Happy Release Day
06/02/2026
Review
Black Metal Death Metal
Kritik: Kanonenfieber - „Soldatenschicksale“
Ein brutal starker Ritt über die Schlachtfelder des Ersten Weltkriegs.
VON
Tobias Tißen
AM 02/02/2026
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In den vergangenen Jahren haben sich Kanonenfieber vom Underground-Geheimtipp zum gefeierten Szene-Act mit großer Bühnenshow und kollektiven Publikumsmitbrüllmomenten entwickelt. Und genau da beginnt die widersprüchliche Spannung, die die Band und die Compilation „Soldatenschicksale“ so stark macht: Kanonenfieber – oder besser gesagt Mastermind und Live-Frontmann Noise – schreiben Songs, die sich wie astreine Metal-Hits verhalten.
Extreme-Metal-Hits mit Riffs und Hooks, die sich sofort in den Kopf hämmern. Und dann achtet man auf den Inhalt – und plötzlich stolpert man über sich selbst, weil man gerade begeistert mitnickt und mitgrölt, während von Erfrieren, Ersticken, von nacktem Stahl und stillem Tod erzählt wird.
Ist das okay?
Eingängigkeit als Verstärker
Ja. Und zwar genau deshalb, weil Kanonenfieber diesen Widerspruch nicht unwissentlich erzeugen, sondern ihn als effektives Werkzeug benutzen.
Die erzeugte Euphorie ist hier kein Abfeiern des Krieges – wie etwa bei gewissen schwedischen Genre-Vertretern mit „World of Tanks“-Kooperation (jaja, sie selbst lehnt diese Vorwürfe ab, I know). Es ist vielmehr die provozierte Erkenntnis, wie schnell Musik einen in einen Marsch-Flow ziehen kann: stampfender Rhythmus, eingängige Hook, Wiederholung – und zack, ist man mit dem ganzen Körper dabei. Und dann kommen Kanonenfieber und drehen dir den Magen um, weil die Texte und die Ästhetik eben keine Heldengeschichten erzählen, sondern kalte, grausame und vor allem wahre Geschichtsprotokolle.
„Oh fuck, ich feiere das gerade ab“, ist also hier nicht das Problem. Es ist der gewollte Effekt. Die Eingängigkeit ist deshalb kein Widerspruch zur Botschaft, sie ist der Verstärker.
Eine lange, aber nötige Einordnung – denn sonst würde die jetzt folgende Kritik von „Soldatenschicksale“ vermutlich ebenso widersprüchlich wirken wie der Hit-Appeal vieler Kanonenfieber-Songs und deren Inhalt.
„Soldatenschicksale“: Mehr als eine Compilation
„Soldatenschicksale“ ist keine klassische Platte, sondern vielmehr eine soundtechnisch generalüberholte Zusammenstellung der 2022 und 2023 veröffentlichten EPs „U-Bootsmann“, „Der Füsilier“ und „Yankee Division“ inklusive zweier brandneuer Songs, die sich mit der Skagerrakschlacht, der größten Seeschlacht des Ersten Weltkriegs, befassen. Und damit geht’s auch los.
„Z-Vor!“ tritt ohne Anlauf die Tür ein. Geradliniger Marschrhythmus, schnelle Blastbeats und ein unverschämt einprägsames Hauptriff, das konsequent als Leitmotiv eingesetzt wird. Dazwischen arbeitet der Track mit Tempowechseln und kurzen Midtempo-Passagen, bevor er wieder in Raserei verfällt. Dazu kommen Atmo-Elemente und Funkverkehr, die den Song klar in seinem Setting verorten.
Apropos Setting: Wir befinden uns inmitten der Skagerrak-Schlacht 1916 – erzählt aus Sicht eines Marinemelders an Deck eines deutschen Kreuzers. „Heizer Tenner“ wechselt danach konsequent die Perspektive nach unten in den Maschinenraum: gleiche Schlacht, gleiches Schiff, aber deutlich beklemmender gedacht.
