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MetalcoreRock

Kritik: Architects - "For Those That Wish To Exist"

„For Those That Wish to Exist“ erscheint via Epitaph Records und ist das neunte Album der Architects. So eine lange ...

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„For Those That Wish to Exist“ erscheint via Epitaph Records und ist das neunte Album der Architects. So eine lange Karriere bietet viel Spielraum für Entwicklung, welche bei den Briten nicht nur vom Lauf der Zeit geprägt ist. Durch den Tod von Tom Searle wurden vor allem Texte, aber auch die Musik mit mehr Emotionalität und Tiefe beladen, als es bereits seit 2006 typisch für die Band war.

Im Zuge der Pandemie und für Fans, die es nicht bis zum Album-Release aushielten, gab es Ende November ein wirklich beeindruckendes Stream-Konzert aus der Royal Albert Hall in London, in dem man bereits einige der neuen Songs hören konnte.

Dass in „For Those That Wish To Exist“ musikalisch eine neue Richtung einschlagen wurde, ist schon an Singles wie „Black Lungs“ und „Dead Butterflies“ erkennbar. Um unter anderem die Weiterentwicklung der Band genauer zu betrachten, haben wir uns das Album schon vorab für euch angehört.

Die Doppel-Kritik zu „For Those That Wish To Exist“ von Architects

Li: Allein in meinem Freundkreis habe ich im Voraus mitbekommen, wie viele Leute auf dieses Album warten und was für ein Hype mit ihm schwingt. Schon im Introsong „Do You Dream Of Armageddon“ wollen Architects uns beweisen, dass dies auch zurecht geschieht. Man hört schon hier orchestrale Hintergrundbegleitung, welche sich durchs ganze Album ziehen wird. Ein ziemlich stabiles Intro, nahezu episch.

Juliane: Episch trifft es ganz gut, allerdings eher im Sinne der Filmmusik. Der Song gibt damit einen ersten Einblick auf die Ruhe, die sich Architects auf dem Album in einzelnen Passagen gönnen. Das ist die nette Formulierung für – es klingt deutlich anders, als man es nach „Holy Hell“ erwartet und bewegt sich in eine ganz andere Richtung.

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Li: Apropos andere Richtung: Ich muss zugeben, dass ich bislang kein Architects-Ultra bin. Ich war auf Konzerten, kenne die wichtigen Songs, bin aber irgendwie nie weitergekommen. Hat nicht jeder so eine Band, die er die ganze Zeit mehr auschecken will? Aber die zweite Single hat mich schon echt abgeholt. „Black Lungs“ ist mein Favorit auf dem Album. Das Orchester im Hintergrund unterstützt dieses geile Riff und ich höre das Lied rauf und runter. Dann immer diese Pause am Ende, vor dem letzten Ausraster – zu gut. Auch live stelle ich mir das sehr energiegeladen vor.

Juliane: Bei der Breakdown-Passage kann ich ja noch mitgehen, nach diesem gewöhnungsbedürftigen Opener kommt das Lied bei mir etwas besser weg, als im Singleformat, was noch lang nicht heißt, dass ich es besonders gut finde. „Meteor“ dagegen war eine Single, die wirklich Lust auf das neue Album macht. Auch wenn es nicht durchweg nach dem gewohnten und erhofften Sound klingt, kann ich hier mit der Entwicklung der Band mitgehen. Zwischendrin hat es für mich den ein oder anderen Beartooth-Moment. Der macht Spaß und geht ins Ohr.

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Li: Die richtigen Singles auszuwählen, ist ja eh eine Kunst für sich – man kann es nie allen recht machen. Ins Ohr ging bei mir auf jeden Fall auch Song Nummer 3: „Giving Blood“ hat sicherlich Ohrwurm-Potenzial. Hin oder her, einig sind wir uns doch auf jeden Fall dabei, dass Architects mit den besonders coolen Features auf dem Album glänzen, nicht?

Juliane: Ja, wie bei „Little Wonder“. Architects haben auf dem Album Features, bei denen sie sich Musiker auf Augenhöhe ins Boot geholt haben, statt nur Support-Acts. Den Song mit Mike Kerr von Royal Blood erkennt man nicht nur an der Stimme direkt, auch der Sound steht unter seinem Einfluss. Hier ist ausnahmsweise auch der Text deutlich anders, als man ihn von Architects gewohnt ist. Er könnte passagenweise auch von Eskimo Callboy sein: „I wanna sing you a different song, when it’s easier swallow. (Everything is fucking fine) We can dance, we can all sing along, […] but it’s easier to follow.“

Li: „Little Wonder“ hat nach dem Vorgängersong „Flight Without Feathers“ auf jeden Fall etwas Schwung in die Bude gebracht. Ganz schönes Intro, aber sonst passiert ja knapp vier Minuten eher wenig…

Juliane: Ja, was ist denn da bitte passiert? Bis hier hin war der Vergleich mit Bring Me The Horizon noch nicht angebracht, aber nach diesem Lied fragt man sich: Ist das gerade noch die Band, die mit „Holy Hell“ ein wirklich grandioses Album herausbrachte, und sich gegenüber der alten Alben so weiterentwickelt hatte? An diesem Lied kann man irgendwie kein gutes Haar lassen. Der Sound ist nicht wiederzuerkennen, weil weder Geschwindigkeit noch Fokus der Stimme oder die Dynamik repräsentativ für einen Architects-Song sind und das Lied einfach lethargisch klingt.

