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„St. Anger“: Kontroverser war ein Metallica-Album wohl nie

20 Jahre „St. Anger“ – ein Rückblick.

VON AM 24/12/2023

Metallica haben mit „72 Seasons“ in diesem Jahr nach längerer Durststrecke und überwiegend enttäuschenden Alben mal wieder einen Longplayer veröffentlicht, der von vielen Fans recht positiv aufgenommen wurde. Anlässlich der Releases von „Hardwired…To Self-Destruct“ und „Death Magnetic“ wurde seinerzeit in Fankreisen nicht selten gefordert, dass Metallica ihre Musikinstrumente lieber an den Nagel hängen und in den wohlverdienten Ruhestand gehen sollten. Doch Totgesagte leben bekanntlich länger und mit „72 Seasons“ werden die (Thrash) Metal-Legenden aus San Francisco sicher nicht jedes Fanherz erobert haben. Zumindest haben sie aber sich und der Musikwelt bewiesen, dass sie es immer noch können. Heute wollen wir uns aber gar nicht so sehr mit der Gegenwart und der Zukunft Metallicas auseinandersetzen. Vielmehr soll es um eines der, wenn nicht sogar um das kontroverseste Album der Bandgeschichte gehen. Wir feiern in diesem Jahr 20 Jahre „St. Anger“. Grund genug, noch einmal zurückzublicken.

St. Anger – der große Wendepunkt?

Wir schreiben den Beginn der 00er-Jahre. Metallica befinden sich zumindest kommerziell auf dem Höhepunkt. „Load“ und „Reload“ waren zwar musikalisch nicht mehr die ganz großen Würfe, doch allein das als Black Album bekannte „Metallica“, das dank Songs wie „Enter Sandman“ und natürlich „Nothing Else Matters“ schon früh Legendenstatus erlangt hat, genügt, um die Verkaufszahlen von Tickets und CDs in astronomische Höhen zu katapultieren. Doch innerhalb der Band ist zu diesem Zeitpunkt längst nicht alles in Ordnung. Bassist Jason Newsted, der über den Drummer Lars Ulrich später sagen wird, dass er nie vollständig als Bandmitglied akzeptiert worden sei, berichtet seinen Bandkollegen Anfang 2001 von einem geplanten Side Project namens „Echobrain“. Er schlägt überdies vor, dass sich Metallica eine schöpferische Pause gönnen – auch, damit er selbst genug Zeit für „Echobrain“ hat. Doch vor allen Frontman James Hetfield kann sich weder mit der Pause noch mit Nebenprojekt Newsteds anfreunden.

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2001: Jason Newsted verlässt Metallica

Es kommt zum Streit, der im Weggang des langjährigen Bassisten und Nachfolger des 1986 tragisch verunglückten Cliff Burton endet. Erst später werden die verbleibenden Bandmitglieder feststellen, dass der Verlust Newsteds schwerer wiegt als zunächst angenommen. Dass er so schwer wiegt, liegt vielleicht auch daran, dass James Hetfield in dieser Zeit damit beschäftigt ist, die Dämonen seiner Alkoholabhängigkeit zu besiegen. Die Aufnahmen zu „St. Anger“ müssen 2001 für mehrere Monate unterbrochen werden, da sich Hetfield in den Entzug begibt. Und als wäre das nicht genug, legen sich Metallica in dieser Zeit auch noch mit der digitalen Musiktauschbörse Napster an. Wir erinnern uns: In den frühen 2000ern verbreitete sich das Internet zwar allmählich über den Globus, von Streamingdiensten waren wir aber noch weit entfernt. Über Napster konnte man aber sehr bequem Songs und Alben über das Internet tauschen. Metallica sind damit nicht einverstanden und verklagen im Jahr 2000 Napster, was zu einem unvorstellbaren Shitstorm führt. Kurz zusammengefasst: Metallica haben 2001 genug Stoff für ein neues Album gesammelt.

Was macht St. Anger zu einem so kontroversen Album?

