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Nathan Gray: „Es geht um den Moment, in dem du fällst und dir selbst wieder auf die Beine hilfst.“

Man wird die Musik von Nathan Gray mit anderen Ohren hören, wenn man versteht, welche dunklen Lebenspassagen er durchlaufen musste. ...

VON AM 30/01/2020

Man wird die Musik von Nathan Gray mit anderen Ohren hören, wenn man versteht, welche dunklen Lebenspassagen er durchlaufen musste. Unser Gastautor und Fotograf Sebastian Tönißen traf sich mit dem Boysetsfire-Frontmann zum Interview in Köln, um mit ihm über sein aktuelles Solo-Album Working Title zu sprechen, das am morgigen Freitag, dem 31. Januar erscheint.

Sebastian T.: Zunächst herzlichen Glückwunsch zum 25-jährigen Bandjubiläum von Boysetsfire und der ausverkauften Deutschland-Tour. Wie liefen die Konzerte?
Nathan: Großartig! Es ist wirklich ein großer Spaß und auch irgendwie surreal. Jede Nacht ist irgendwie so, als würdest du einfach mit Freunden abhängen – und ich beziehe das auf das gesamte Publikum. Da sind Leute, die uns seit 25 Jahren begleiten und sogar ihre Kinder mit zur Show bringen. Richtig cool und ich muss sagen, dass ich das jetzt auch brauchte.

Sebastian T.: Das freut mich wirklich zu hören! Wie groß waren die Shows?
Nathan: Die reinen Boysetsfire-Shows in Deutschland lagen bei 1.500 bis 2.500 Zuschauern. Bei den etwas spezielleren „Family First Festival“ Shows, mit denen wir unser Bandjubiläum gefeiert haben, kamen circa 4.000 Gäste.

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Sebastian T.: 2015 hast du dein eigenes Solo-Projekt ins Leben gerufen und gleichzeitig deine Metalcore-Band „I Am Heresy“ aufgelöst. War es schwierig für dich, dieses Projekt zu starten und gleichzeitig einen Schlussstrich zu ziehen?
Nathan: Wenn ich ehrlich bin, war es neben Boysetsfire das einfachste, was ich je gemacht habe – weil nur ich es bin, um den es geht. Zwei vollständige Bands parallel zu haben, ist da schon etwas schwieriger. Eigentlich sollte meine 2007 gegründete Band „The Casting Out“ schon ein Solo-Projekt werden, aber damals fühlte ich mich mit meinen Songwriting- und Gitarren-Skills nicht wohl und hab diese Aufgabe anderen Musikern überlassen und ihnen nur gesagt, wie ich klingen möchte. Dieses Projekt wurde 2010 beendet. Später habe ich dann echt verrückte Dinge mitgemacht und sehr depressive und emotionale Situationen durchlebt. Ich bin gerade dabei das alles zu verarbeiten und das erste richtige Solo-Projekt schien für mich der richtige Weg mich in den Verarbeitungsprozess richtig tief einzugraben.

Sebastian T.: Sind deine Songs demnach autobiographisch?
Nathan: Absolutely, yes! Das ist für mich eine sehr persönliche Angelegenheit und es scheint sich auszuzahlen. Mein letztes Album Feral Hymns war ein sehr rohes, runtergestripptes und aggressives Album einer dunklen Zeit. Das aktuelle Album ist erhebend, positiv und zukunftsbejahend. Eine Sache, die ich schon eine ganze Zeit lang machen wollte, für die ich aber noch nicht bereit war. Und jetzt bin ich bereit! Zudem habe ich eine ganze Menge Aufwand betrieben, dass meine Texte nicht nur autobiografisch sind, sondern andere Menschen die Möglichkeit haben, sich mit den Themen zu identifizieren. Ich will ihnen das Gefühl vermitteln, dass sie mit schwierigen Situationen im Leben nicht allein sind.

Nathan Gray Boysetsfire
Cover-Artwork: „Working Title“

Sebastian T.: Geht es bei deinem Solo-Projekt eher um Selbstverwirklichung oder hast du eine Möglichkeit gesucht, Songs umzusetzen, die mit Boysetsfire nicht möglich gewesen wären?
Nathan: Es ist eher das Selbstverwirklichungsding. Die Songs könnte ich auch ohne Probleme mit Boysetsfire spielen. Ich brauchte etwas, das nur ICH bin – you know? Nathan Gray lives and dies with me! Auch wenn ich mich in der Live-Situation eher von den Gitarrenparts distanziere, kommt beim Songwriting alles von mir allein. Ich liebe Gitarren und ich liebe es Gitarre zu spielen, auch wenn ich nicht der talentierteste Gitarrist der Welt bin [lacht]. Ich arbeite übrigens konsequent nach einem Zitat von Miles Davis – 20% machen die Noten aus, die restlichen 80% hängen von der Attitüde ab, wie der Motherf****r sie spielt.

