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„Es ist in vielerlei Hinsicht einiges sehr katastrophal in Amerika“ – Strike Anywhere-Frontmann Thomas Barnett im Interview

Der Frontmann der Politpunks aus Virginia über die kommende EP, gefallene Monumente und seine Wunsch-Tourbesetzung.

VON AM 02/07/2020

Strike Anywhere veröffentlichen am 17. Juli 2020 ihre neue EP „Nightmares Of The West“ via Pure Noise Records. Als wäre das nicht schon ein guter Grund, sich mit Thomas Barnett, dem Frontmann der Politpunk-Koryphäen über die sieben Songs zu unterhalten, schlägt die aktuelle politische Lage zusätzlich in die Ideologie-Kerbe der Band aus der ehemaligen Konföderierten-Hauptstadt Richmond im Bundesstaat Virginia. Und da die Band gemeinhin einiges zu sagen hat und wir für euch kein wichtiges Detail unergründet lassen möchten, lest ihr nachfolgend das Ergebnis einer hervorragenden Teamarbeit zweier MoreCore Redakteure. Ein großer Dank geht hierbei an Kevin, der das Telefoninterview mit Thomas führte.

Macht euch lieber noch schnell einen mittelgroßen Snack, denn in gut 20 Minuten am Telefon haben wir so einiges erfahren können.

Lest jetzt das Interview mit Thomas Barnett von Strike Anywhere

Kevin | MC:  In wievielen Bands neben Strike Anywhere seid ihr sonst eigentlich aktiv und wie verdient ihr eure Brötchen üblicherweise?

Thomas: Die meisten unserer Nebenprojekte sind Vergangenheit. Unser Gitarrist Matt ist akuell in einer Band namens Evening Shadows (Anm. d. Red.: Pop-Punkrock zusammen mit Valient Thorr-Bassist Tyler Wolf, ASG-Drummer Scott Key, Toke-Gitarrist und Sänger Jason “Bronco” Pierce und White Tiger & the Bed of Roses-Sänger Matt Hearn) und Mark ist in einer Band namens Sports Bar (Anm. d. Red.: Punkrock; letzte LP 2018 “Stranger In My Head”) – und ich spiele auch noch zusammen mit den Jungs von Great Collapse (Anm. d. Red.: in persona Ex-Rise Against/Nations Afire-Gitarrist Chris Chasse, At Risk-Gitarrist Tom Arnott, Set Your Goals-Bassist Joe Saucedo und Nations Afire/Ex-Death By Stereo-Schlagzeuger Todd Hennig) und nehme Musik zusammen mit ihnen auf. Aber da ist seit ein paar Jahren nicht mehr viel passiert.

Kaum etwas passiert aktuell wegen des Coronavirus’. Es hat unsere Städte und unsere Wirtschaft in den USA quasi zum Erliegen gebracht. Es ist in vielerlei Hinsicht einiges sehr katastrophal in Amerika, wie Du vielleicht aus den Nachrichten weißt. Wir hatten keine Erfahrung mit so etwas. Dies ist einzigartig in unser aller Leben. Im Laufe der Jahre waren wir eigentlich alle in verschiedenen Projekten und Gruppen und spielten einfach gerne  zusammen mit Freunden. 2012 waren wir sehr ausgiebig auf Tour und haben dann ein wenig zurückgefahren. Aber die meisten von uns haben andere Jobs, um unsere Einkommen aus den Touren aufzustocken.

„Wir glauben nicht wirklich, dass es gut ist, wenn Leute auf ein Label schauen und sagen ‚Okay, ich weiß, wie diese Bands klingen werden!'“

Kevin | MC:  Für die kommende Strike Anywhere-EP habt ihr das erste Mal in der Bandgeschichte einen Deal mit Pure Noise Records unterzeichnet. Vorher wart ihr eher bei Labels, die einen starken Punkrock-Background hatten, wie Fat Wreck Chords oder Bridge 9. Pure Noise erscheint da mit Screamo, Metalcore und Pop-Punk eher etwas aus der Reihe. Was war der Grund für diesen Wechsel? Und gibt es einen Plan, die Labels so oft in den letzten 20 Jahren zu wechseln?