Der Recording-Prozess für das achte Studioalbum beginnt Anfang 2001 mit der Jason Newsteds-Ankündigung, die Band zu verlassen. Das führt zur ersten Verzögerung, die aber im Vergleich zur mehrmonatigen Unterbrechung durch Aufenthalt James Hetfields in einer Entzugsklinik, wenig dramatisch erscheint. Erst 2002 nimmt die Arbeit am neuen Album richtig Fahrt auf. Metallica wollen in dieser Phase nicht noch mehr Zeit durch die Suche eines neuen Bassisten verlieren und nehmen daher ein Angebot ihres Produzenten Bob Rock, den Bass einzuspielen, an. Weil Metallica und James Hetfield im Vergleich zu anderen Bands in Sachen Lyrics noch nie besonders selbstreferenziell unterwegs waren, werden die vielen Schicksalsschläge dieser Zeit vor allem musikalisch verarbeitet. „St. Anger“ hat letztlich nur noch wenige bis gar keine Thrash Metal-Ansätze. Das Album wagt eine musikalische Entwicklung, die sich irgendwo zwischen Alternative Metal und Nu Metal ansiedelt. Und auch der Sound der Platte weicht von allem ab, was man bisher von Metallica gehört hat. Bob Rock wird später erklären, man habe ganz bewusst so klingen wollen, als wäre es die erste Aufnahme einer Band in einer Garage.

Wie würde „St.Anger“ wohl als High End-Produkt klingen?

Ziel erreicht – das kann man auch 20 Jahre später noch festhalten. „St. Anger“ erscheint übrigens im Juni 2003 kurzfristig fünf Tage vor dem eigentlichen Release-Termin. Man hatte Sorge vor unberechtigter Verbreitung des Albums im Internet. Napster war eben noch allgegenwärtig. So schließt sich auch thematisch mit dem Release des Albums ein Kreis. Für Metallica ist „St. Anger“ ganz offensichtlich ein wichtiger Baustein eines Heilungsprozesses. Da kann man als Fan die musikalischen Einbußen sicher in Kauf nehmen. Es bleibt aber schon die Frage, wie „St. Anger“ wohl als High End-Produkt geklungen hätte. Wahrscheinlich immer noch deutlich anders als alle vorherigen Metallica-Alben. Denn auch auf Gitarrensoli verzichtet die Band auf Studioalbum Nummer Acht vollständig. Laut Gitarrist Kirk Hammett habe man zwar versucht, Soli einzubinden. Es habe aber letztlich nicht zu den Songs und zu dem gepasst, was „St. Anger“ vermitteln soll. Konsequent – welche Band, die zur ersten Aufnahme in der Garage zusammenkommt, schert sich schon um Gitarrensoli? Um das Image einer Anfängerband komplett zu machen, vergisst Lars Ulrich schließlich eines Tages, seinen Snare-Teppich zu spannen. Heraus kommt ein Snare-Sound, der heute unrühmlichen Legendenstatus erreicht hat. Omas alter Kochtopf würde besser klingen.

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Ein unterschätztes Album?

Es sind also vor allem Sound und das allgemeine Songwriting, die „St. Anger“ zu dem kontroversen Album machen, das es nach wie vor ist. So richtig gerecht wird dies zumindest einigen Songs des Albums nicht. Allen voran der Opener „Frantic“ und der Titeltrack haben reichlich Potential. Auch hier würde man sich wünschen, die Songs einmal in einer High End-Version zu hören. Denn auch wenn es für den Selbstheilungsprozess der Band sicher wichtig war, das Album so aufzunehmen, macht die Produktion im Ergebnis vieles kaputt. Und so wird „St. Anger“ wohl für immer zumindest musikalisch eines der schwächsten Metallica-Alben bleiben. Wenn man irgendwann aber einmal auf die gesamte Karriere der Band zurückblicken wird, hat das Album seinen Platz in den Chroniken sicher. Nicht unbedingt wegen der musikalischen Qualität, sondern als Zeitzeugnis einer der schwersten Zeiten der Bandgeschichte. Hier hat „St. Anger“ sicher seinen wichtigen Beitrag geleistet.

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Foto im Auftrag von MoreCore.de: Jennifer Ehlers (Jennas Photoworld)

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