
Wacken Open Air: Drei Erkenntnisse vom heiligen Acker
Tradition und Wandel.
Wenn unsere Tamara nicht gerade mit ihrem Master in Musikjournalismus eingespannt ist, versorgt sie die Leserschaft mit Rezensionen und Interviews rund um Bands, die eigentlich nur noch unsere Eltern hören. Zu ihren Lieblingsfreizeitbeschäftigungen gehören Till Lindemann und Wacken. Sieht man sie nicht im Club oder durch einen Moshpit tanzen, steht sie hinter dem Tresen und mixt unverschämt gute Cocktails, um mit Freuden ihre Freunde abzufüllen. Neuerdings versucht sie sich auch als Pflanzenmutti und an der E-Gitarre. Ganze 3 Akkorde beherrscht sie schon, einer Karriere in einer Punkband würde also nichts mehr im Weg stehen.
Mit dem vergangenen Wochenende ist nun auch die 33. Ausgabe des legendären Wacken Open Air in Schleswig-Holstein zu Ende gegangen. Das etablierte Heavy Metal-Festival, dass bereits seit 1990 stattfindet und in diesem Jahr im Zeichen von Hexen und Zauberern stand, konnte wieder mit einem pompösen viertägigen Programm aus Musik, Kunst und Darstellerei begeistern. Aber was hat dieses Jahr anders gemacht als die vorherigen, wo waren Entwicklungen und was ist gleich geblieben? Ein paar Gedanken aus Besucher:innen-Sicht.
Mehr Modernität & Diversität
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Wacken – kein Begriff steht mehr für Metal und ist auch außerhalb der Subkultur im Mainstream allgemein bekannt: Da denkt jeder sofort an alte bierbäuchige Bartträger mit verblassten blauen Tattoos und Halbglatze. Doch das Festival beweist Jahr um Jahr mehr, dass es schon lange mehr kann als Heavy Metal und Testosteron-Pralerei.
Wacken unterstützt gerne den Nachwuchs in der Szene, aber nicht nur mit dem hauseigenen Wettbewerb „Metal Battle“, bei dem junge Bands aus aller Welt antreten können, sondern auch mehr und im Hauptprogramm: Future Palace, As Everything Unfolds, Bury Tomorrow, Spiritbox , Motionless In White, Architects – die Zahl der Core-orientierten und anderen Genre-zugewandten Bands wächst und wächst, genau so wie die Präsentation von nicht-männlichen Musiker:innen.
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Außerdem wendet sich das Festival generell immer mehr zukunftsgewandten Themen zu: Inklusionsaktionen wie die „Wheels of Steel“, LGBTQIA+-Infostände, eine Band aus bedrohten Tierarten, um auf deren Schutz aufmerksam zu machen, … . Die Liste ist lang.
Des Weiteren haben wir – ohne uns auf Zahlen zu stützen – den Eindruck, dass das Festival so auch ein immer diverseres Publikum anzieht: Die Besuchenden werden immer jünger und auch weiblicher. Das bemerkt man zum Beispiel an Duschen, Toiletten und Einlass, was uns zum nächsten Punkt bringt.
Aus alten Problemen lernen
Während die Veranstalter aus den schlecht-wettergegebenen Problematiken des letzten Jahres mit Schotterdrainage im Infield und Wegplatten rund um die Camps reagiert haben, wurde auf die Wandlung des Publikums nach wie vor nicht reagiert. Als Frau hat man schlichtweg die schlechteren Karten was Toilettennutzung und Einlass angeht. Während gegen erstes nicht viel getan werden kann, außer für mehr Sanitäranlagen zu sorgen, trifft man am Zugang zum Infield auf bekannte Probleme: Mal wieder sind von den Einlassreihen wieder nur gut 30 Prozent für weibliche Gäste vorgesehen – das wird wie immer auch nicht ausgeschildert. So ist die erste Vorfreude erstmal verflogen, wenn man sich im Gegensatz zu den männlichen Begleitern erstmal noch 20 Minuten anstellen muss.