Thomas: Lass’ mich überlegen…wir waren für drei unserer Platten bei Jade Tree Records und für ein Album und eine EP bei Fat Wreck Chords – und auf Bridge 9 für zwei Platten. Und Bridge 9 ist im Allgemeinen eher mit Hardcore verbunden, ein echtes Hardcore-Label, Straight Edge Hardcore. Es gab dort Leute, an die wir glaubten und mit denen wir arbeiten wollten. Ich möchte aber nicht zu lange auf einem bestimmten Label sein müssen, das einen gewissen Sound hat. Wir glauben nicht wirklich, dass es gut ist, wenn Leute auf ein Label schauen und sagen „Okay, ich weiß, wie diese Bands klingen werden!“, nur weil wir auf diesem Label sind. Wir sind seit 20 Jahren zusammen, unsere Beziehungen zu Plattenlabels waren ziemlich persönlich, weil wir pro Label fünf oder sechs Jahre dort waren, was ich für sehr lange halte und eine sehr gute Zeit.

Ich würde sagen, wir springen also nicht unbedingt aus Zeitgründen von Label zu Label. Pure Noise scheinen gute Leute zu sein. Wir haben sie durch unseren Freund Justin kennengelernt, der einfach großartig ist und uns in seinem Van auf Tour an der Ostküste der USA herumfährt. Sie schienen einfach sehr interessiert zu sein und wir für uns sind einfach froh, mit jedem zusammenzuarbeiten, der an eine Art Engagement für die Kultur glaubt, insbesondere, wenn wir Menschen mit dieser Zusammenarbeit auch noch zusätzlich verblüffen können. Es gehört für uns zum Punkrock, nicht einfach zu kategorisieren. Einen Weg finden, um Leute zum Nachdenken zu bringen.

Es wird zu einfach und zu konsumierbar, wenn man sich auf einem Label befindet, das so klingt, wie die Leute bereits erahnen, dass es sich anhört. Ich denke, das macht die Kultur zu austauschbar. Für uns ist schon irgendwie wohl überlegt. Aber es ist auch so, dass man gute Leute trifft, man gut miteinander klarkommt und wir nehmen ihnen ab, was und wie sie ihre Sache machen und warum sie es tun. Das ist wirklich alles, was wir brauchen.

Kevin | MC:  Ist es für dich eine Chance, kreativer und flexibler in deiner Musik zu sein?

Thomas: Ich würde sagen, das Plattenlabel ist ein Teil des Ganzen. Du kannst alle Deine Ideen veröffentlichen und das Label ist Dein Partner für die Ästhetik und die Art und Weise, wie die Platte am Ende präsentiert wird. Natürlich möchte man als Band auch so viel Kontrolle wie möglich haben, aber man möchte auch etwas Input haben, jemanden, mit dem man zusammenarbeiten kann. Denn Leute, die Independent, Punk und Hardcore betreiben, diese Labels sind selbst Künstler und sie sind ein bisschen verrückt, weil sie ein Geschäftsmodell betreiben, das nicht unbedingt profitabel ist. Sie machen es, weil sie es lieben und manchmal ist das irrational. Und diese Art von exzentrischen Persönlichkeiten angefangen bei Chris von Bridge 9 oder Ian von Pure Noise hin zu Fat Mike…du musst diese Zusammenarbeit mit dem Label selbst genießen. Das ist also auch ein Teil dessen.

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„Es ist genau richtig so und so, wie es sein muss. Es ist ein Kunstwerk.“

Kevin | MC:  Das Verhältnis von EPs zu Langspielplatten ist recht ausgeglichen bei Strike Anywhere. Wieso wurde es dieses Mal mit “Nightmares Of The West” wieder eine EP und kein Longplayer? Ist die aktuelle politische Situation der Grund für die Kreation der EP gewesen? Eigentlich gibt es ja gesellschaftlich genug Material für ein Doppelalbum.

Thomas: Natürlich (lacht)! Aber das Gegenteil ist passiert. Diese sieben Songs passen einfach zusammen. Der erste und der letzte Song am Ende – wir wussten, dass sie Nummer 1 und Nummer 7 sein würden, als wir sie schrieben. Für uns ist es so einheitlich geworden, wie wir es wollten. Man darf nicht vergessen, dass die Platte vor einem Jahr aufgenommen wurde. Es gab kein Coronavirus und die Mobilisierungen und Unruhen gegen die Brutalität der amerikanischen Polizei. Es ist interessant, dass die Songs, die wir geschrieben haben jetzt noch besser zum aktuellen Geschehen passen als zur Zeit, zu der wir sie komponierten. Ich kann das nicht wirklich erklären.

