende nicht einmal mehr gelungen ist, das Ende würdevoll über die Bühne zu bringen. Nicht ausgeschlossen, doch die vor allem enttäuschten und überraschten Äußerungen Weinbergs über die Trennung sprechen nicht dafür. Zumindest von seiner Seite dürfte die Bereitschaft für ein vernünftiges Ende vorhanden gewesen sein. Wahrscheinlicher erscheint es daher, dass irgendjemand in der Band in einem unangenehmen Anflug von Machtmissbrauch alle Medienstrategien über den Haufen geworfen hat. Frei nach dem Motto: Erst posten, dann denken.

Bei einer Teenie-Band, die sich gerade heillos im Proberaum zerstritten hat, kann man den wütenden Instagram-Post im Anschluss noch verstehen und verzeihen. Bei einer weltweit erfolgreichen Band, die seit fast 30 Jahre unterwegs ist, fehlt allerdings jegliches Verständnis. Aus so einer kopflosen Aktion geht bekanntlich niemand als Gewinner hervor. Zumindest wurde über die Band-Accounts (noch) keine Schlammschlacht mit Jay Weinberg eröffnet. Hoffen wir, dass uns und allen Beteiligten das auch in Zukunft erspart bleibt. Vielleicht wird ja mit dem vermutlich neuen Drummer Jeramie Kling alles besser. Dass dieser seinen womöglichen Einstieg bei Slipknot allerdings schon via – später wieder gelöschtem – Post inklusive Band-Logo verkündet hat, macht aber wenig Hoffnung auf Besserung.

(Nearly) All Hope Is Gone

So bleibt uns noch die allerletzte, kleine Hoffnung. Nämlich, dass wir alle Teil einer groß angelegten PR-Strategie sind. Eine zugegebenermaßen sehr geringe Hoffnung. Zumindest bleibt es bei Slipknot auch in Zukunft spannend.

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Foto im Auftrag von MoreCore.de: Pia Böhl (piaboehl)

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