Sebastian T.: Großartig! Das wird mein neuer Leitfaden! Wie läuft bei dir das Songwriting ab? Wie strukturierst du dich und welche Tools helfen dir dabei?
Nathan: Ich bin ein Chorus-Typ – meine Songs brauchen eine für mich funktionierende Hook. Diese entsteht zunächst bei mir im Kopf. Wenn sie dann da ist, mache ich alle um mich herum verrückt, renne aus dem Raum und suche eine Möglichkeit die Idee schnell mit meinem Telefon aufzunehmen. Aktuell habe ich mehr als 50 Ideen auf meinem Telefon, mit Material, das für das nächste Album ausreicht. Um die Hookline baue ich dann in Logic am Rechner die restlichen Parts des Songs. Bei der Songstruktur gehe ich zunächst nach Schema F vor. Erst später breche ich ggf. klassische Strukturen wieder auf.

Nathan Gray Boysetsfire
Foto: Sebastian Tönißen
Nathan Gray Boysetsfire
Foto: Sebastian Tönißen

Sebastian T.: Wie gehst du mit Schreibblockaden um?
Nathan: Ich lege dann einfach die Gitarre weg. Wenn ich dann zum Beispiel unter der Dusche stehe und nicht drüber nachdenke, kommt plötzlich aus dem Nichts eine Idee. Manchmal renne ich dann nur mit einem Handtuch um die Hüften zur Gitarre und muss die Idee weiterführen [lacht].

Sebastian T.: Was bedeuten Instrumente und Equipment für dich? Sind es eher Werkzeuge, die zu funktionieren haben oder eher eine Quelle der Inspiration?
Nathan: Eher letzteres, wobei ich die Inspiration in der Einfachheit der Dinge finde. Aktuell spiele ich eine Gibson Les Paul Junior – eine dieser 60er Jahre Tribute Modelle, die nur einen P90 Pickup haben – dazu einen Marshall Jubilee. That’s it! Ich liebe Instrumente und Equipment und kann nicht leugnen, dass auch die Ästhetik eine große Rolle für mich spielt. Bei Gitarren und Bässen stehe ich vor allem auf Satin Finishes. Auf blutrote Gitarren fahre ich besonders ab! Irgendwelche abgefahrenen Muster wie Zebra oder ähnliches machen mich verrückt. Einem meiner Musiker habe ich mal gesagt, dass er ganz sicher ein neues Instrument benötigt, wenn er mit mir Musik machen will [lacht].

Sebastian T.: Wie hast du für dein Solo-Projekt die Musiker ausgewählt?
Nathan: Mir sind dabei besonders zwei Aspekte wichtig. Meinen Fans habe ich ein Versprechen gegeben, das auf Sicherheit und Respekt basiert. Ich will bei meinen Shows die Möglichkeit haben, einfach über den Wellenbrecher zu springen und mit meinen Fans eine gute Zeit haben. Meine Mitmusiker müssen diesbezüglich das gleiche Mindset haben. Ich will keine Musiker dabeihaben, die auf ihren eigenen Vorteil bedacht sind. Zudem spielt ein Inklusionsaspekt bei der Auswahl meiner Musiker eine wesentliche Rolle. Ich will Menschen mit unterschiedlicher Gesinnung und Lebenssituation eine Chance bieten, die sie woanders vielleicht nicht bekommen hätten. Ich will Menschen, die für Diversity stehen, eine Hand ausstrecken.

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Sebastian T.: Welche Rolle hat Chuck Ragan von Hot Water Music in deinem Song Working Title gespielt?
Nathan: Der Song ging durch eine Vielzahl von Reinkarnationen. Bei der letzten Version, die es dann am Ende geworden ist, fragte mich ein Freund: „Weißt du wer in dem Song gut klingen würde?“ Und ich wusste genau was er meinte. Ich hab‘ Chuck dann sofort eine Textnachricht geschickt. Nachdem wir irgendwann telefoniert haben, wollte ich ihm zunächst meine Ideen zu den Harmonien schicken, die er singen sollte. Für mich hat es sich aber irgendwie bescheuert angefühlt, Chuck zu sagen, was ich von ihm erwarte. Er hätte es zwar so gemacht, wie ich gesagt hätte aber Chuck Ragan weiß einfach genau, was er zu tun hat, auch ohne, dass ich es ihm sage!

