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Before The Hype: Phantom Bay und die neuen Entwicklungen im Hardcore

Wie stehen die Chancen zum Erfolg in der heutigen Zeit?

VON AM 18/09/2023

“Meine Hoffnung ist, dass in zwei Jahren nicht nur Ü30-Jährige auf Shows zu finden sind, sondern auch 17/18-Jährige ‘nen Two-Step hinlegen.” Der Hardcore steht im Jahr 2023 an einem der interessantesten Punkte in der Geschichte des Genres. Die Corona-Zwangspause sowie der kommerzielle Erfolg von Turnstile und ihrer Jahrhundert-Platte “Glow On” haben in der Szene vielleicht etwas erweckt, was lange nicht mehr da gewesen ist: Das Streben nach mehr. Anders als viele andere Subkulturen hat der Hardcore zuvor noch nie so wirklich den Sprung nach draußen geschafft und bekommt nun erstmalig vorgeführt, dass das Ganze auch in größerer Dimension funktionieren kann.

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Andere Genres haben es in der Vergangenheit vorgemacht: So hat beispielsweise der Metal in nahezu jedem Jahrzehnt Ausrufezeichen gesetzt und mit jedem Trend neue Leute ins Boot geholt. Schon seit den 80ern und 90ern ist es für Metal-Bands keine Hürde, Stadien zu füllen. Selbst in Subgenres wie dem Metalcore finden Konzerte seit Beginn der 2010er in immer größer werdenden Dimensionen statt. Aber auch Szenen, die sich in einer kleineren musikalischen Bandbreite abspielen, haben ihre Zeit gehabt. Als Beispiel wäre dort definitiv der Pop-Punk zu nennen, der knapp 20 Jahre nach seinem eigentlichen Peak ein großes Revival feierte. Bekommt der Hardcore nun auch endlich seinen Moment?

Phantom Bay auf dem aufsteigenden Ast

Darüber gesprochen habe ich mit Michael Hanser und Yannic Arens von der Bremer Hardcore-Band Phantom Bay. Das Quartett zählt aktuell zu den vielversprechendsten Formationen der hiesigen Szene – und das obwohl sie sich erst zu Corona-Zeiten zusammengefunden haben. “Ich hab’ Laurin und Yannic gefragt, ob sie Lust auf eine Title Fight-Band haben.” Als ehemalige Mitglieder von etablierten Bands wie New Native, The Deadnotes oder Casually Dressed brachten die drei Gründer jedoch mehr als nur ihre musikalischen Fähigkeiten mit in das neue Projekt. “Man weiß wie der Hase läuft und man bringt Kontakte mit. Man weiß, wen man ansprechen muss.”

Ohne große Schnörkel kam ihr Selftitled-Debüt (2022) daher und präsentierte in knapp 25 Minuten Spielzeit elf geradlinige und emotionsgeladene Songs, die ordentliche Wellen in der Szene schlugen. Auf die Frage hin, warum ihr Sound wohl so gut ankommt, zählen Michael und Yannic drei zentrale Facetten auf: Energetik, Weltschmerz und Nostalgie. “Die Leute haben zu lange auf der Couch gesessen.” Sowohl im Bezug auf das Verlangen nach energiegeladener Musik als auch im Bezug auf die Inhalte ihrer Texte nennen Phantom Bay die Pandemie als wichtigen Katalysator. “Corona und das aktuelle weltpolitische Geschehen haben in den Leuten eine gewisse Wut ausgelöst, die sie rausschreien wollen.”

Vergangenes wieder heraufbeschwören?

Der dritte – etwas komplexere – Faktor der Nostalgie spielt aktuell in der Musikwelt eine große Rolle und ist stellenweise hoch umstritten. Auch Phantom Bay profitieren irgendwo sicherlich davon, dass ihr Sound in der Szene vermisst wurde. So sind Title Fight seit nahezu 8 Jahren inaktiv, während sich andere vergleichbare Bands wie Touché Amoré oder Pianos Become The Teeth zunehmend von ihren Ursprüngen entfernen. Nichtsdestotrotz sieht Michael Nostalgie als essentiellen Faktor beim Musikmachen an: “Wenn ich es schaffe, einen Triggerpunkt zu finden, der mit einem vergangenen Erlebnis zusammenhängt – aber das dosiert mache – dann funktioniert Musik gut.”

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Abgesehen von allem, was vorher schon da gewesen ist, setzen Phantom Bay einen eindeutigen Fokuspunkt in ihrem Songwriting: “Ich muss den Song selber hören und dabei emotional ergriffen sein.” Gepaart mit ihrem Anspruch, schnell auf den Punkt zu kommen, ergibt sich eine sinnige Formel, die auch beim Hörenden gut ankommt. “Die besten Songs sind die, die kurz sind und die ich direkt nochmal anmachen möchte.” Aber auch soundtechnisch stellt sich die Band ein wenig breiter auf und kann mit ihrer Musik sicherlich auch Hörer:innen aus Punk- und Emo-Gefilden abholen. “Ich hab’ das Gefühl, wir könnten mit einer großen Bandbreite an Bands zusammen spielen und es würde immer passen.”

Selbst zur Tat schreiten

Aber wie sind die Bedingungen, um als Hardcore-Band in Deutschland zu wachsen und zu gedeihen? Nicht viele Formationen bestehen wie Phantom Bay aus Musikern mit so viel Vorerfahrung und Kontakten. Nicht jede Band hat die Möglichkeit, nach knapp einem Jahr Bandkarriere ihre Reichweite durch Supportshows (u.a. Turnstile, One Step Closer, Militarie Gun) zu vergrößern. Trotz einer kleineren Szene als in Großbritannien oder den USA kann Deutschland vor allem durch eine gute Infrastruktur in Bezug auf Venues und Fördermöglichkeiten punkten. Michael predigt aber niemals die DIY-Möglichkeiten zu unterschätzen: “Wenn du keine Szene hast, dann machst du eine für dich selbst.”

