
Wenn unsere Tamara nicht gerade mit ihrem Master in Musikjournalismus eingespannt ist, versorgt sie die Leserschaft mit Rezensionen und Interviews rund um Bands, die eigentlich nur noch unsere Eltern hören. Zu ihren Lieblingsfreizeitbeschäftigungen gehören Till Lindemann und Wacken. Sieht man sie nicht im Club oder durch einen Moshpit tanzen, steht sie hinter dem Tresen und mixt unverschämt gute Cocktails, um mit Freuden ihre Freunde abzufüllen. Neuerdings versucht sie sich auch als Pflanzenmutti und an der E-Gitarre. Ganze 3 Akkorde beherrscht sie schon, einer Karriere in einer Punkband würde also nichts mehr im Weg stehen.
Slipknot, Stone Sour, Solo. Musikalisch hat Corey Taylor bereits eigentlich alles erreicht, was man irgendwie erreichen kann: Gold, Platin, Nr. 1 Hits, ein Grammy. Trotzdem hat Corey „Mother Fucking“ Taylor nie genug.
Nachdem er im letzten Jahr sein erstes eigenes Werk “CMFT” veröffentlicht hat, erscheint bereits in dieser Woche die B-Seite der Platte. Und die kommt wesentlich bodenständiger rum, als ihre Vorgänger vermuten lässt.
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Corey Taylor ist der Name der Szene, der entweder Dollarzeichen in den Augen von Produzenten blitzen oder Pop- ähh.. “Rock”-Ikonen die Galle hoch steigen lässt. Es scheint, als ob alles, was der Rockstar berührt, zu Gold wird. Und da der gute Mann auch nicht gerade für seine Bescheidenheit berühmt ist, nannte er sein erstes von langer Hand geplantes Solo-Werk “CMFT” (kurz für “Corey Mother Fucking Taylor”).
Da Taylor auf dieser Platte wirklich alles ausprobiert, was genremäßig möglich ist (das komplette Review lest ihr hier), beweist er darauf auch noch jeder Kritik seine Vielseitigkeit. Während es auf “CMFT” ordentlich zur Sache geht, schlägt Corey mit seinen Musikerkollegen auf “CMFB…Sides” sanftere Töne an und schafft ein Tribut für seine musikalischen Wurzeln.
So klingt Corey Taylors neues Album “CMF…B-Sides”
Neun Tracks hat der Slipknot-Sänger auserkoren auf seiner zweiten Solo-Platte Platz zu nehmen. Ein Potpourri aus Coversongs seiner musikalischen Helden und Live-Versionen und Akustik-Nummern aus der eigenen Feder. Nichts Besonderes, nichts Spezielles. Aber ein kleines Wunder, dass Corey Taylor wieder etwas geschaffen hat, mit dem man nicht unbedingt gerechnet hätte. Starten wir also in die kleine Track-by-Track Rezi.
“CMFB..Sides” startet mit dem Metallica-Cover-Track “Holier Than Thou”. Der Track stammt vom legendären Black-Album der Thrash Metal-Urgesteine. Bereits im letzten Jahr wurde Corey Taylors Interpretation davon veröffentlicht und zwar auf der “The Metallica Blacklist”-Compilation. Diese erschien anlässlich des 30. Jahrestags des zuvor genannten Klassikers und beinhaltet 53 Cover-Tracks verschiedener Künstler*innen.
Coreys “Holier Than Thou” knallt ordentlich in bester thrashiger Metallica-Manier und eröffnet so das Album mit großen Erwartungen.
Auch der nächste Song ist ein Cover. Diesmal hat Corey MF Taylor aber zum Genre Punk gegriffen: “All This And More” ist ursprünglich von der amerikanischen Punkband Dead Boys, die in den 1970er Jahren der New Yorker Punkszene angehörten. Großen Erfolg konnte das Original nie feiern, obwohl die Erste-Welle-Punk-Vibes voll transportiert werden.
Anders ist das in Coreys Cover, welches zwar Grundakkorde übernommen aber ansonsten so viel zusätzlichen Schnickschnack eingebaut hat, dass der Track nicht mehr dem Punk zuzuordnen ist. Trotzdem kann der Track mit neuem Stil überzeugen.
“Kansas” erschien letztes Jahr auf Corey Taylors erstem Album “CMFT”. Der Song hat ein sehr tiefsinniges Thema, erzählt von Coreys schwieriger Vergangenheit: Depressionen, Selbstmordversuche, aber auch von Hoffnung.
Anmerkung der Redaktion: Solltest du selbst das Gefühl haben, dass du dich in einer belastenden Situation befindest, dann kontaktiere bitte umgehend die Telefonseelsorge (www.telefonseelsorge.de). Unter der kostenlosen Rufnummer 0800-1110111 oder 0800-1110222 erhältst du anonym Hilfe von Beratern, die mit dir Auswege aus schwierigen Situationen finden und eine tolle Stütze sein können. Danke, dass du es versuchst!
In der Akustik-Version des Country-Tracks können meiner Meinung nach diese starken Gefühle viel besser ausgedrückt werden. Trotz der Schwerfälligkeit der Themen und der fehlenden Instrumente bleibt der Song aber lockerleicht und mitschunkelbar.
Corey: Volle B(reit)-Seite!
Der vierte Song der B-Seite, “Shakin’”, stammt aus dem Jahr 1982 und wurde damals von Eddie Money interpretiert. Der bekannte amerikanische Rocksänger verstarb im Jahr 2019 und zählt mit zu Taylors musikalischen Einflüssen. Und tatsächlich hat Taylor es geschafft der eher lauwarmen Pop-Rock-Hymne einen frischen Heavy-Anstrich zu verleihen. Der Song scheint nun sogar vollständiger und dichter als vorher.