Neben dem Schreiben von Songs über soziale Krankheiten, über Ungleichgewichte, über den Versuch, die Kultur zu korrigieren versuchen wir auch für uns selbst und unsere Familien positiv zu bleiben. Ich glaube, wir dachten, als wir diese sieben Songs schrieben “Das ist es!“. Die Platte ist länger als eine EP, aber kürzer als die meisten LPs. Das ist uns egal. Es ist genau richtig so und so, wie es sein muss. Es ist ein Kunstwerk. Es hat seinen Anfang, sein Ende, seine Mitte. Für uns erzählt es eine komplette Geschichte und wir hoffen, sie tut es auch für andere.

Kevin | MC:  Uns interessiert, wie ihr ans Songwriting rangeht. Kommt das ganz natürlich oder habe ihr da Schemata, denen ihr folgt. Hat sich in diesem Prozess etwas in den letzten zwei Jahrzehnten verändert?

Thomas: Das ist eine gute Frage. Ich denke, vieles ist merklich gleich. Jeder schreibt Gitarrenparts und Ideen für Songs, ich setze Texte und Gesang ein und meine Bandkollegen schauen es sich an und arbeiten weiter in diesem Prozess – was wirklich großartig ist. Also arbeiten wir alle an allen Teilen der Songs. Ich denke, was anders ist, ist, dass viele meiner Bandkollegen jetzt Kinder haben, was wir in den Zeiten von „Iron Front“ im Jahr 2009 noch nicht hatten. Während meine Bandkollegen ihre kleinen Kinder babygesittet haben und Gitarre spielten, um sie zu beruhigen und beim Einschlafen zu helfen, nahmen sie Riffs auf und schrieben während dieser Zeit Strike Anywhere-Songs.

Ihre Kinder spielten und lachten und sprachen einfach in herzerweichendem Kinderkauderwelsch dazwischen, bevor sie wirklich sprechen konnten und all das war Teil der Aufnahmen. An einigen Stellen setzte ich den Gesang in Momenten ein, in denen die Kinder bereits Hintergrundstimmen auf diesen kurzen Telefonaufnahmen der Gitarrenparts hatten. Diese kleinen Duette der erweiterten Strike Anywhere-Familie sind die frühen Stadien der Songs und das ist wirklich ein neuer Einfluss.

Ich denke, wir haben alle in den letzten zehn Jahren viel Zeit damit verbracht, mit und in anderen Bands und Nebenprojekten zu spielen. Es geht uns einfach noch leichter als früher von der Hand, Strike Anywhere-Songs zusammen zu schreiben und Songs so zusammenzustellen, wie wir denken, dass wir sie auch live spielen. Es ist immer gut, die Umsetzung bei Live-Shows im Hinterkopf zu haben. Denn auf der Bühne ist das Lied für uns etwas Lebendiges – und wir spielen es verdammt noch mal auf Soundchecks, auf Tourneen und in verschiedenen Momenten, wenn wir proben – einfach so oft es geht.

Ich habe das Gefühl, dass es einen Vorteil hat, so ans Songwriting zu gehen. Wir haben jetzt 30, 40, 50 Songs aufgenommen. Wenn man diese also zum Repertoire hinzufügen möchte, muss man sie strengen Tests unterziehen, um herauszufinden, welcher Song wirklich wichtig ist. Man  möchte sich nicht wiederholen und man möchte auch nicht zu sehr das Terrain verlassen, was natürlich für die Band ist, also wer man ist. Also ist das dann die Balance und ich denke, alle Musiker und Künstler machen das durch, diesen Punkt, an dem Du nicht zu experimentell werden darfst und Du nicht ein Konzept abarbeiten möchtest. Zumindest für eine Band wie uns zählt, dass wir uns immer noch authentisch fühlen möchten in dem, was wir spielen und was wir sagen.