Im gemeinsamen Gespräch konnten wir feststellen, dass wir alle in unseren jeweiligen Ecken – Michael in Berlin, Yannic in Bremen, ich in NRW – eine neue Welle an DIY-Konzertgruppen wahrnehmen, die wieder Hoffnung auf eine aktive Subkultur mit ersten Anlaufstellen für junge Bands machen. “Das geht zurück zu den Ursprüngen. Du spielst in einer Band, machst gleichzeitig Shows und bist auch aktiver Hörer. Du bist alles drei in einem: Produzent, Veranstalter und Konsument.” Ob die anfänglich genannten Gründe wie post-pandemischer Tatendrang oder die steigende Popularität von Szenegrößen die Ursache dafür sind, kann an der Stelle nur gemutmaßt werden.

Sich nicht unter Wert verkaufen

Immer mehr Bands aus der deutschen Punk-/Emo-/Hardcore-Szene schaffen jedoch auch den Sprung über die Landesgrenze. So lassen sich beispielsweise Giver, Cadet Carter oder die Deadnotes relativ regelmäßig in Großbritannien blicken, während sich die Underground-Lieblinge von Echo Chamber kürzlich sogar bei einer hate5six-Konzertaufzeichnung in Tampa, Florida wiederfanden. Michael sieht die Erklärung dafür unter anderem im steigenden Selbstbewusstsein der hiesigen Acts. “Man hat immer aufgeblickt zu UK/US-Bands, obwohl man so viele Bands hatte, die qualitativ nicht schlechter waren.”

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Es ist die schiere Abenteuerlust und das Interesse an neuen Erfahrungen, die Phantom Bay “schon” zu diesem Zeitpunkt in ihrer Geschichte aus Deutschland raustreiben. So sucht die Band nicht aktiv nach Dingen, die hier nicht zu finden sind, sondern hakt ganz klassisch Ziele auf ihrer Bucketlist ab: “Da kommt viel Musik her, die einen inspiriert. Es fühlt sich nur geil an, wenn man sie dort auch präsentiert.” Die positiven Erfahrungen bei ihren UK-Shows im Mai diesen Jahres lassen sie gut gestimmt auf ihre im Oktober anstehenden US-Shows rund um das Fest in Florida blicken. “Die Szene hört nicht durch die Grenze auf.”

Was fehlt den Bands hierzulande?

Betrachtet man das Gesamtbild von deutschen Bands im Wandel der alternativen Musikszene, lässt sich am Ende des Tages feststellen, dass es auf jeden Fall nicht an talentierten Acts mangelt, die auf internationaler Ebene mithalten können. Michael verfestigt aber nochmals den Punkt: “Deutsche Bands sind manchmal ein bisschen schlecht darin, sich zu vermarkten.” Eine Vereinigung von Künstler:innen, die sich einen Namen gibt und ordentlich positioniert, stellen Phantom Bay als sinnige Hilfsmaßnahme dar. “Wenn Sachen gut sind, dann darf man das auch hypen.” Es gibt sie aber: Die große Kehrseite, die trotz allem immer wieder kleinen bis mittelgroßen Bands in Subgenres einen Strich durch die Rechnung macht.

“A while ago I talked to a man. And he said: ‘Hey boy, I like your work but you need to understand: There’s no value in what you do, self-expression isn’t something to be sold.’”

In ihrem Song “Ends Meet” besingen Phantom Bay die mangelnde Wertschätzung von Kunst in der Gesellschaft und die daraus resultierenden finanziellen Risiken, die sich nicht zuletzt auch für die Band selbst ergeben. Auch in Bezug auf ihre geplante US-Tour machen die Bremer keinen Hehl daraus, mit einigen Euros Starthilfe geben zu müssen. Nicht nur im Hardcore ist es verdammt schwer sich in Zeiten von Streaming, Inflation und Merch Cuts zurecht zu finden. Yannic stellt jedoch relativ früh klar, dass die vier Berufstätigen ihr Bandprojekt nicht als festen Einkommenszweig eingeplant haben. In der letzten Zeile des Songs heißt es jedoch: “If it works out great, if it doesn’t fine.”

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Phantom Bay halten sich also offen, wo es für sie als Band noch hingehen soll. Es lässt sich nur darüber spekulieren, wie sich die Bremer in den internationalen Kontext einordnen und welche Position der Hardcore generell in naher Zukunft in der Musiklandschaft noch einnehmen wird. Eins steht jedoch fest: Mit ihrer vor Kurzem erschienenen EP “Underground” zementieren Phantom Bay einmal mehr ihren Status als einer der wichtigsten Acts des Genres – in Deutschland sowieso und ohne jegliche Zweifel. Wer sich davon live überzeugen möchte, hat auf jeden Fall schon mal im Dezember bei den folgenden beiden Shows die Chance dazu:

01.12.2023 – Loge, Berlin (+Fussy)
02.12.2023 – Desi, Nürnberg (+Fussy)

In unserer Serie „Before The Hype“ stellen wir euch regelmäßig die aktuell spannendsten Bands und Künstler:innen vor, die vielleicht noch nicht, aber sicherlich bald auch bei uns in aller Munde sein werden.

Foto: Anton Brosge / Offizielles Pressebild

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