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Alternative

Live bei: Hundredth & Ryan Caraveo in Köln (19.02.2020)

Künstlerische Konsequenz, die sich auszahlt.

VON AM 25/02/2020

Hundredth haben mit ihrem Genrewechsel auf dem 2017er Album „Rare“ für einigen Aufruf unter den Fans gesorgt. Statt Melodic Hardcore mit Shouts von Frontmann Chadwick Johnson gab’s plötzlich Shoegaze-artigen Rock mit Pop-Punk-Einflüssen und cleanen Gesangslinien, der an Turnover oder auch Balance and Composure erinnert. Mit den letzten Singles bekräftigte die Band – die kollektiv hinter dem Umschwung steht – diese Ausrichtung nachträglich und schob sich mit Songs wie „Iridescent“ noch weiter in melancholische, 80er beeinflusste Soundsphären.

Hundredth zurück auf europäischen Bühnen

Drei Jahre Abstinenz von deutschen Bühnen liegen hinter der Band. Damals tourten Hundredth noch mit Silent Planet und den später aufgelösten Landscapes im Gepäck sowie The Pariah in Oberhausen. The Pariah-Gitarrist Paul wurde am heutigen 19. Februar auch im Publikum gesichtet. Es wird spannend, wie das Publikum auch live mit der musikalischen Neuausrichtung umgeht. Ein erster Test für Fans aus der Kölner Bucht und umliegenden Regionen bot sich dann am heutigen Abend auf der ersten Deutschland-Show der Tour. Mit dabei hat die Band aus Myrtle Beach den Solo-Künstler Ryan Caraveo aus Seattle.

Hundredth und das Ding mit der Fanbase

Einlass ins Ehrenfelder Artheater unweit des Erdlochs, wo einst das legendäre Underground stand ist um 19:00 Uhr und es gibt bereits einige recht junge und vorwiegend weibliche Gäste, die zeitig den kultigen Club stürmen. Und dann ändert sich sehr lange kaum etwas. Dass es nicht unbedingt einfach wird, auch die loyalen und musikalisch aufgeschlossenen Fans mitzuziehen und neue zu gewinnen, war der Band sicher bewusst. So verkauften sie vor einiger Zeit sogar höchst selbstsicher und humorvoll Taschentuchboxen für alle Hater des neuen Sounds. Und die Komplexität zeigt sich in den nächsten 60 Minuten vorerst bitterlich. Bis zum Einlass in den Konzertraum um 20:00 Uhr finden sich ca. 30 Personen ein. Gut, das wird ein entspannter Abend, denke ich mir. Ein wenig überrascht bin ich dennoch, dass gerade in einer der Konzerthauptstädte Deutschlands so wenig Publikum erscheint.

Ryan Caraveo: Emo-Rap aus der Geburtsstadt des Grunge

Weitere 30 Minuten Wartezeit später dann steht der Solokünstler Ryan Caraveo auf der Bühne und hat Hundredth-Frontmann Chadwick Johnson und Drummer Anthony Ghazel als Backing-Band auf der Bühne, während Basslinien und Soundeffekte aus dem Notebook kommen. Der 27-Jährige präsentiert seine Version des Emo-Raps im Stil von Lil Peep oder anders formuliert: einen typischen aber unaufgeregten Twenty One Pilots-Hip-Hop. Jede Sechzehntel der Downtempo-Songs bekommt eine Silbe und wird so zu einem flächigen Netz über der reduzierten Instrumentierung. Es ist wirklich schwierig, Höhen oder Tiefen oder so etwas wie Energie oder Euphorie in den Songs auszumachen, die zeitweise auch mit stereotypen Elementen aus dem Trap, wie schnellen HiHat-Patterns oder abgehackten Sechzehntel-Vocal-Betonungen daherkommen.

Ryan Caraveo

Ryan Caraveo

Ein Warm-Up ohne sich die Finger zu verbrennen

Es wirkt im Gesamten recht kalkuliert und wenig eigenständig, was der sich mit ungefährlich-weichen Bewegungen durch sein Set tänzelnde Musiker aus der Geburtsstadt des Grunge da bietet. Vielleicht bin ich auch zu kritisch, denn die eingangs erwähnten weiblichen Fans singen nahezu alle Textzeilen des bis auf die Fingerknöchel tätowierten Barden mit. Selbige werden aber nach dessen Show auch entweder den Club verlassen oder weiter hinten einen Platz gefunden haben.

Hundredth

„People ask me what I do. I say I am chasing dreams“ singt Caraveo in „Paradise“, in dem er unter anderem seinen Drogenmissbrauch thematisiert. Die Extreme der Inhalte finden sich, subjektiv wahrgenommen, leider in dieser Intensität in seiner Musik nicht wieder. Für meinen Geschmack ist hier einfach zuviel Radio und zuwenig Authentizität. Nach 30 Minuten ist das Warm-Up dann vorbei und weder Johnson noch Ghazel scheinen sich verausgabt zu haben.

