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Shoreline: Erfolg passiert im Pit – nicht bei Spotify
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Interview

Shoreline: Erfolg passiert im Pit – nicht bei Spotify

Shoreline-Sänger Hansol Seung im Interview.

Tobias Tißen/7. Mär.· Aktualisiert 22. April/6 Min.Foto: Emilia Spitale / Offizielles Pressebild
T

Tobias Tißen


Kennt ihr das? Ihr geht zu einer Show, weil ihr den Act sehen wollt – und am Ende ist es ausgerechnet die erste Vorband, die am nächsten Morgen noch in den Ohren nachhallt, wenn das Post-Konzert-Dröhnen so langsam abebbt.

Mit der Zeit begegnet einem die Gruppe immer öfter; sie kämpft sich ihren Weg aus dem Kleingedruckten ins obere Drittel von Tourplakaten und Festivalbillings. Und man erwischt sich bei einem kleinen „ich hab’s euch doch gesagt!“-Grinsen, weil man damals schon mit sieben bis zwölf anderen den Kopf zu ihren Songs geschüttelt hat.

So (oder sehr ähnlich) ging’s mir mit Shoreline. Und vielleicht ja auch einigen von euch. Wie laut der Ruf der Emo-Punk-Truppe aus Münster inzwischen durch die Szene hallt, ist mir erst vor Kurzem so richtig klar geworden, als Jordan Pundik von New Found Glory – die vor allem in den USA zur absoluten Szene-Spitze gehören – in unserem Interview Shoreline ganz nebenbei als Beispiel für den guten musikalischen Riecher vom gemeinsamen Label Pure Noise Records droppte.

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Als ich jetzt Shoreline-Frontmann Hansol Seung zum Gespräch über das neue Album „Is This The Low Point Or The Moment After?“ treffe, erzähle ich ihm davon. Er wirkt kurz erfreut, aber tut das Ganze auch schnell ab. Warum, merke ich später, als ich Hansol frage, ob er auf Streamingzahlen schaut und woran er den Erfolg seiner Band festmacht:

„… vor allem an Konzerten. Als wir das letzte Album rausgebracht haben […] hab ich so richtig gemerkt, dass es Leute gibt, denen unsere Musik total viel bedeutet. Und die sich im besten Sinne gehen lassen auf der Show.

Wenn man in einer Spotify-Playlist landet, hat man auf einmal 10.000 monatliche Hörer*innen mehr. Aber die sind ja nicht unbedingt alle emotional involviert in die Musik. Deswegen ist es immer noch das echte analoge Konzert, wo man in der echten Welt auf echte Menschen trifft.“

Live-Romantik im schwitzigen Club

„Das echte analoge Konzert“ klingt erst mal nach Romantik – ist bei Shoreline aber gerade einfach Realität. Hansol ist ins Interview quasi direkt aus Großbritannien gefallen, wo Shoreline in den Wochen zuvor zusammen mit Arm’s Length und Ben Quad auf der Bühne standen.

„Das war ein wilder Ritt“, sagt er und lacht. Viele der Venues seien nach Vorverkaufsstart direkt ausverkauft und anschließend hochverlegt worden. Und so war alles dabei: „von so 50 Leuten in einem kleinen Plattenladen bis zu Hallen mit 1.000 Leuten.“

Wo der Sänger sich am wohlsten fühlt, klingt sofort durch – und war eigentlich schon nach der Aussage zum „echten analogen Konzert“ klar. Natürlich seien große Bühnen auch cool, aber er bestätigt: „Je größer die Bühne ist, desto anonymer wird es.“ Am schönsten sei es da, wo „die Leute einem direkt vor der Nase stehen“. Warum? Weil die Musik sich in einem „kleinen, schwitzigen Raum einfach schneller und besser übertragt“, so Hansol.