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Li: Schwierig, lass uns lieber wieder über coole Features reden. Denn das Lied DAVOR vereint ja wohl die Könige der Szene: Parkway Drive-Sänger Winston McCall wurde von Sam Carters besungenen „Writing(s) on the Wall“ herbeigerufen und unterstützt stimmlich stattliche Breakdowns. Kein schlechter Song, aber irgendwie hatte ich bei dieser Kombi weitaus mehr erwartet – abgesehen davon, dass Winston echt nicht lange zur Sprache kommt.

Juliane: Du sprichst natürlich von „Impermanence“. Auf das Feature von Sänger Winston McCall freut man sich natürlich und verspricht sich auch definitiv nicht zu wenig. Jedoch braucht das Lied seine Zeit. Man erkennt die Brüche zwischen den unterschiedlichen Einflüssen und kann nicht unbedingt nur genießen, weil es zwischendrin einfach pappig klingt: Ausgespülte Wortwiederholungen und bis hier hin kam noch kein einziges „Blegh“ – was doch den Sound der Briten eigentlich prägt. Aber dennoch muss man sagen, dass der Track für mich aus dem Brei von „For Those That Wish To Exist“ deutlich hervorsticht.

Li: Wenn wir gerade schon rückwärts in der Setlist gehen, dann möchte ich jetzt auch noch über „Dead Butterflies“ sprechen. Eine schon vorab veröffentlichte Single, deren Anfang einfach nur austauschbar wirkt, wird lediglich von einer einsetzenden Halftime minimal aufgebrochen. Das einzig herausstechende an der Power-Ballade ist die Mantra-ähnliche Wiederholung des Songtitels.

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Juliane: Zu dem Lied habe ich mir nicht mal etwas notiert, weil es mich als Single schon so schockierte. Bloß gut, bietet das Album auch das genaue Gegenteil: Mein absoluter Favorit ist „Goliath“. Der Anfang macht Hoffnung, das Feature von Simon Neil von Biffy Clyro hätte man nicht in diesem starken, nach vorn preschenden, Song erwartet. Natürlich passt er trotzdem in das Gewand des Albums, sticht aber deutlich hervor, weil es aus dem linearen Ablauf ausbricht. Endlich ist der schnelle Sound zurück. Zufrieden lächelt man der Doublebass entgegen und schließt genießend die Augen, während es endlich gut platzierte Shout-Parts gibt. Das „Halleluja“, welches im Text folgt, spricht einem an dieser Stelle mehrfach aus der Seele. Vielleicht wurde am Ende nur mit den Streichern etwas übertrieben.

Li: Mit solchen Schrammelgitarren catcht man mich ja gern. Ich finde den Song ganz cool, aber irgendwas fehlt mir. Du musst mir jetzt eins noch sagen: Was hältst du vom Outrosong „Dying Is Absolutely Safe“?

Juliane: Hier sind wieder Streicherakzente, wie sie mich bei „Goliath“ zum Ende hin kurz verwirrt haben, doch nun sind sie super platziert. Das Lied startet in absoluter Ruhe, aber es wird auf die Effekte auf der Stimme verzichtet, was den Sound purer wirken lässt und mehr mit der Akustikgitarre und den Streichern harmoniert. Ab „Death is not my enemy“ irritiert zunächst die positive Melodie, mit der diese Worte unterlegt sind. Trotzdem ein wirklich, wirklich schönes letztes Lied.

Li: Ein schönes, aber unspannendes Beispiel für ein klassisches „Alles wird gut“–Outro. Fünf Minuten Ausklang für die Stunde, die uns Architects mit „For Those That Wish To Exist“ geliefert haben. Natürlich haben wir jetzt nicht über jeden Song gesprochen, aber ich glaube auch nicht, dass sich das wirklich gelohnt hätte…

Ein Album für Fans – oder diejenigen, die es noch werden möchten?

Dass die Scheibe die Geister scheiden lassen würde, war bereits bei den Single-Veröffentlichungen abzusehen. Viele alte Fans sind enttäuscht, neue Zielgruppen werden sicherlich erschlossen, aber es lässt sich natürlich streiten, worauf man den Fokus legen sollte.

Künstlern die Weiterentwicklung negativ vorzuwerfen ist natürlich ein Unding, aber es ist sicher nachvollziehbar, dass Liebhaber auf eine Weiterführung des eingeschlagenen Sounds gehofft haben. Die Songs werden im Laufe des Albums immer länger, aber haben sie dadurch automatisch auch mehr Inhalt?

Von Juliane Staretzek und Li Smilgies

Foto: Ed Mason / Offizielles Pressebild von Epitaph Records

Architects For Those That Wish To Exist
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FAZIT
Juliane (Architects-Fan): Architects haben die Latte mit "Holy Hell" unglaublich hoch gelegt. Es war aber nicht zu erwarten, dass sie so bequem darunter durchrutschen können. Das Album ist deutlich ruhiger, es wirkt nicht so emotional-laut, stellt sich selbst in den Hintergrund und verwendet einen etwas unscharfen Sound, was die fehlende gewohnte Dynamik nicht rettet. Vor allem sorgt dafür aber auch die Lethargie, die im Gesang einfach zu oft die Oberhand gewinnt. Nach hinten entwickelt sich das Album, klärt sich etwas auf und wird ausbalancierter.

Li (kein Architects-Fan): Das Album glänzt mit hervorragenden Features und deren Einbindung in die Songs, jedoch klingen alle Stücke, die nicht eine der benannten Singles oder mit einem Feature sind, irgendwie, als hätte man sie schon einmal gehört. Dass bei 15 Songs eines Albums nicht jeder herausstechen kann, ist klar, jedoch empfand ich die Unspannung der meisten Songs sogar eher als belastend. Live liefern sie wirklich ab, alleine ihr Streaming-Konzert war beeindruckend gut, aber mit diesem Album sind sie unter ihren Möglichkeiten geblieben.
/morecorede
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