News

Interview

Peter Tägtgren zum neuen Hypocrisy-Album: „Ich mache, was ich selbst hören möchte“

Der Sänger und Produzent über das neue Hypocrisy-Album, Familienwerte und Festival-freies Sommerglück.

VON AM 16/11/2021

Er ist einer der größte Tausendsassa in der schwermetallischen Musikindustrie. Peter Tägtgren ist ein Name der vielleicht nicht jedem sofort etwas sagt. Spätestens aber wenn man von Hypocrisy oder Pain spricht. Allerspätestens wenn man erfährt, dass er der Produzent von Sabaton und Amon Amarth war. Und allerallerspätestens wenn man sich fragt wer eigentlich das musikalische Genie hinter dem Phänomen Lindemann war. Oder auch wenn man nach Pärlby reisen möchte, aber das ist wieder eine andere Geschichte.

Peter Tägtgren (Hypocrisy etc.) im Interview

Um Peter Tägtgren kommt man nicht herum. Jetzt ist er „nach Corona“ endlich wieder zurück und das gleich doppelt! Bereits mit seinem alternativen Soloprojekt Pain veröffentlichte er dieses Jahr neues Material in Form vom Rolling Stone Cover “Gimme Shelter” und dem Big-Lebowski-Gedächtnis-Track “Party in My Head”. Am 26. November landet bei uns das neue und 13. (!) Studioalbum „Worship“ der schwedischen Death Metal-Kombo Hypocrisy. Wir haben uns mit Peter zum Gespräch getroffen und über die Thematiken des neuen Albums, das musikalische Können seines Sohns gesprochen und philosophiert, warum AC/DC nicht so klingt wie Guns N’ Roses.

MC | Tamara: Wie war dein Sommer, warst du im Urlaub?

Ja ich war in Griechenland, San Torino. Mitte Juli. Das war es eigentlich. Ich habe es genossen, daheim zu sein und einfach nur zu sein lacht.

MC | Tamara: Hand aufs Herz – Du bist ja ansonsten ein echter Workaholic. Hast du überhaupt noch freie Zeit für Hobbys?

Ich habe im letzten Jahr vor allem versucht, alles so einfach wie möglich zu gestalten. Ich hatte vieles rumliegen, wie das neue Hypocrisy-Album, ein paar Pain-Songs und ein anderes Album, das ich produziert und für das ich Musik geschrieben habe. Das wird später irgendwann kommen. Ich habe versucht, mich aufzuraffen und wieder reinzukommen, damit ich zumindest die Dinge geschafft bekomme, die ich machen musste. Wir sind bereits 2018 mit dem Hypocrisy-Album gestartet. Das musste dann gestoppt werden, ich bin zurückgefahren und habe mich an das Lindemann-Album gemacht. Dann waren wir damit auf Tour blablabla. Es war einfach ziemlich stressig in der Zeit. Als dann Corona kam, lag ich einfach ein halbes Jahr nur auf dem Sofa rum und habe meine Batterien aufgeladen, um ehrlich zu sein.

„Es hätte keinen Sinn gemacht das Album früher zu veröffentlichen. Es hätte sich einfach selbst getötet und wäre verschwunden.“

MC | Tamara: Also hast du nicht wirklich neue Hobbies während Corona entdecken können?

>Nein nicht wirklich. Ich steh auf Mustle Cars, Autos und sowas. Ich denke das ist mein Hobby lacht.

MC | Tamara: Und wie hast du dann zurück zur Musik gefunden? Hattest du einen Plan für deine Projekte 2021?

Nein nicht wirklich. Als wir das neue Album geschrieben haben, kam Corona schon. Für mich hieß das: Ok, jetzt musst du dir keinen Stress machen lacht. Wir haben während dieser Pandemie einfach einen Gang zurück geschaltet. Es hätte keinen Sinn gemacht, das Album früher zu veröffentlichen. Es hätte sich einfach selbst getötet und wäre verschwunden. Wie alles am Ende funktioniert, ist schwer vorherzusagen, das war ein weiterer Grund, warum ich dachte, ich muss mir da jetzt nicht den Arsch für aufreißen.

