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HardcoreMetalcore

Kritik: Knocked Loose - "You Won’t Go Before You’re Supposed To"

Ein Zustand irgendwo zwischen Nervosität und ungeduldigen Aufregung wäre die Beschreibung der letzten 10 Sekunden, bevor ich auf „Play“ der ...

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Ein Zustand irgendwo zwischen Nervosität und ungeduldigen Aufregung wäre die Beschreibung der letzten 10 Sekunden, bevor ich auf „Play“ der Vorabversion des neuen Knocked Loose-Albums „You Won’t Go Before You’re Supposed To“ drückte. Viele Fragen, Vorfreude, aber sicherlich auch Besorgnis machte sich bei mir breit. Denn nach nun zehn Jahren und einem raketenhaften Aufstieg als Heiland von Metal und Hardcore könnte sich auch die kompromissloseste Band einen einfachen Weg durch das Geschäft mit den extremen Klängen suchen.

Viel ist bis hier hin passiert im Lager Knocked Loose: Ausverkaufte Headliner-Touren mit legendären Live-Sets, ein Auftritt beim Influencer-stell-dich-ein Coachella als wohl härteste Band der Festivalgeschichte sowie die geiferten Machwerke „Laugh Tracks“, „A Different Shade Of Blue“ und der EP „A Tear In The Fabric Of Life“, die bis heute immer wieder Gespräch bei Fans und Kritikern sind. Hinzu kommen diverse, teilweise virale Hits wie „Counting Worms“, „Deep In The Willow“ oder „All My Friends“, die kaum einen Menschen unberührt lassen. Knocked Loose haben sich mit ihrem massiven Sound einen beispiellosen Weg in die Herzen der Musikfreunde gebahnt und sind nicht umsonst einer der wichtigsten Bands des letzten und aktuellem Jahrzehnts. Was ist nun mit „You Won’t Go Before You’re Supposed To“?

 

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Knocked Loose liefern Epi-Pen für die Ohren

Direkt zu Beginn kann ich Entwarnung für alle Knocked Loose-Fans dazwischen und außerhalb geben: Die Singles waren nicht nur der leichte Fix für einen ansonsten fremden oder gar ungewohnten Sound, sondern bereitet einen schon sehr gut auf die volle Packung des zehn Song Longplayers vor. „You Won’t Go Before You’re Supposed To“ bleibt vom ersten Riff bis zum letzten Snare-Schlag ein monströses Gewitter purer Aggression, welches mir für 27 Minuten das Adrenalin durch den Körper pumpt. Hinzu kommt ein Gefühl von Unbehagen, welches sich durch das Sound Design abseits vom gewohnten Instrumental immer wieder breit macht und einem auch in Momenten der „Ruhe“ keine Pause gönnt. Selten hat mich der erste Albumdurchlauf einer Band so aufgewühlt zurückgelassen wie der durch „You Won’t Go Before You’re Supposed To“.

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Die durstigsten Knockend Loose aller Zeiten

Wirft man einen zweiten Blick auf die Songs, bemerkt man die wohl chaotischsten Knocked Loose aller Zeiten. Nach dem sich anbahnenden Dröhnen schlägt kurz darauf bei „Thirst“ das Pendel direkt aus und liefert ein Kickstart in den akustischen Tretkreis zwischen Instrumenten und Vocals. Dabei hämmern uns Sänger Bryan Garris und Gitrarrist Isaac Hale immer wieder die Worte „Followed By Thirst“ ein, welche sich wie ein bizarres Mantra in das Gehirn brennt. Hinzu stößt „Piece By Piece“, welcher auch für langjährige Fans mit seinen Hardcore-typischen Drums und Rhythmen, die Verbindung zu den Hardcore-Wurzeln sehr früh im Album festigt. Auch hier wartet die Knocked Loose-typische Schonungslosigkeit.

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Softerer Sound dank Poppy?

Mit der bereits veröffentlichten Single „Suffocate“ holten sich Knocked Loose mit Poppy ein durchaus ungewöhnliche Feature-Partnerin mit ins Boot. So schlugen bei der Bekanntgabe der Tracklist, die Spekulationen um einen softeren Sound der Band in Zusammenhang mit der Musikerin nur so durch das Internet. Weit gefehlt, wie auch Sänger Bryan Garris im The Downbeat-Podcast von Stray Form The Past-Schlagzeuger Craig Reynolds erklärte. Trotzdem schaffen Knocked Loose eine kleine Symbiose mit dem Industrial-Sound von Poppy. Sei es der Off-Beat in der zweiten Strophe oder auch der aufsehenerregende Reggaeton-Beat im Breakdown. Hinzu kommt Poppys Vocal Perfomance, die nichts zu wünschen übrig lässt.

