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Interview

In Flames im Interview: „Wir haben noch nie besser geklungen“

Björn Gelotte über das neue Album "Foregone", Genre-Diskussionen und einen Hoffnungsschimmer in der Dunkelheit.

VON AM 14/11/2022

Am 10. Februar 2023 erscheint „Foregone“, der 14. Longplayer von In Flames. Wir haben im Rahmen der Pre-Listening Sessions in Stockholm die Möglichkeit gehabt, mit Gitarrist und Songwriter Björn Gelotte über das Album, In Flames 2022 und den Zustand der Welt zu sprechen.

In Flames-Gitarrist Björn Gelotte im Interview

Tamara | MoreCore: Bei der Recherche für dieses Album hab ich das Wort Foregone gegoogelt und es gibt keine wirklich deutsche Übersetzung dafür. Kannst du mir erklären was Foregone bedeutet und warum ihr diesen Album-Titel gewählt habt?

Björn fängt an zu reden.. überlegt… und entschuldigt sich dann mit den Worten “Ich möchte das richtig machen”. Er verlässt den Raum und kommt dann nach einigen Sekunden wieder.

So, jetzt hab ich’s erklärt bekommen. Für mich geht es um etwas, an das du dich erinnerst, das aber nicht mehr existiert. Es war also nie wirklich da, aber im wahrsten Sinne des Wortes geben wir diese Bedeutung auf unserer Platte wieder. Es geht um das ultimative Ende, das Ende aller Dinge. Das Ende der Zeit. Das ganze Konzept dreht sich um Zeit und was das für Menschen bedeutet. Es ist ultimativ – diese Art der Finsternis.

“Es klingt vielleicht egoistisch, aber ich glaube, das ist der einzige Weg, ehrlich zu sein.”

Tamara | MoreCore: Ich glaube, dass jedes Mal, wenn In Flames ein neues Album rausbringen, für Fans und Kritiker:innen die Diskussion um Melo-Death und Modern-Metal losgeht. Wie gehst du mit Menschen um, die versuchen, In Flames in eine Schublade zu stecken? Oder interessiert dich das überhaupt?

Ich gehe damit gar nicht um – Ich muss das nicht. Das ist das coole daran, in einer Band zu spielen, deine eigene Musik zu schreiben und Musik für dich selbst zu machen. Es klingt vielleicht egoistisch, aber ich glaube, das ist der einzige Weg, ehrlich zu sein. Wenn du es magst, hör dir die Platte an, wenn nicht, gibt es noch eine Million andere Bands und Dinge. So gehe ich damit um. Sehr, sehr viele meiner Lieblingsbands haben Dinge gemacht, die ich nicht mag. Das heißt aber nicht, dass ihre Arbeit schlecht ist. Wir haben das Beste gemacht, was wir konnten und ich bin super stolz darauf. Aber nur weil ich denke, dass es das beste Album ist, das wir je gemacht haben, müssen das andere nicht auch so sehen.

In Flames und die “happy little accidents”

Tamara | MoreCore: Lass uns etwas über euer neues Album sprechen. Mir ist am meisten dieses sich wiederholende Gitarren-Motiv aufgefallen. Wie seid ihr darauf gekommen?

Die Akustik-Gitarre. Das Intro der Platte. Das sollte eigentlich ein Mittelpart für die “Foregone”-Songs werden. Wir wollten eigentlich einen langen Song machen, und dieser Gitarren-Part sollte dazwischen liegen. Deswegen haben sie einen ähnlichen Chorus. Das war die erste Idee, die wir hatten. Aber dann haben wir die Platte zusammengesetzt und gemerkt, dass dieser Akustik-Part ein tolles Intro ergibt. Ich hatte diese Melodie im Kopf und hab sie daheim aufgenommen, es war ganz leicht und simpel. Es war so nicht geplant aber es ist einfach passiert – “Happy little accidents” wie Bob Ross sagen würde.

In Flames Björn Gelotte

Tamara | MoreCore: Wir dachten, eine Referenz zu älteren Sachen von euch rauszuhören wie zum Beispiel “Moonshield”…

Ich spiele eigentlich auf jeder Platte etwas Akustik-Gitarre. Es ist einfach super atmosphärisch. Man kann sich richtig wegträumen mit dieser groß-klingenden Akustik-Gitarre. Ich liebe es, dass wir das seit der ersten Platte bis heute machen und es wird auch immer ein Teil unserer Musik sein. Ich habe auf dieser Platte mehr Akustik-Gitarre hinzugefügt als sonst, weil es besser zu den Tracks passt. Es gibt ihnen diese Brillanz. Das mag ich sehr. Wir schauen aber nicht zurück – wir erforschen das eher weiter.

“Wir wollten einfach nicht da weitermachen wo wir aufgehört haben”

Tamara | MoreCore: Was hat euch inspiriert und beeinflusst während dem Songwriting?

