
Joel Birch: "Ich habe begriffen, dass ich viel mehr Durchhaltevermögen habe, als ich dachte."
Ein emotionales Interview zum neuen Album und der traurigen Geschichte dahinter.
Dana Chojetzki
Mit "House Of Cards" schlagen The Amity Affliction am 24.04.2026 ein neues Kapitel ihrer Bandgeschichte auf. Es ist das erste Album mit Clean-Vocalist Jonny Reeves als festem Mitglied und zugleich eine tiefschürfende Aufarbeitung traumatischer Familienerfahrungen. Wir haben mit Frontmann Joel Birch über den Songwriting-Prozess, musikalische Wagnisse und die zerbrechliche Natur der eigenen Identität gesprochen.
Triggerwarnung: Missbrauch, Tod, Verlust
Seit über zwei Jahrzehnten gehören The Amity Affliction zur Speerspitze der Heavy-Music-Szene. Doch Stillstand gibt es bei den Australiern nicht. Nachdem Jonny Reeves bereits 2025 offiziell zur Band stieß, waren die Erwartungen an das neue Material hoch. Wer jedoch eine radikale Kehrtwende im Songwriting erwartet hat, irrt sich. "Um ehrlich zu sein, hat sich gar nicht so viel geändert“, gesteht Joel Birch im Interview. Die bewährte Formel, bei der Dan die Musik schreibt und Joel die Texte liefert, bleibt das Fundament. "Dan hat die Musik kurz vor dem Ende der "Summer of Loud"-Tour fertiggestellt. Jonny hatte dann ein paar Wochen Zeit, um sich einzuklinken und seine Ideen zu schicken. Er hat absolut abgeliefert, aber der grundlegende Prozess ist derselbe geblieben."
Zwischen Melodie und maximaler Härte
Dennoch bietet "House Of Cards" klangliche Nuancen, die es so bisher nicht gab. Die Band hat sich bewusst dazu entschieden, den Gesangsstimmen mehr Eigenleben zu schenken. "Normalerweise schichten wir Screams und Gesang ziemlich stark übereinander. Dieses Mal wollten wir Jonnys Stimme für sich stehen lassen und beiden Elementen ihren eigenen Raum geben", erklärt Joel.
Dass die Band dabei auch ihre bisherigen Grenzen sprengt, beweist der Track "Eternal War". Joel erinnert sich lachend an den Moment, als er die ersten Entwürfe hörte: "Dan schickte mir das Ding und ich musste einfach nur lachen. Aber der Song hat es aufs Album geschafft und ist jetzt wohl der härteste Amity-Song, den wir je aufgenommen haben." Auch Joel selbst hat experimentiert und sich für den Song "Heaven Sent" sogar Unterstützung von einem Synchronsprecher geholt, nachdem seine eigenen Versuche, eine bestimmte Passage einzusprechen, laut eigener Aussage "hilflos schlecht" waren.
Das Kartenhaus der Kindheit
Der Albumtitel "House Of Cards" ist weit mehr als eine Metapher für Instabilität. Er ist tief verwurzelt in Joels persönlicher Biografie und der schwierigen Beziehung zu seiner Mutter, die 2024 verstarb. "Der Titel stammt aus einer Zeile, die es letztlich gar nicht aufs Album geschafft hat: ‚Du bist in einem stabilen Zuhause aufgewachsen - ich in einem Kartenhaus‘", erklärt der Sänger. "Es ist Ausdruck meiner Frustration über den Mangel an Verständnis. Leute, die Stabilität genossen haben, blicken oft mit Mitleid oder Feindseligkeit auf diejenigen herab, die in fragilen Umgebungen großgeworden sind." Zwischen seinem 4. und 19. Lebensjahr zog Joel fast alle 18 Monate um - eine Unbeständigkeit, die er erst durch Reflektion im Erwachsenenalter als ungesundes Familienkonstrukt erkannte.
Eine Botschaft an die Fans
Trotz der Schwere der Thematik - Missbrauch, Aggression und die toxischen Dynamiken innerhalb der Familie - schwingt in dem neuen Album eine Form von Heilung mit. Der Tod der Mutter habe ihn und seine Geschwister paradoxerweise näher zusammengebracht. Für Fans, die sich in ähnlichen Situationen befinden, hat Joel eine klare Botschaft: "Man kann sich seine Familie nicht aussuchen. Man kann nur sein eigenes Leben so führen, wie man es sich von seiner Familie gewünscht hätte. Wir können uns nur dazu entscheiden, die Menschen um uns herum mit der Würde, dem Respekt und der Liebe zu behandeln, die wir selbst von unseren Blutsverwandten erwarten würden."
"House Of Cards" erschien am 24. April via Pure Noise Records. Es ist ein Album, das beweist, dass The Amity Affliction auch nach 20 Jahren noch die Kraft haben, sich ihren Dämonen zu stellen und daraus ihre bisher stärkste Kunst zu formen. "Wir sind mit einer ganz neuen Entschlossenheit an dieses Album herangegangen", resümiert Joel. "Ich habe begriffen, dass ich viel mehr Durchhaltevermögen habe, als ich dachte."