Sebastian T.: Haben deine anderen Musiker ein Mitspracherecht bei den Songs?
Nathan: in Sachen Live-Performance auf jeden Fall. Wenn also Ideen eingebracht werden, die live besser funktionieren, als im Studio, bin ich offen für alles. In Bezug auf das Songwriting eher nicht. Mir ist es wichtig, dass meine Songs zu 98% von mir kommen und es auch Ideen sind, die ich selbst umsetzen kann. Hier habe ich klare Grenzen definiert.

Sebastian T.: Du sagtest zu Beginn, dass du eine sehr dunkle Zeit durchlebt hast, die auch Auswirkung auf dein Songwriting hatte. Was ist vorgefallen und wie hast du es geschafft aus dieser Situation herauszukommen?
Nathan: Ich bin froh, dass du fragst! Inzwischen gehe ich sehr offen mit dem Thema um. Bis 2015 habe ich eine Phase tiefer Depression durchlebt und einen mentalen und körperlichen Zusammenbruch erlitten. Hierbei war ich oft aggressiv, voller Zorn und verbittert. Ich habe erheblich an Gewicht zugelegt, einen langen Bart getragen und schwarze Augenringe gehabt. Die Ursache für den Zusammenbruch geht zurück bis zu meiner Kindheit und hat mit sexuellem Missbrauch im kirchlichen Umfeld zu tun. Lange Zeit habe ich dies verdrängt und bin sogar an einem Punkt gewesen, an dem ich geleugnet habe, dass mir dies passiert ist. Als ich 2015 den Song „Echoes“ für das Album „Feral Hymns“ geschrieben habe, ist plötzlich alles aus mir herausgebrochen. Seitdem befinde ich mich im aktiven Verarbeitungsprozess, habe mehr und mehr Songs geschrieben, mache wieder regelmäßig Sport und schlafe wieder. Inzwischen habe ich mich damit abgefunden, dass Depression und Angst vermutlich immer ein Teil von mir sein werden. „Feral Hymns“ ist ein wirklich dunkles Album. Dort bleibt es auch! Es war ein cooles Album aber jetzt ist es an der Zeit „Goodbye“ zu sagen. There it goes. Ich weiß, dass ich weiterhin scheitern und auch tief fallen werde, vermutlich den Rest meines Lebens. Es geht aber mehr um den Moment, in dem du fällst und dir selbst wieder auf die Beine hilfst.

Sebastian T.: Was wäre die Botschaft deines Albums, wenn du sie in einem Satz zusammenfassen müsstest?
Nathan: You are not alone!

Anmerkung der Redaktion: Solltest du selbst das Gefühl haben, dass du dich in einer belastenden Situation befindest, dann kontaktiere bitte umgehend die Telefonseelsorge (www.telefonseelsorge.de). Unter der kostenlosen Rufnummer 0800-1110111 oder 0800-1110222 erhältst du anonym Hilfe von Beratern, die mit dir Auswege aus schwierigen Situationen finden und eine tolle Stütze sein können. Danke, dass du es versuchst!

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Nathan Gray live auf Tour 2020

14.02.2020 – Berlin, Columbia Theater (Tickets)
15.02.2020 – Münster, Sputnikhalle (AUSVERKAUFT!)
16.02.2020 – Köln, Kantine (Tickets)
17.02.2020 – Frankfurt, Batschkapp (Tickets)
18.02.2020 – Hamburg, Grünspan (Tickets)
19.02.2020 – Leipzig, Conne Island (Tickets)
20.02.2020 – Nürnberg, Hirsch (Tickets)
21.02.2020 – Wien (Österreich), Szene (Tickets)
22.02.2020 – München, Backstage (Tickets)
23.02.2020 – Zürich (Schweiz), Papiersaal
24.02.2020 – Stuttgart, Wizemann (Tickets)
25.02.2020 – Saarbrücken, Garage (Tickets)

Fotos: Sebastian Tönißen (https://www.rockstar-photographer.com/)

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