„Dieser Exodus von Menschen, die Flüchtlinge aus ihren eigenen Häusern sind, findet in amerikanischen Städten statt.“

Kevin | MC:  In der Presseinfo beschreibst Du, daß der Song “The Bells” sich mit der Art und Weise beschäftigt, wie sich Städte verändern, wie sich dadurch Menschen wandeln und wohin es sie treibt. Habt ihr ein Beispiel für diesen Wandel oder das euch zu diesem Song bewegt hat?

Thomas: Die Inspiration hierfür ist wirklich unsere Heimatstadt, Richmond in Virginia. Ich weiß nicht, ob die europäischen Nachrichten darüber berichten, aber es gibt aktuell haufenweise Proteste gegen Polizeibrutalität und Rassismus in den USA, anders als es jemals zuvor in unserem Leben passierte. Menschen reißen Denkmäler ein oder besprühen Dinge mit Graffiti. All diese verschiedenen Denkmäler…auch in England, in Bristol die eines Sklavenhändlers (Anm. d. Red.: Edward Colston, dessen Vermögen zu einem Großteil auf Sklavenhandel begründet war). In Amerika passiert aktuell so viel. 

Richmond war die politische Hauptstadt der Konföderation im amerikanischen Bürgerkrieg und es gab all diese Statuen. Und das Verrückte ist, dass ich “es gab” sagen kann, weil sie bis vor ein paar Wochen wirklich wortwörtlich über der Stadt auf ihren Sockeln schwebten. Ich kann kaum ausdrücken, wie wichtig und erstaunlich die aktuellen Zeiten sind.  Obwohl mehrheitlich afroamerikanische Bürger in Richmond leben und man dort aufgewachsen ist als Punkrocker, gegen Neonazi-Skinheads kämpfend, mit Freunden eine antirassistische Punkszene aufbauend, waren diese Statuten über die Jahre hinweg immer noch da. In “The Bells” geht es darum, sich zu fragen, was passiert, wenn die Denkmäler fallen. Woran erinnern wir uns und was vergessen wir. Was bedeutet diese Stadt? 

Eine weitere Entwicklung, die als Gentrifizierung bezeichnet wird, kommt häufig in amerikanischen Städten vor, in denen mit Immobilien spekuliert wird. Familien der Arbeiterklasse, die keinen entsprechenden Mittel haben, müssen zwangsweise diese Städte verlassen. Dieser Exodus von Menschen, die Flüchtlinge aus ihren eigenen Häusern sind, findet in amerikanischen Städten statt. Es ist wie Hyperkapitalismus. Dies macht es für Menschen, die keinen Zugang zu Bereichen haben, in denen sie über Bildung und Wohnraum verfügen können noch schwieriger. Daher werden die Dinge unerschwinglich und so ändern sich Städte – und das ist schrecklich. So werden die Wurzeln einer Gemeinschaft herausgerissen und die Menschen werden vertrieben, was ein großes Problem ist.

Bei „The Bells“ geht es darum, durch unsere Heimatstadt zu laufen, die Veränderungen zu erkennen, aber auch die Macht der Menschen, diese Entwicklungen zu ändern. Ich habe ursprünglich darüber geschrieben, die Denkmäler auf symbolische Weise niederzureißen. Und jetzt geschieht dies tatsächlich, was ich nicht hätte vorhersagen können. Aber es ist das Schönste und Wichtigste, was in unserem Leben passiert ist, besonders wenn man in dieser Stadt aufgewachsen ist.

Kevin | MC:  In diesem Zusammenhang habt ihr auch bereits Benefizkonzerte für lokale/regionale Angelegenheiten gespielt. Strike Anywhere scheinen mit ihrer Heimatstadt eng verbunden. Gibt es hier aktuelle oder zukünftig geplante Projekte dieser Art?

Thomas: Wir haben Teile unserer Einnahmen aus unseren Platten- und Merchverkäufen weitergegeben an Black Lives Matter, die Black Zero-Initiative und andere Community Empowerment-Gruppen sowie antifaschistische Aktionen und antirassistische Netzwerke, die schon immer Teil der Community waren seit Gründung unserer Band. Und das versuchen wir auch als Zivilisten zu tun, weil es keine Touren und keine Shows gibt wegen des Virus’. Es ist eine seltsame Zeit, in der unsere Band nicht unsere Band sein kann. Wir möchten gerne Shows spielen, unseren Beitrag leisten und Sprecher von Black Lives Matter oder anderen Community-Gruppen dabeihaben. 