Der zweite neue Track setzt den Fokus stärker auf Atmosphäre und haut nicht direkt den brutalen Riff-Haken raus. Die Arrangements sind langsamer, wuchtiger, druckvoller. Noise keift, Doublebass treibt an und enteilt dem ansonsten rhythmisch voranstampfenden Track fast. „A-Hu“-Chören sorgen für den nächsten Ohrwurm.
Rasante Kapitelwechsel: U-Boot, Ostfront, Westfront
Nun folgen die bekannten Tracks. Und nachdem es zuvor schon heiß und beengt war, wird’s jetzt komplett klaustrophobisch. Mit dem kurzen atmosphärischen Sprachsnippet-Interlude „Ubootsperre“ wechselt „Soldatenschicksale“ in den U-Boot-Krieg.
„Kampf und Sturm“ liefert ein rasendes Black/Death-Gewitter ohne Raum zum Luftholen. „Die Havarie“ wirkt als beklemmendes Gegenstück und transportiert ein Gefühl von „wir sitzen hier fest und kommen nie mehr raus“. Ein Song wie eine zähe Panikspirale gen Meeresboden.
„Der Füsilier I“ reißt dann die Tür zur eisigen Ostfront auf: Karpatenwinter 1915, Infanterie im Schnee, der Körper am Limit. Die Musik wird epischer und melodischer, ohne dabei weniger hart zu sein. „Der Füsilier II“ führt die Geschichte direkt weiter, nur noch eine Spur verzweifelter.
Danach vollzieht „The Yankee Division March“ den Perspektivwechsel zur Westfront 1918: amerikanischer Kriegseintritt, zwei Blickwinkel, zweisprachig gedacht durch die Beteiligung von Trevor Strnad (The Black Dahlia Murder). Das Wissen über seinen Tod im Jahr 2022 lässt seine Stimme noch gespenstischer wirken.
Am Ende setzt „Die Fastnacht der Hölle“ als Schlussbild den Haken dran: kein Triumph, sondern ein bitteres Finale, das den Krieg als grotesken Totentanz bebildert.
„Soldatenschicksale“ ist keine wahllose zusammengewürfelte Compilation. Das Album besticht durch einen effektiven roten Faden; ein Rundgang durch verschiedene Kapitel des Ersten Weltkrieges. Auf Augenhöhe der Soldaten, nicht aus heroischer Vogelperspektive.
Mehr Druck, weniger Patina?!
Aber nicht nur inhaltlich, auch klanglich ergibt „Soldatenschicksale“ Sinn. Noise hat nicht einfach die drei EPs „U-Bootsmann“, „Der Füsilier“ und „Yankee Division“ zusammenkopiert, sondern die Songs 2025 neu aufgenommen beziehungsweise neu gemischt, damit das Ganze wie eine Platte wirkt und nicht wie drei aneinandergereihte EPs.
Und das hört man: Die Produktion ist druckvoller und klarer, die Vocals kommen im Mix deutlich verständlicher heraus. Aber keine Sorge: Es klebt nicht plötzlich Hochglanzlack auf allem. Es ist eher wie restauriertes Bildmaterial aus früheren Zeiten, bei dem man jetzt jedes Detail erkennt.
Dennoch ist das ein Punkt, an dem man verstehen kann, wenn manche Fans sich nicht so begeistert zeigen. Mit der neuen Klarheit geht zwangsläufig ein bisschen vom rohen EP-Charme verloren. Wer genau diese Patina, dieses leicht kratzige, verstaubte an den EPs geliebt hat, wird die neuen Versionen vielleicht als einen Tick zu „restauriert“ empfinden.
Foto: Stephanie Rifkin / Offizielles Pressebild
Soldatenschicksale
Künstler: Kanonenfieber
Erscheinungsdatum: 06.02.2026
Genre: Black Metal, Death Metal
Label: Century Media Records
Medium: Streaming, CD, Vinyl, etc
- Z-Vor!
- Heizer Tenner
- Ubootsperre (2025)
- Kampf und Sturm (2025)
- Die Havarie (2025)
- Der Füsilier I (2025)
- Der Füsilier II (2025)
- The Yankee Division March (2025)
- Die Fastnacht der Hölle (2025)
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