Photos im Auftrag für MoreCore: Quinten Quist

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Hundredth und ihre zweite Bühnenpremiere

Ungefähr 15 Minuten später finden sich dann Hundredth auf der Bühne ein, in persona Chadwick Johnson am Mikro und mit Gitarre vor seinem Helix-Fußboard stehend, Anthony Ghazel an den Drumms, Alex Blackwell IV an der Lead-Gitarre und am Bass der ehemalige Hundredth-Gitarrist Andrew Minervini, der bis 2017 sechs Saiten bediente und nun auf vier Saiten reduziert hat. Der Raum ist nun ca. 2/3 voll, das Interesse am Hauptact hat dann also doch nochmal zulegen können.

Das heutige Set beinhaltet fast vollständig das gesamte Album „Rare“, was kaum verwundert, können Hundredth seit dem Genrewechsel bisher nur auf diesen einen Longplayer (neben B-Seiten und dem Remix-Album „Ultrarare“) plus einiger Singles seit Mitte letzten Jahres zurückgreifen.

Die Spannung vor dem ersten Ton

Johnson bedankt sich für die Offenheit der Fans gegenüber dem Supportact in dem Wissen, dass beide doch sehr unterschiedliche Musik spielen. Die Mehrheit der Fans scheint sich dennoch eher für den Hauptact begeistern zu können, zieht man die vermehrt nickenden Köpfe und wippenden Füße in Betracht. Ein Moshpit wie in vergangenen Tagen wird heute nicht aufflammen, was im aktuellen musikalischen Umfeld auch vollkommen abstrus wäre. Und das ist auch gut so, denn so findet meinereiner mehr Zeit, sich auf die Tiefe der Songs einzulassen, ohne auf herumwirbelnde Körper achten zu müssen.

Hundredth

Emotionaler Tiefgang auch ohne Hardcore

In viel Nebel und schummrig-bunte Lichter aus allen Ecken außer von vorne kommend gehüllt stehen die im grungigen Slacker-Outfit mit zu kurzen Hosen bekleideten Hundredth nun auf der Bühne. Hundredth spielen ihre „neuen“ Songs, als hätten sie nie etwas anderes getan. Während Johnson am Mikroständer gefesselt gedankenversunken Gitarre spielt, wandert Gitarrist Alex Blackwell IV umher, wann immer es möglich ist und schüttelt seine Wallemähne. In den extrem hart geschlagenen Snare-Rimshots von Ghazel – der sich zur Mitte des Sets dann seines Shirts entledigt – hallen noch vergangene Hardcore-Tage mit. Man merkt an den teils ruckartigen und dann schnell wieder kontrollierten Körperbewegungen der Musiker, dass „Bühne“ früher mal „Eskalation“ bedeutet hat. Johnsons Stimme ist überraschend solide und trotz weniger Ansagen (die dann auch eher inhaltlich spärlich ausfallen) gewinnt der Frontmann einiges an Sympathiepunkten.

Zur späteren Mitte des Sets packen Hundredth dann noch mit Ankündigung das The Smiths-Cover „How Soon Is Now“ aus, was auch gut anzukommen scheint und sich problemlos in den neuen Sound einfügt. Die anschließende Frage, wer den Song kannte wird mit spärlicher Zustimmung beantwortet und Johnson lächelt überrascht „Okay, only two people?!“. Mit den schnelleren „Neurotic“ und „Youth“ sowie „Departure“ zieht die Band dann die letzten knapp 15 Minuten hinsichtlich Intensität nochmal an und dem Publikum scheint es zu gefallen. Nach 60 Minuten ist die Show dann ohne unnötige Rockstar-Zugabe rum und man wird gebeten, am Merch Hallo zu sagen.

Künstlerische Konsequenz, die sich auszahlt

Hundredth haben es geschafft, den harten Kern der Fans mitzuziehen. Und was wünscht man sich als Künstler mehr, als treue Anhänger, die der eigenen Kunst wegen auf Konzerte kommen, Merch und Alben kaufen und nicht aufgrund irgendeines (Genre-)Hypes. Wer sich selbst von den Qualitäten der „neuen“ Hundredth überzeugen möchte, kann das diesen Sommer auf diversen Festivals tun, unter anderem auf dem Jera On Air.

Photos im Auftrag für MoreCore: Quinten Quist

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Brutal lights for mellow music. @hundredth were fun to listen but tough to shoot this week at @artheaterkoeln. I'm loving their "new" sound maybe more than the Melodic Hardcore they played in the past. Co-headlining the upcoming tour of Turnover would've been a perfect match. More pictures – also of @ryancaraveo – plus a complete review both by yours truly are just around the corner. Picture taken for @morecore.de. _________________________ #hundredth #chadwickjohnson #artheater #fromthepit #frontstage #morecore #htbarp #concertphotography #concertphotographer #musicphotography #musicphotographer #zeisscameralenses #sonyzeisssonnar55mmf18 #audioloveofficial #sonyalpha7iii #sonydeutschland #sonya7iii #sonyalphashooter #germanalphas #sonyalphagallery #primeentertainment #wizardpromotions #pureviolet #iridescent al#arteryglobal #atclive

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Beitragsphoto: Quinten Quist

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