“Home/ZZyzx” stellt eine Live- und Medley-Version von Coreys eigenen Songs “Home” (“CMFT”, Solo) und “ZZyzx Rd.” (“Come What(ever) May”, Stone Sour) aus dem “The Forum” in Kalifornien dar. Corey veröffentlichte das Video der Live-Performance am 14. Februar. Und ja was soll ich sagen… wäre da unser Valentinstags-Feature nicht bereits online gewesen, hätte es Herr Herzschmerz safe noch ein drittes mal drauf geschafft. Die beiden Klaviernummern sprühen geradezu vor dramatischen Gefühlen, trotzdem sind sich die Songs auch so ähnlich, dass sie fast ineinander verschwinden.
Erneut wagt sich unser Goldjunge mit “Lunatic Fringe” auf Cover-Gebiet. Der Track entstand ebenfalls in den 80er Jahren und ist auf der Platte „As Far As Siam“ der kanadischen Rock-Kombo Red Rider zu finden. Taylor und Band verwandeln das One-Hit-Wonder von 1981 in ein rhythmisches, softes Akustik-Stück mit Message. “Lunatic Fringe” bedeutet soviel wie “Narrensaum”, oder etwas passender: verrückter Rand. Damit wird der einstige Anti-Antisemitismus-Song ins 21. Jahrhundert geholt in dem er (leider) immer noch seinen Zweck erfüllen muss.
“CCFT – Corey Cover Fucking Taylor”
Und weiter geht die wilde Cover-Fahrt! Mittlerweile sind wir bei “Got To Choose” angekommen und da müssen wir auch gar nicht lange recherchieren, von wem der Song vor gut fünfzig (!) Jahren als erstes produziert wurde (manchmal frage ich mich wirklich, welche Band KISS eigentlich nicht zu ihren musikalischen Wurzeln zählt). Und die geschminkte Maskerade auf dem Cover der “CMFB…Sides” erklärt dies auch.
Den Heavy-Rock-Klassiker “Got To Choose” übernimmt Taylor auch bis auf wenige Unterschiede in Tempo (ist vielleicht einen Tacken schneller) und cleaner und prägnanter-wirkende Gitarrenparts eins zu eins.
Schon sind wir fast am Ende des Albums angelangt. “Halfway Down” stellt nun wieder eine Akustik-Version dar. Der Originaltrack erschien im letzten Jahr auf Taylors Debüt-Platte und hat einen ordentlichen Drive. Die neue akustische Ausführung büßt an dieser Dynamik auch nicht ein, legt aber einen stärkeren Fokus auf die Gitarren-Rhythmik und eine folkig-anklingende Redundanz.
Der letzte Track der B-Sides stellt nun keine Überraschung mehr da. Corey veröffentlichte diesen bereits in einem Satz mit der Album-Ankündigung vor einigen Wochen. “On The Dark Side” ist natürlich erneut ein Cover. Laut Taylor ein ganz besonderes Stück:
“Die erste Single ist ein Cover von ‚On The Dark Side‘ von JOHN CAFFERY & THE BEAVER BROWN BAND, das ist einer der besten Rocksongs aller Zeiten.“
Der Film-Soundtrack aus dem Jahr 1983 wird von Corey auf eine neue rockige Stufe gehoben die zwar wesentlich moderner klingt aber den Original-Vibe nicht einbüßt. Das charakteristische Klatschen wird beibehalten, statt Saxophon setzen Taylor und Band auf (E-)Gitarrenriffs, was den “Footloose”-Südstaaten-Sound entfernt und den Song nach 2022 holt.
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Corey Taylors „B…Sides“ lassen uns am Ende etwas irritiert zurück. Nach der wilden Genre-Bombe á la “CMFT” konnte man sich nur eine weitere musikalische Explosion ausmalen. Aber nein. Corey beweist mit “CMFB…Sides”, dass er auch anders kann. Nicht immer laut, nicht immer provokativ, nicht immer böser Schreihals.
“CMFB…Sides” bringt weniger eine rockige Wucht, viel mehr eine emotionale Wucht mit, die es aber zu verstehen gilt. Weiß man nicht, dass Taylor hier seine musikalischen Helden interpretiert, könnte man fast das Interesse an der Compilation-CD verlieren.
Bei genauem Hinhören und Verstehen wird die B-Seite aber besonders. Und wie bereits zu Beginn gesagt. Der sonst so selbstsicher auftretende und experimentierfreudige Rockstar beweist hier nochmal seine ruhige und bodenständige (B-)Seite.
Corey Taylor live „Forum Or Against ‚Em“ (02.10.2020)
Fazit
Corey "Mother Fucking" Taylor darf alles und kann alles. Auch auf der B-Seite seines Erstlingswerks bleibt sich der vielleicht größte Rockstar unserer Zeit treu. Aber er beweist auch Tiefgründig- und Bodenständigkeit und kehrt zu seinen musikalischen Wurzeln zurück. Für Fans ist “CMFB…Sides” deshalb ein absolutes Muss und ein tolles Gimmick. Am Ende liefert die Platte aber auch nicht viel mehr ab als ein nettes Potpourri aus Taylors Sonnensystem - welches nur um ihn kreist.

▶Tracklist 9 Songs
- 1Holier Than Thou
- 2All This And More
- 3Kansas (Acoustic)
- 4Shakin'
- 5Home/Zzyzx (Live)
- 6Lunatic Fringe
- 7Got To Choose
- 8Halfway Down (Acoustic)
- 9On The Dark Side

