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Emo Indie Punkrock

Kritik: Joyce Manor - "I Used To Go To That Bar"

Schafft die Band den nächsten Schritt?

VON

Eine Band muss schon sehr großes Selbstvertrauen haben und von ihrem Songmaterial überzeugt sein, wenn sie mit neun Songs mit einer Spieldauer unter 20 Minuten bei ihrer Plattenfirma aufschlägt und dies als ihr neues Album vorstellt. Joyce Manor haben offenbar mit „I Used To Go To That Bar“ genau dies getan. Aber anstatt, dass sie von den vor Wut schnaubenden Bossen den Auftrag bekommen haben, noch mehr zu liefen und per Arschtritt aus den heiligen Hallen befördert wurden, war man bei Epitaph Records anscheinend hellauf begeistert. Brett Gurewitz, Chef und Gründer des Labels, höchstpersönlich hat den siebten Release des Pop Punk-Trios produziert. Und der Gitarrist der Punk-Legende Bad Religion hatte wie so oft einen guten Riecher. Das Album ist zwar sehr kurz, aber hervorragend.

Der Chef war begeistert

Epitaph Records schoss Mitte der 90er Jahre urplötzlich nach oben, als eine ungefähr zwei Jahre zuvor gesignte Band namens The Offspring mit ihrem dritten Album „Smash“ zum Millionseller wurde. In solche Sphären werden Joyce Manor wahrscheinlich nicht vorstoßen, aber dennoch gehört ihr neues Album zum besten, was man in den letzten Jahren in dem Genre gehört hat. Jeder einzelne Song ist ein Goldstück und Gurewitz war deswegen sofort dabei, als er von Frontmann und Songwriter Barry Johnson gefragt wurde, ob er die erste Single produzieren wolle. Die Band holte sich eine begeisterte Zusage ab und aus einer Single wurde dann ein komplettes Album.

 

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Stolzer Songwriter

„Die Arbeit mit Brett war großartig und mit ihm als Produzenten haben wir ein Album aufgenommen, dass wir direkt neben die Platten stellen können, die uns geprägt haben“, meint Gitarrist und Sänger Barry Johnson und fügt an, dass er sehr stolz auf den Output sei. Und der zweite Gitarrist von Joyce Manor, Chase Knobbe, fügt an: „Er hat all unsere musikalischen Einflüsse berücksichtigt und uns das Selbstvertrauen gegeben, das Album musikalisch so zu gestalten, wie wir es wollten.“

Einflüsse sollen hörbar sein

Schon bei den ersten Klängen vom Opener „I Know Where Mark Chen Lives“ wissen wir genau, was er damit meint. Der erste Song des siebten Longplayers von Joyce Manor klingt wie Taking Back Sunday zu deren besten Zeiten. Aber eben nicht wie eine billige Kopie, sondern wie eine Weiterentwicklung des damaligen Sounds. Als weiterer Einfluss wird noch AFI genannt, deren Emo-Vibes sie vor allem in ihren Texten verarbeiten. Und so langsam können wir erahnen, was die Musiker aus Torrance mit diesem Album vorhatten. Es ist insgesamt eine Art Hommage an ihre musikalischen Vorbilder.

Viel Tourerfahrung

Mit großen Bands war das Trio aus Kalifornieren bereits auf Tour, unter anderem mit Weezer. Auch das hört man den Songs deutlich an. Joyce Manor bringen diese schwingende Power Pop-Attitüde der Band um Rivers Cuomo grandios in ihre Songs ein und kreiern etwas völlig eigenes daraus. Dabei verstehen es Barry Johnson und Co perfekt, sich nicht zu sehr von den Einflüssen treiben zu lassen, aber dennoch stark genug, um als Hörer vor Augen zu haben, wie sie ihre Basecaps vor ihren musikalischen Einflüssen ziehen. Das erkennt man auch an späteren Songs auf der Platte, als deutlich Vampire Weekend Pate standen.

Viele große Namen dabei

Doch der größte Einfluss lässt sich an der ersten Single „All My Friends Are So Depressed“ erkennen. Es ist der dritte Song und ab dem Zeitpunkt klingt „I Used To Go To This Bar“ an sehr vielen Stellen, als seien The Smiths in eine Zeitmaschine gestiegen und hätten 40 Jahre später ein Album mit mehreren Legenden an den Reglern aufgenommen. Der Sound der Gitarre wirkt, als würde Johnny Marr das Instrument bedienen und auch der ganze Vibe der Songs erinnert an die kultige Indie-Band aus England. Auch hierfür ist ein großer Name der Pop Punk-Bewegung verantwortlich. Dieser Song und viele andere Lieder auf dem neuen Album von Joyce Manor wurden von Tom Lord-Alge abgemischt, der schon bei „Enema Of The State“ von Blink-182 diesen Job sehr erfolgreich übernahm. Ihm zur Seite stand Tony Hoffer, der mit Acts wie M83 und Beck in Verbindung gebracht wird.