MC | Tamara: Wie lief der Schaffensprozess des Albums ab, konntet ihr euch als Band treffen oder hast du alleine daran gearbeitet?

Für mich war es dasselbe wie immer, ich mache immer alles alleine bei mir im Studio. 2018 haben wir uns mal zu dritt getroffen, haben uns so für eine Woche hingesetzt und dann hat jeder zwei Riffs für das Album bekommen. Den Rest habe aber ich gemacht.

„Dead World“ hat übrigens mein Sohn geschrieben. Wir hatten da 2017 ein Death Metal-Projekt was leider nie das Licht der Welt erblickte. Einer der Songs, den Sebastian ursprünglich dafür geschrieben hat, ist „Dead World“. Ich glaube „Brotherhood of the Serpent“ stammt auch aus diesem Projekt. Ich mag diese Tracks sehr.

Horge kommt ab und an vorbei, um die Drums ein zu spielen aber ja… am Ende bin es immer noch ich, der den Rest macht lacht.

MC | Tamara: Wie hat Sebastian reagiert, als du ihm sagtest, dass die Songs es aufs Album geschafft haben?

Ich denke, dass er sich gefreut hat. Es ist schön zu sehen, wie diese Lieder das Licht der Welt erblicken und ich denke, wir haben die zwei besten Songs von diesem Musikprojekt rausgepickt. Also bin ich mir sicher, dass er happy ist. Er hat mir außerdem geholfen „Soldiers of Fortune“ auf dem „Disclosure“-Album zu schreiben. Da war er gerade 15. Er ist wirklich ein guter Typ.

„Das sind die perfekten Familienwerte!“

MC | Tamara: Er hat ja bereits Anfang diesen Jahres mit an den neuen Pain-Liedern gewirkt und auch bei Lindemann war er mit auf Tour. Wie ist das so für dich, mit deinem Sohnemann auf Tour zu sein und Musik zu machen?

Ah das ist toll! Das sind die perfekten Familienwerte lacht. Am Anfang konnte ich ihn natürlich nicht mit auf die Bühne nehmen, da war er ja gerade 15 und ich wollte, dass wir damit noch warten. Als er dann 17 wurde, nahm ich ihn auf eine gesamte Vollzeit-Tour mit. Es war super cool und es fühlte sich irgendwie natürlich an, ihn dann mit auf die Lindemann-Tournee zu nehmen. Er hat ja auch den „Mathematik“-Track geschrieben. Das ist echt cool!

MC | Tamara: Er hat die Musik geschrieben?

Ja genau. Ich meine… er ist einfach überall lacht!

MC | Tamara: Weißt du, was er von dem Endprodukt hielt? Also zusammen mit Lyrics und dem Feature-Part?

Ich glaube, er fand es cool, mal etwas anderes auszuprobieren. Hier geht es um Hip-Hop. Sebastian bewegt sich da in allen möglichen Genres. Er macht alles von Elektronik über Hip-Hop bis zu Death Metal. Er ist einfach da und kreiert alle Arten von Dingen. Wir schauen uns ja alle immer wieder nach etwas Neuem um.

Für Lindemann haben wir ja auch einen Tango-Song geschrieben und hatten geplant, noch etwas mit Hip-Hop oder Blues zu machen, doch zu letzterem kam es dann leider nicht. Sebastian kam dann an und meinte “Oh ich habe einen Hip-Hop Song geschrieben.”. Er hat ihn Till gezeigt, der daraufhin ausrastete und so etwas sagte wie “Holy Shit! Lasst uns das machen!” Er hatte dann auch direkt Ideen für den Text. So war das mit dem „Mathematik“-Track.

MC | Tamara: Oh ja wir in Deutschland waren auch sehr angetan von dem Track. Es war mal… etwas anderes. Ein Metal-Hip-Hop-Track mit einem naja… sehr interessanten deutschen Rapper.

Ja interessant… lacht. Nein. Interessant ich stimme dir zu.