Nachdem „Don’t Reach For Me“ mit seinem treibenden Songwriting nochmal das Grundgefühl des Albums verstärkt, folgt mit „Moss Covers All“ und „Take Me Home“, eine vollumfängliche Introspektive in die Gefühlswelt von Sänger Bryan. So behandelt „Moss Covers All“ trotz seiner brachialen Präsentation, das Verlangen nach der Geborgenheit des eigenen Zuhauses und daraus entstehenden Heimweh, während man auf Tour ist. Hier gönnen sich Knocked Loose und uns eine vermeintliche Pause. Immer wieder wird das Panorama durch kleine Spielereien auf den Instrumenten gefüllt und das Schlagzeug lieferten einen mächtigen Aufbau, ohne dabei jedoch in einem wirklichen Höhepunkt zu enden. Teilweise erinnert es an das Intro des Klassikers „Counting Worms“.

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Täglich grüßt das Schlachthaus

Mit „Slaughterhouse 2“ folgt ein weiterer lang ersehnter Track, der wie sein Vorgänger von Motionless In White zusammen mit Sänger Chris Motionless aufgenommen wurde. Wenn auch nicht vergleichsweise catchy wie der erste Teil liefern Knocked Loose eine eigene Interpretation des anti-kapitalistischen Konzepts und greifen dabei immer wieder die bereits bekannten musikalischen Themen auf. Auch Chris Motionless liefert passende Vocals für den Hardcore-lastigeren Sound von Knocked Loose und steht seinem Gegenüber in nichts nach. Ein würdiger zweiter Teil zur Slaughterhouse-Geschichte.

„The Calm That Keeps You Awake“ und „Blinding Faith“ setzen das einfallsreiche Songwriting trotz der musikalischen Grenzen des Genres fort. Perkussive Zusatzinstrumentalisierungen und apokalyptische Gitarren-Riffs ziehen sich durch beide Songs. Massive Breakdowns und ein unverkennbarer Groove runden das Erlebnis ab. Auch Gitarrist Nicko Calderon ist mit seiner Stimme präsenter und unterstützt bei wichtigen Schlüsselpassagen. Leider fehlt im direkten Vergleich mit Bryan Garris oder Isaac Hale deutlich der Intensität, mit dem seine Vocals zu hören sind.

Zum Schluss wartet mit „Sit & Mourn“ noch der abschließende „Epos“, den mit 4:46 Minuten handelt es sich dabei um den längsten Song des Albums. Kein Wunder, wird hier zum Ende von „You Won’t Go Before You’re Supposed To“ nochmal der überwiegenden Atmosphäre des Albums genug Raum zum Entfalten gegeben. Während die Lead-Gitarre uns in den ruhigen Passagen ein Gefühl von Melancholie und Endlichkeit gibt, wird davor sowie danach nochmal bewiesen, wie wütend Abschied sein kann. Ein passender Abschluss ohne erzwungene Brutalität oder deplatzierter Breakdowns.

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Lautstärke ist nicht alles

Zusammen mit Produzent Drew „WZRD BLD“ Fulk liefern Knocked Loose die wohl passendste Präsentation für ihr Songwriting. Während die Gitarren einen zwischen sich einschließen, prügelt das Schlagzeug mit einer fast schon obszönen Intensität, ohne dabei an zu viel Nachvollziehbarkeit und Realismus zu verlieren. Besonders die von Fans getaufte „Dodgeball-Snare“ verstärkt dabei dieses Gefühl von Brutalität und Rücksichtlosigkeit. Sänger Bryan Garris beeindruckt im Rückblick auf vergangene Alben mit seiner Stimmentwicklung und überrascht neben der soliden Performance immer wieder mit kleineren Neuerungen. Gesamtheitlich spiegelt „You Won’t Go Before You’re Supposed To“ mit seiner fast grenzüberschreitenden Lautstärke passend das Konzept von Knocked Loose wider.

Foto: Brock Fetch / Knocked Loose

ALBUM
You Won’t Go Before You’re Supposed To
Künstler: Knocked Loose

Erscheinungsdatum: 10.05.2024
Genre: ,
Label: Pure Noise Records
Medium: CD, Vinyl, etc

Tracklist:
  1. Thirst
  2. Piece By Piece
  3. Suffocate (feat. Poppy)
  4. Don’t Reach For Me
  5. Moss Covers All
  6. Take Me Home
  7. Slaughterhouse 2 (feat. Chris Motionless)
  8. The Calm That Keeps You Awake
  9. Blinding Faith
  10. Sit & Mourn
9
FAZIT
Knocked Loose haben gezeigt, dass sie sich auch nach zwei gefeierten Alben immer noch verbessern und wachsen können. Selten zeugte ein Album von diesem Grad an Brutalität und Härte mit so viel bedachten Songwriting. Sei es der rote Faden in Form von wiederkehrenden Sound Design-Elementen, absolut passendem Einsatz der beiden Features oder nur die Entscheidung, beim richtigen Snare-Sound. Knocked Loose haben verstanden, dass dieses Album einschlagen muss, und das werden sie mit „You Won’t Go Before You’re Supposed To“ zu 100 Prozent erreichen. Ein authentisches Hörerlebnis ohne große Kritikpunkte und somit für mich das Album des Jahres 2024.