Mehrere Schlagzeuger

Das Namedropping hört aber hier nicht auf, denn auch an den Instrumenten tummeln sich einige illustre Gestalten. Das Trio mit den beiden Gitarristen Barry Johnson und Chase Knobbe sowie Bassist Matt Ebert hat das Credo, nicht zu lange mit einem Drummer zusammenzuarbeiten. Daher sitzt bei einigen Songs des neuen Longplayers von Joyce Manor deren Tourdrummer Jared Shavelson am Schlagwerk, bei anderen dagegen etwa David Hidalgo, Jr. von Social Distortion oder Joey Waronker, der bei der Reunion Tour von Oasis für die Bearbeitung der Felle verantwortlich war.

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Zurück zu den Wurzeln

All das tut dem Album von Joyce Manor hörbar gut und auch die Tatsache, dass sie erst gar nicht versuchen, ihre Einflüsse zu verstecken, wirkt sich positiv aus. Dennoch geht die Band auch zu ihren Wurzeln zurück. Bei dem Song „Well, Whatever It Was“ erinnert sich Barry Johnson an seine ersten Gehversuche als Songwriter. Und das Stück spiegelt die Entwicklung sehr gut wider, indem es sehr wackelig und fragil beginnt und am Ende immer stärker und mutiger wird.

Überraschender Mashup

Bei „The Oppossum“ wird es erst wieder The Smiths-like, aber dann überrascht uns Joyce Manor mit einer Gesangsmelodie wie bei Mayday Parade und auch von der Stimmfarbe her scheint sich Barry Johnson nicht allzu sehr vom Frontmann der Pop Punk-Kollegen aus Florida, Derek Sanders, zu unterscheiden. Ob es beabsichtigt ist, oder nicht, ist in diesem Falle völlig egal, denn es ist ein sehr interessanter Song, der fast schon wie ein Mashup zweier Bands klingt.

Lob von ganz oben

Als krönenden Abschluss präsentieren uns Joyce Manor dann noch „Grey Guitar“, ein Power-Popsong im Stile einer Protesthymne, der viel Spaß macht. Und all das schindet nicht nur Eindruck bei uns als Fans. Brett Gurewitz, Labelchef und Produzent in Personalunion, hält Joyce Manor für eine der wichtigsten Bands der letzten zwei Jahrzehnte. Da will sicher niemand widersprechen und wir schließen uns der Meinung an, dass „I Used To Go To This Bar“ ein großartiges Album ist.

Foto: Offizielles Pressebild / Dan Monick

Joyce Manor News

ALBUM
I Used To Go To That Bar
Künstler: Joyce Manor

Erscheinungsdatum: 30.01.2026
Genre: , ,
Label: Epitaph Records
Medium: Streaming, CD, Vinyl

Tracklist:
  1. I Know Where Mark Chen Lives
  2. Falling Into It
  3. All My Friends Are So Depressed
  4. Well, Whatever It Was
  5. I Used To Go To This Bar
  6. After All You Put Me Through
  7. The Opossum
  8. Well, Don't It Seem Like You've Been Here Before?
  9. Grey Guitar
9.5
FAZIT
Seit der Gründung im Jahr 2011 haben Joyce Manor poppige Songs, die einer breiten Masse gefallen, herausgebracht. Das Hitpotenzial war bisher nicht so hoch, dass sie zu Superstars mutiert sind, aber die Fanbase wird immer größer. Auf „I Used To Go To This Bar“ schwankt das Trio zwischen Indierock und Pop Punk hin und her, vermischt die Genres, bricht teilweise aus und erschafft etwas völlig Neues. Es sind nur starke Songs zu hören, es gibt keine Filler. Im Großen und Ganzen ist die gesamte Platte eine Hommage an Bands, die Joyce Manor über die letzten Jahre musikalisch begleitet haben, ob nur durch das Hören von Musik oder durch gemeinsames Touren. Diese Platte ist zwar von der Länge her sehr überschaubar, aber sie hat auf jeden Fall das Potenzial, am Ende des noch jungen Jahres in diversen Top 10-Listen zu landen.