Während sich das Festival auf Matsch besser vorbereitet hat, wird bei dieser vorrangig sonnigen Ausgabe klar, dass auch hier etwas aufgerüstet werden könnte. Nach wie vor gibt es wenig Möglichkeiten, der Sonne (oder spontanem Starkregen) zu entkommen.
Eine positive, aber dennoch bittersüße Veränderung ist das „Access Pass“-System mit welchem Wacken scheinbar das Verkehrsproblem der letzten Jahre (zumindest was die Anreise angeht) gelöst hat: Keine fünf Minuten hat es diesmal gedauert, bis man seinen Campingplatz beziehen konnte. Auch im nächsten Jahr wird man deshalb vorab zwischen verschiedenen Anreiserouten wählen können – allerdings für zusätzlich 33 Euro mehr. Ob man so vom Stau verschont bleibt? Wir werden sehen.
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Gefallene Legenden & neue Helden
Und auch wenn Wacken immer jünger und moderner wird: Am Ende des Tages zählen natürlich auch die großen Headliner, mit denen das Festival in jedem Jahr aufs neue besticht: Judas Priest, Iron Maiden, Helloween. Nicht immer ist ein Legendenauftritt aber gleichzusetzen mit einem legendären Auftritt, was in diesem Jahr die Scorpions bewiesen.
Ein extrem leiser Sound und ein quasi eingefrorener Klaus Meine sorgten dafür, dass bereits nach den ersten Minuten viele enttäuschte Metaller das Feld räumten. Da konnte dann nicht mal die erstaunliche Energie von Drummer Mickey Dee oder Gitarrist Rudolf Schenker weiterhelfen, die Soli um Soli herunterbrachen, um Meine etwas Luft zum Sauerstoff-Inhalieren zu verschaffen. Ein kleiner Lichtblick war tatsächlich noch der Auftritt der Queen Of Metal Doro, welche die Band zu „Big City Nights“ unterstützte. An eine Überraschung grenzte der Auftritt der Ex-Warlock-Rockröhre selbstverständlich nicht, schließlich ist Doro quasi das reibeisenstimmige Maskottchen dieser Veranstaltung (egal ob auf dem Line-up oder nicht). Aber man muss ja auch nicht mit jeder Tradition brechen.
Ein klarer Tabubruch war für viele allerdings der Auftritt zweier Herren aus dem Rap-Bereich. Klar schmeckt das nicht jedem waschechten True Metaller. Bevor wir uns an diesen aber abarbeiten, lassen wir einfach die Zahlen sprechen: Die Auftritte auf der Louder- und Harder-Stage von Alligatoah, sowie vom noch unangepassteren Rapper Finch an der Seite der NDH-Rocker Hämatom, ließen einige hundert Metaller vor Wut beben – aber eben auch zehntausende feiern (So viele übrigens, dass zu Alligatoah wegen Überfüllung der Bühnenbereich geschlossen wurde).
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Wacken Open Air: Eine Altherren-Sause im Wandel
Wir dürfen also vermerken: Für viele stellt das Wacken Open Air immer noch die Speerspitze des Metal-Festival-Markts dar, und auch für die Autorin dieses Artikels ist der Holy Ground mehr als nur ein Acker: Er ist ein Lebensgefühl, das perfekte Paralleluniversum (wie ein vor zwei Jahren erschienenes Buch passend titelte) und der einzige Ort, an dem man den Alltag vergessen und einfach nur man selbst sein kann.
Umso schöner ist es zu beobachten, dass unabhängig des eigenen Musik-Geschmacks, das Festival neben und auf der Bühne immer offener, inklusiver und diverser wird. Diese Wandlung kommt gut an und belohnt Wacken mit einem immer jünger werdenden Publikum. Das wird in Zukunft nicht nur das Fortbestehen des Festivals sichern, sondern im Optimalfall auch insgesamt für mehr Toleranz und Offenheit in der großen, kunterbunten Welt des Heavy Metal sorgen.
Foto im Auftrag von MoreCore.de: Pia Böhl (piano.peach)