Vor ungefähr drei Jahren hatten wir in Washington DC eine große Benefizshow an Thanksgiving. Wie auch immer, wir hatten diese große Show in DC und Sprecher von Black Lives Matters kamen in das Zentrum für Reproductive Rights (Anm. d. Red.: Reproduktive Gesundheit und reproduktive Rechte steht für einen Rechtsansatz, Familienplanung als Menschenrecht zu verankern) und wir spendeten all unser Geld an diese Gruppen und es war wirklich überwältigend und wichtig und repräsentierte alles, was wir als Band tun möchten. So ist es jetzt, viele Jahre später, interessant, dass diese Gruppen mehr Macht haben als je zuvor. Und es ist eine globale Bewegung. Es fühlt sich einfach unglaublich an.

Aber ja, da wir wegen des Virus’ keine Shows spielen können, wurden alle unsere Touren abgesagt. Solange sind wir normale Bürger, die versuchen, sich um ihre Familien und die Menschen unserer Gemeinschaft zu kümmern. Und hoffentlich können die Songs der EP ein sehr sehr kleiner Teil dieser Inspiration sein, Teil dieser Bewegung zu sein.

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Menschen müssen praktisch verrückt werden, um an ihrem irrationalen Glauben festzuhalten.“

Kevin | MC:  Es gibt diesen amerikanischen Mythos, diesen Traum, daß man es in den USA vom Tellerwäscher zum Millionär schaffen kann. Dieser Ansatz verkörpert irgendwie ja den Kapitalismus als Ideal, da hier ein persönlicher Erfolg nicht mit Glück, sondern finanziellem Wohlstand gleichgesetzt wird. Wie nehmt ihr den gesellschaftlichen Wandel vor diesem Hintergrund wahr? Ist die Generation „Instagram/Influencer“ die nächste Stufe dieses Mythos?

Thomas: Ich denke, dass dieses Ideal unehrlich war, viel Schaden angerichtet hat und erfunden war. Vielleicht leiden viele Amerikaner unter einer Art kognitiver Dissonanz über den Kapitalismus, über Leistung. Und je mehr Informationen man heutzutage erhält, desto klarer wird dieser Irrglaube eigentlich und der amerikanische Traum funktioniert plötzlich nicht mehr. Ein wirklich kleiner Prozentsatz der Menschen erhält weiterhin Wohlstand, schützt diesen Wohlstand durch Manipulation von Gesetzen und jede Generation erhält immer weniger die Möglichkeit, ihr Schicksal in irgendeiner Form zu kontrollieren. 

Also ja, ich meine, der Kapitalismus ist nur ein Krieg aller gegen alle, aber er ist auch notwendigerweise ein unfaires Spielfeld. Ich denke, tatsächlich sieht die neue Generation diese Fakten klarer als je zuvor und das macht Hoffnung. Die Anziehungskraft dieses amerikanischen Traums, dieses unternehmerische Denken, jeder würde bekommen, was er verdient, wenn er hart arbeitet. Dieser Unsinn, gefährlicher, gefährlicher Unsinn und diese Täuschung, all das wird nur durch Informationen aufgedeckt. 

So wie wir den Moment erleben mussten, in dem ein Polizist das Leben eines unbewaffneten Schwarzen, eines Opfers des Systems auslöscht können wir auch sehen, wie unser Leben, diese Fremdheit, immer mehr zum Kult wird. Menschen sind an vieles gewöhnt. Menschen müssen praktisch verrückt werden, um an ihrem irrationalen Glauben festzuhalten. Ich denke, die junge Generation hat eine viel bessere Chance, die Wahrheit zu erkennen und auf sie zu reagieren, sich um das zu kümmern, was wirklich wichtig ist und dies nicht diesem egoistischen Konzept, diesem schwachen, wütenden amerikanischen Traumkonzept zu überlassen.

Es gibt andere amerikanische Träume, die vielleicht in Ordnung sind, aber diese hyperindividuellen Ansätze „alles ist fair“, „die Vergangenheit spielt keine Rolle“, „jeder bekommt, was er verdient“…ich denke, die junge Generation erkennt diese Lügen am schnellsten und handelt, um sicherzustellen, dass wir alle davor geschützt sind. Wir können es jetzt auf den Straßen sehen.