Angesprochen auf die Unterschiede zwischen deutschem und britischem Publikum, ist ihm vor allem eine Sache aufgefallen: „Das Publikum in UK ist echt jung und sehr offen für neue Musik.“ In Deutschland hingegen müsse man sich das Publikum erst mal „warmspielen“: „In Köln haben wir jetzt locker elf Mal gespielt – und bis die Leute gecheckt haben, was Shoreline machen, sind bestimmt sechs Shows vergangen.“

„’ne ganz stringente Emo-Punk-Platte“

Vielleicht hilft da aber auch der reduzierte Ansatz der neuen Shoreline-Platte „Is This The Low Point Or The Moment After?“ (VÖ: 13. März 2026): „Wir sind wieder so ein bisschen zurückgekommen zu dem, was wir ganz am Anfang machen wollten“, antwortet Hansol auf die Frage, was die Band beim neuen Album bewusst anders gemacht hat.

Auf dem Vorgänger „To Figure Out“ (2024) sei mehr Platz für musikalische Ausflüge gewesen – „da haben wir zwischendurch auch mal so Discobeats gehabt“ und „Einflüsse von Rap“.

Für das neue Album habe er aber vorher den Entschluss gefasst, „’ne ganz stringente Emo-Punk-Platte“ zu schreiben. Aber nicht nur soundmäßig haben Shoreline alles enger gezogen, sondern auch inhaltlich: „Das war total bewusst. Es ist ’n Konzeptalbum“, bestätigt Hansol.

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Und dieses Konzept sei von Anfang an ein Paket gewesen: „Der Albumtitel, wie das Album klingen soll und was das inhaltlich mitbringen soll.“ Los ging’s mit dem Satz „Is the worst yet to come?“ – also der fiesen Frage, ob’s noch schlimmer wird oder der Tiefpunkt schon durchgestanden ist. Hansol wollte das „ein bisschen hoffnungsvoller“ drehen: „Es gibt diesen Moment danach! Man durchlebt den Tiefpunkt und irgendwann ist es dann auch vorbei.“

Entsprechend folge die – übrigens „zu einem großen Teil autobiografische“ – Platte einem Bogen: „Vor allem der Anfang und das Ende haben so ’ne gewisse Melancholie und dazwischen wird es immer schwerer, also sowohl inhaltlich als auch so soundtechnisch. Und am Ende, nachdem der Wendepunkt überschritten wurde, wird es wieder heller und so hoffnungsvoller.“, sagt Hansol.

Wo genau dieser Wendepunkt für ihn liegt, will er aber nicht verraten: „Jeder aus der Band hatte eine andere Meinung. Das Team und ein paar engere Freunde auch. Es war also gar nicht so eindeutig, wie ich dachte. Deswegen […] wollen wir das auch gar nicht definieren. Ich finde es cool, dass viele Leute eine andere Wahrnehmung davon haben, wann sie etwas als wieder hoffnungsvoll wahrnehmen.“

Überlegt gern mal bei Hören, wo der „Low Point“ für euch durchgestanden ist und es wieder bergauf geht. Für mich war es im Verlaufe des Tracks „Out Of Touch“. „Ich würde sagen, das ist ein valider Take“, kommentiert Hansol knapp.

Bühnen-Premiere erfolgreich bestanden

Dass diese neue Platte nicht nur als Konzept auf Papier funktioniert, merkt Hansol schon jetzt da, wo er es am liebsten misst: auf der Bühne. Und nicht nur, weil die neuen Songs beim UK-Publikum gut angekommen seien. Sondern auch an sich selbst: Nachdem sie knapp zwei Jahre quasi dasselbe Set gespielt haben, hätten die neuen Songs „auf jeden Fall gut getan. Da ist so ein frischer Wind drin“, so Hansol.

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Auf einen Song freue er sich live dabei besonders: „Paradox Man“. Aus zwei Gründen: Zum einen, weil der Song sein „Herzenssong“ der Platte sei. „Es geht darin ganz viel um meine mentale Gesundheit. Deshalb bedeutet er mir sehr viel, macht mich aber auch ein bisschen nervös.“

Zum anderen, weil „Paradox Man“ live eigentlich nur eskalieren kann: „So viele Breakdowns“, beschreibt Hansol den nicht mal zweiminütigen Banger, „eigentlich besteht der Song nur aus Breakdowns!“

Wie sehr der Track live eskaliert, wird sich zeigen, wenn Shoreline im Sommer unter anderem beim Vainstream Rockfest und beim Open Flair Festival spielen – und im Herbst dann auf Headliner-Tour gehen.

Credit: Emilia Spitale / Offizielles Pressebild

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