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Lagwagon: „Kein Fan von Soundcloud getriebenen 2 Minuten-Songs“

Frontmann Joey Cape im Interview.

VON AM 29/10/2019

Seit beinahe 30 Jahren sind Lagwagon im Geschäft. Mit ihrem mittlerweile neunten Studioalbum „Railer“ wagten die Punkrock Helden aus Kalifornien einen Schritt zurück zu den eigenen Wurzeln und präsentierten mit der souveränen 90s Skatepunk-Platte ihre eigene Interpretation allgemeiner Retro-Trends. Sänger Joey Cape, der den Großteil des Albums in wenigen Wochen geschrieben hatte, erklärt im Interview unter anderem, wie die Band sich neu sortiert hat und was er von der Entwicklung im Musikbusiness hält.

MC | Maik K.: “Railer” ist Lagwagon’s neuntes Studioalbum. Was steckt hinter dem Albumtitel?

“Railer” ist ein Begriff mit einer seltsam negativen Konnotation, so ähnlich wie “bogus” (= gefälscht, geschwindelt; Anm. d. Red.). Ein Surfer, den ich kannte, hatte das Wort in den 70ern erfunden und seitdem war es auch in meinem Vokabular. Seit Mitte der 90er fiel das Wort auch in der Band und ich verwendete es in einem Song namens “Falling Apart” von Lagwagons Album “Blaze”.

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MC | Maik K.: Im Vergleich zum Vorgänger “Hang” hattet ihr bei “Railer” nur wenige Wochen Zeit, um das Album zu schreiben. Wie hast du dich in der Situation gefühlt?

Ich habe mich sehr unwohl mit dem gegebenen Zeitfenster gefühlt, aber nach den ersten Ideen kamen die Songs dann wie von selbst. Außerdem schrieb auch unser Bassist Lil’ Joe die Musik zu zwei Songs auf “Railer”. Es half sehr, dass ich hier nur noch die Lyrics und Melodien fehlten und dazu gab es ja auch noch einen Coversong. Also musste ich letztendlich nur noch neun Songs schreiben. Obwohl das Ganze stressig und schwierig war, bin ich sehr zufrieden mit dem Endergebnis.

MC | Maik K.: “Railer” hat starke 90er Vibes und klingt sehr nach eurem älteren Material, während “Hang” noch etwas experimenteller war. Warum seid ihr wieder “back to the roots” gegangen und glaubt ihr, ihr könnt so auch immer noch ein jüngeres Publikum ansprechen?

Ich weiß nicht, wen es in dieser Hinsicht ansprechen wird, aber ich glaube, dass es deswegen authentisch nach der Band klingt, weil es so schnell geschrieben wurde. Es gab wenig Zeit für Experimente und ich fragte mich regelmäßig: “Was würden Lagwagon tun?”, haha. Manchmal ist es ganz gut, wenn man nicht jede Akkordfolge oder Melodie hinterfragt. Das war in diesem Fall gut, denke ich.

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Jean Capet, Petit Teton

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MC | Maik K.: Wo wir gerade bei den 90ern sind: derzeit gibt es einen starken Retro-Trend, der auch Musik, Mode und die Unterhaltungsbranche beeinflusst. Was haltet ihr davon und welche Sache aus den 90ern sollte auf keinen Fall wiederbelebt werden?

Einiges. Die hässlichen und widerlichen Klamotten, wie auf unserem Album-Cover zu sehen. Die Leute standen in der Zeit total auf diese Neonfarben. Grelles orange und grün. Das war eine Beleidigung für die Augen. Musikalisch, denke ich, waren die späten 80er und frühen 90er die Geburtsstunde von Samples und starkem Reverb auf den Drums im Rock, was etwas kitschig war. Diese Aspekte haben wir auf “Railer” nicht wiederaufleben lassen. 

MC | Maik K.: Ihr habt kürzlich eine Managerin eingestellt. Stimmt es, dass sie eure allererste Managerin ist und was hat sich seitdem für euch verändert?

Sie ist tatsächlich unsere erste richtige Managerin. Anna ist eine große Hilfe und kümmert sich um das Tagesgeschäft und noch viel mehr. Viele dieser Pflichten wurden von der Band in der freien Zeit sonst oft übersehen. Mit Anna sind wir innerhalb der Band und zwischenmenschlich viel entspannter und können uns auf das fokussieren was zählt: die Musik. Außerdem hilft sie uns kleine und große Entscheidungen zu treffen, die in der Vergangenheit sehr für Ablenkung gesorgt hatten. So bleibt die gute Stimmung erhalten und dass wir unsere Ziele im Blick behalten. Seitdem sie das Ruder in der Hand hat, ist die Dynamik viel flüssiger.

MC | Maik K.: Als ihr Lagwagon 1990 gegründet hattet, hörten die Leute noch CDs, Kassetten und Schallplatten. Heutzutage geht es aber primär um Streams und Klicks, was nicht nur das Einkommen der Künstler bestimmt, sondern auch die Art und Weise wie Songs geschrieben werden, denn diese werde zunehmend immer kürzer. Was hältst du von dieser Entwicklung und glaubst du, dass dies auch Einfluss auf die Qualität der Musik hat?

Ich glaube nicht, dass dies einen Einfluss auf uns hat. Es hat unser Leben zwar finanziell verändert, aber unsere Intention ist nach wie vor dieselbe. Wir machen Musik, die wir gerne live spielen und versuchen stets die Qualität eines Songs und des gesamten Konzepts eines Albums im Auge zu behalten. Wir bewerten Alben immer noch auf diese Weise und sind auch etwas stur und haben es auch geschafft, nicht in die Falle zu treten, auf implizite allgemeine Hörgewohnheiten einzugehen. Natürlich kann ich hier nicht für andere Künstler und Gruppen sprechen. Aber ich bin kein Fan von Soundcloud-getriebenen 2 Minuten-Songs oder irgendeiner anderen Anleitung, wenn es ums Songwriting geht.

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Foto: Joe Leonard / Offizielles Pressebild

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