Kevin | MC:  Ihr habt 2004 einen Beitrag zum “Rock against Bush” Sampler beigesteuert. Wäre heutzutage eigentlich nicht eine Neuauflage angebracht?

Thomas: (Lacht) Weißt du, ich denke, dass gerade tatsächlich etwas Besseres passiert. Ich denke, es ist wichtig, aber ich denke, dass jeder jetzt weiß, wo diese Band steht. Es ist seltsam darüber nachzudenken, wie viel sich geändert hat. Selbst die Integrität unserer Wahlen benötigt jetzt die Vertrauensfrage…und das war eigentlich schon immer so. All diese durchdringenden realen Probleme sind Teil eines öffentlichen Dialogs innerhalb Amerikas und weltweit auf eine Weise, wie es sie damals einfach noch nicht gab. Wir hatten den Irak-Krieg, wir hatten viel Korruption unter George W. Bush, aber all das ist nicht vergleichbar mit dem, was wir jetzt haben. Ich meine, wir haben eine Art existenzielle Krise als Nation. Man sieht nur Lüge über Lüge und Täuschung über Täuschung, Familien mit gebrochenem Herzen.

Ich weiß nicht, ob eine Punkrock-Compilation der richtige Schritt wäre. Ich bin mir nicht einmal sicher, ob es das damals war. Es war gut. Es hat Spaß gemacht, es gab viel Solidarität und man hat sich untereinander auf diesen Shows und Touren verbunden und kam miteinander in Kontakt. Ich denke, diese Platte hat immer noch ihre Daseinsberechtigung. Die Songs sind wirklich cool, aber es ist offensichtlich, dass Punkbands „Wir hassen Donald Trump“ aussprechen und ich denke, es gibt jetzt viel mehr Bewegungen und Quellen, die die Flut gegen die Verantwortlichen drückt und ich weiß nicht, ob das die Arbeit ist, die wir jetzt als Musik-Subkultur leisten müssen.

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Ich würde die Cro-Mags wahrscheinlich wieder zusammenbringen, aber ohne die Streitereien.“

Kevin | MC:  Wenn ihr die Wahl hättet, eine Tour mit drei anderen Bands zu spielen, wer würde mit euch den Nightliner teilen?

Thomas: Oh das klingt großartig. Zunächst einmal wären wir nur in einem Sprinter unterwegs, um dies etwas realistischer zu machen. Müssen diese Bands noch existieren oder können wir zu irgendeinem Zeitpunkt in der Geschichte reisen?

Kevin | MC:  Ich denke, wir können hier einfach träumen.

Thomas: Genial. Okay, ich würde X-Ray-Spex aus England wählen. Wir lassen ihre Sängerin Poly Styrol wieder auferstehen, weil sie eine so erstaunliche Queer-PoC war, eine große Feministin und einflussreiche Punkrock-Vorfahrin. Was für eine großartige Frage…ich würde die Cro-Mags wahrscheinlich wieder zusammenbringen, aber ohne die Streitereien, damit Harley und John Joseph auf derselben Bühne spielen können. Das wäre großartig. Und ich würde sagen…die Big Boys aus Texas. Sie waren aktiv in den 80ern. Eine amerikanische Hardcore-Band, eine großartige, queer-geführte Band (Anm. d. Red. der homosexuelle Sänger Randy J. „Biscuit“ Turner gilt als Pionier im Punkrock) und ich denke, die Welt hätte mehr von den Big Boys sehen sollen als sie konnte. Das wär’s soweit. Was für eine gute Frage!

Kevin | MC:  Vielen Dank für Deine Zeit bei der Beantwortung unserer Fragen. Wir wünschen euch alles Gute für „Nightmares Of The West“ und eure Zeit bei Pure Noise Records. Hoffentlich sehen wir Strike Anywhere 2021 auf europäischen Bühnen wieder.

Thomas: Ich hoffe es. Pass auf dich auf und ich hoffe wir sehen uns mal in persona.

Im deutschen Store ist die kommende EP „Nightmares Of The West“ (VÖ 17. Juli 2020) auf farbigem Vinyl übrigens auf 140 Stück limitiert. Man sollte lieber nicht zu lange zögern.

Mehr News zur Band findet ihr hier auf der offiziellen Website.

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Beitragsfoto: Josh Casino / Offizielles Pressebild zu Strike Anywhere

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