YouTube

Mit dem Laden des Videos akzeptieren Sie die Datenschutzerklärung von YouTube.
Mehr erfahren

Video laden

„Stell dir vor, AC/DC bringt ein neues Album raus und es klingt wie Guns N’ Roses. Das will ja auch keiner.“

MC | Tamara: Lass uns mal zurück zu „Worship“ kehren. Das Artwork verspricht uns mal wieder eine Reise ins All. Das letzte Album liegt acht Jahre zurück. In welcher Art und Weise seid ihr euch auf dem Album treu geblieben und was ist neu, wo habt ihr euch entwickelt?

Oh das ist eine sehr gute Frage lacht. Ich denke, wir versuchen seit 20 Jahren den perfekten Hypocrisy-Sound und -Style zu finden. Es gibt meiner Meinung nach nichts mehr am Stil zu verbessern aber es gibt immer bessere Songs zu schreiben. Mein Ziel war es, gute Songs zu schreiben die wie Hypocrisy klingen. Stell dir vor, AC/DC bringt ein neues Album raus und es klingt wie Guns N’ Roses. Das will ja auch keiner. AC/DC sollte AC/DC sein und Hypocrisy sollte eben wie Hypocrisy klingen. Gemäß dem Motto “Bleib dir selbst treu und schreib’ Songs die du selbst gerne hören würdest“. Folge deinem Herzen. Genau so war es auch die letzten 20 Jahre, seit ich Musik schreibe. Ich mache, was ich selbst hören möchte und ich denke, das ist auch gut so. Am Ende liegt es an den Menschen ob sie es mögen oder nicht.

MC | Tamara: Um was wird es auf „Worship“ gehen, mit welchen Thematiken beschäftigen sich die Lyrics?

Oh da werden eine Menge an Themen bedient. Drei oder vier Songs beschäftigen sich mit anderen Welten. Manche Tracks wie „Chemical Whore“ beschäftigen sich mit der Geldmacherei mit der menschlichen Verehrung (engl. Worship) von Medikamenten. An sich braucht man sie nicht wirklich, aber die großen Pharmaindustrien kümmern sich rührend darum, dass man sie brauchen wird lacht.

Es gibt wirklich viele verschiedene Thematiken auf dem Album. „The Walking Dead“ beschäftigt sich mit der Umwelt und dass wir nur auf den sauren Regen warten müssen, der bald über uns hereinbricht. Wir sind einfach viel zu gut darin, alles um uns herum zu zerstören. Die menschliche Natur ist desaströs. Ich habe viele Texte, die sich damit beschäftigen.

Außerdem habe ich mich mit dem Entführungsfall von Betty und Barney Hill von 1961 beschäftigt. Er ist sehr bekannt. So wie ich es in den 90ern mit dem UFO Crash von 1947 gemacht habe („Roswell’47“). Das Problem damals war, das keiner wusste wovon ich sprach lacht. Heute weiß das natürlich jeder. Ich fand diesen Entführungsfall aber einfach gut und so kam es zu „Bug In The Net“. So beschrieben sie es, sie fühlten sich wie die Fliegen im Netz. Also wie gesagt. Alles sehr unterschiedlich. „Children Of The Gray“ ist einfach das, was es ist. Wir bedienen wirklich viele verschiedene Thematiken.

„Wir besitzen nicht sowas wie einen Leitfaden […]. Es ist als würden wir diesmal alles rückwärts machen.“

MC | Tamara: Wieso wurde „Chemical Whore“ der erste Ausläufer des Albums? Was hebt ihn von den anderen ab oder was findest du an ihm besonders gelungen?

Auch eine gute Frage. 2019 ich denke im März, waren wir bereits eine Woche vor Tourstart in Amerika. Wir hatten so vier oder fünf Songs. Da haben wir dann vor gut zwei Jahren das Video für „Worship“ gedreht lacht. Im September 2019 wiederholte sich das dann so ungefähr mit „Chemical Whore“. Wir haben ehrlich gesagt einfach das Beste von dem herausgepickt, was wir bis jetzt gemacht haben lacht. Wir besitzen nicht sowas wie einen Leitfaden, aber wir haben die Möglichkeit zum Videoshooten für diese Songs genutzt. Wenn das Album released wird, ist immer alles so stressig und nichts ist wirklich fertig – keine Fotos, keine Cover, nichts. Es ist, als würden wir diesmal alles rückwärts machen. Wir haben die Videos und Cover gemacht, bevor das Album überhaupt fertig produziert war lacht. Echt lustig wie sich die Dinge entwickelt haben. Letztendlich war es auch besser so denke ich.

YouTube

Mit dem Laden des Videos akzeptieren Sie die Datenschutzerklärung von YouTube.
Mehr erfahren

Video laden

MC | Tamara: Du hast Anfang des Jahres bereits gepostet ,dass das Album im Kasten ist und dann aber erstmal noch zwei Songs mit Pain veröffentlicht. Wie sehr freust du dich nun auf das Release?

Oh ich sitze jetzt seit drei bis vier Jahren dran lacht! Ich bin wirklich happy, dass es jetzt endlich ganz fertig ist und wunderbar klingt. Ich bin wirklich sehr glücklich damit.

„Die tiefen Growls sind zurück. Darin liegt neues Feuer.“

MC | Tamara: Und dann wirst du feiern?

Oh ich feier die ganze Zeit lacht! Natürlich. Es ist eine echt tolle Leistung und eins der stärksten Alben in der Hypocrisy-Diskografie. Es hat genau das was ein Hypocrisy-Album braucht. Die tiefen Growls sind zurück. Darin liegt neues Feuer.

MC | Tamara: Wird es eine Tour geben und dich mit Hypocrisy oder Pain nächstes Jahr noch nach Europa v.a.Deutschland verschlagen?

Das ist das, was wir hoffen. Wir treffen gerade viele Rearrangements. Wir haben bereits eine ganze Tour in Nordamerika gebucht, da starten wir. Im Februar habe ich noch einige Tourdaten mit Pain, die nachgeholt werden. Nach dem Sommer hoffe ich, dass wir wieder viele Festivals spielen zu können. Aber dazu kann ich jetzt noch nichts sagen. Ich hoffe, dass wir nächsten September, Oktober, November auf Headliner Tour nach Europa> kommen können. Es kommt ja auch auf die Veranstaltungsorte an, klar will jetzt jeder wieder raus und spielen. Ich weiß gar nicht, wie die Chancen stehen, noch gute Locations zum Spielen zu bekommen. Aber hoffen wir mal das Beste. Ich hoffe, wir können bald ein paar Tourdaten raushauen.

„Um ehrlich zu sein, hätte ich nichts gegen noch einen Festival-freien Sommer.“

MC | Tamara: Für Festivals gibt’s also bisher auch keine Termine?

Nein bisher nicht. Ich hoffe, wir können uns noch irgendwo dazwischen quetschen. Um ehrlich zu sein, hätte ich jetzt aber auch nicht so viel gegen noch einen Festival-freien Sommer. Es war echt schön, das erste Mal nach 28 Jahren einen freien Sommer zu haben lacht. Hoffen wir einfach darauf, dass der Virus nicht weiter wütet und die Kurve flach bleibt.

MC | Tamara: Letzte Frage: Was sind deine Pläne für die nächste Zeit, hast du neue Projekte am Start?

Um ehrlich zu sein, weiß ich gerade nicht, was ich tun will. Ich mache das hier jetzt seit 30 Jahren. Ich habe immer meine Augen und Ohren offen für Neues. In das neue Projekt, welches ich produziert habe und für das ich Musik geschrieben habe, bin ich nicht so stark involviert wie in Lindemann. Mir macht es aber Spaß. für andere Leute zu schreiben. Also mal sehen.

Foto: Hypocrisy / Offizielles Pressebild

More

Feature

Kill Her First

Kill Her First haben erkannt, was der gitarrenlastigen Musikszene im In- und Ausland am Meisten fehlt – weibliche Musikerinnen. Seit …

von