Wir haben zwei Jahre lang nichts getan. Ich konnte die ersten Monate gar nichts tun, hatte keine gute Laune, alles, was ich gerne machte, war weg. Ich bin seit ich 19 Jahre alt war am Touren und Musikmachen und hänge mit meinen Freunden rum und wir machen das, was wir lieben. Und dann konnte ich das nicht mehr machen. Das war frustrierend. Dann wurde das Leben langsam wieder normal, aber wir wollten nicht einfach da weitermachen, wo wir aufgehört haben. Also beschlossen wir, erstmal ein neues Album aufzunehmen. Man konnte wieder reisen und das war wirklich inspirierend für uns. Wir fuhren das erste Mal seit Jahren wieder in die USA, nach L.A.. Dort haben wir uns hingesetzt und geschrieben, das war super. Ich habe Anders [Fridén, Anm. d. Red.] nicht einmal während der Pandemie gesehen, habe ihn vermisst und vor allem vermisst, wie wir zusammen arbeiten. Das hat mich sehr inspiriert. Ich hab mir keine Platten angehört, einen Film gesehen oder ein Buch gelesen, das mich inspiriert hat. Es war einfach nur das, dass wir wieder zusammen arbeiten konnten und die Frustration darüber, dass es so lange nicht ging.

Tamara | MoreCore: Wenn man „Foregone“ mit seinen Vorgängern „I, The Mask“ und „Battles“ vergleicht, ist „Foregone“ viel düsterer. Ist die Scheibe ein Konzeptalbum über den menschengemachten Weltuntergang?

Ja, das ist eine gute Analyse. Diese Pandemie hat die Menschheit pausieren lassen. Wir hatten ja gehofft, dass die Menschen danach freundlicher werden, dass die Welt ein besserer Platz werden könnte, weil wir da zusammen durch müssen. Aber es wurde nur schlimmer. Es gibt viel mehr Hass da draußen. Vor allem im Internet. Ich glaube, deshalb ist dieses Album eine Art düstere oder trostlose Vorhersage der Zukunft.

“Ich bin nicht nostalgisch – Ich glaube nicht, dass es früher wirklich besser war”

Tamara | MoreCore: Es ist also eine Art Vorhersage der Zukunft. Ihr sagt ja auch, das Album wäre über Zeit. Wo befinden sich dann Vergangenheit und Gegenwart?

Es kommt natürlich darauf an, aus welcher Perspektive du es betrachtest. Ich mag die schnellen Songs, die wie eine Parallele dazu sind, wie sich das Leben seit der Pandemie anfühlt. Wir sind getourt, haben versucht zu schreiben und eine neue Platte 2022 rauszuhauen. Das Leben und die Zeit gehen so schnell rum. Das wird in den Songs symbolisiert, es gibt die schnellen und die langsamen Songs. “Meet Your Maker” ist wie etwas, das sich anschleicht und dann abrupt stoppt. Dann sieht man das Licht am Ende des Tunnels („Pure Light Of Mind“) – da wo die Pandemie endlich endet und sich die Welt wieder öffnet. Wir haben diese Ballade und dann wird es wieder dunkel („In The Dark“).

Ich bin nicht wirklich nostalgisch, ich glaube nicht, dass es früher wirklich besser war. Das Leben ist jetzt wirklich gut und das muss es auch sein. Wenn ich daran denke, dass ich alles Coole schon erlebt habe und das der Höhepunkt war, zu was sollte ich dann aufschauen? Alles Coole wird noch kommen. Ich hoffe einfach darauf, dass es nicht so düster wird, wie es sich jetzt gerade anfühlt.

“Man liest mehr über Influencer in der Zeitung als über den Horror, der im Osten abgeht.”

Tamara | MoreCore: Ja, man hört auf dem Album verschiedene Aspekte der Zukunft…

Wir haben gerade einen Krieg mitten in Europa. Das gab’s schon lange nicht mehr. Das ist gruselig. Es gab einige Konflikte, aber das ist auf einem anderen Level. Und das Gruselige daran ist die Aufmerksamkeit, die die Medien am Anfang darauf gelenkt haben und jetzt gar nicht mehr. Als ob es weg wäre. Das zeigt, wie wenig wir uns eigentlich dafür interessieren. Das gibt uns nicht viel Hoffnung für die Zukunft. Man liest mehr über Influencer in der Zeitung als über den Horror, der im Osten abgeht. Und das ist der Punkt.

Tamara | MoreCore: Ich glaube, “In The Dark” wurde im Kontext dieses Krieges geschrieben.

Ich glaube, der Krieg hat auf vielen Wegen die Songs beeinflusst. Wie das lyrisch ist, kann ich dir nicht genau sagen, da müsstest du Anders fragen. Aber er würde es dir auch nicht sagen. Das ist was er will, er möchte das die Leute nachdenken.

In Flames 2022: “Wir haben noch nie besser geklungen”

Tamara | MoreCore: Ich habe in einem Interview, das Anders gegeben hat, gelesen, dass für In Flames eine neue Ära begonnen hat. Was ist neu an In Flames 2022?

Vieles hat sich verändert, wir sind das erste Mal in dieser Band-Kombination und wir haben noch nie besser geklungen. Wir sind glücklich, dass wir wieder zurück sind. Ich würde nicht sagen, dass es eine neue Liebe ist, weil ich es immer geliebt habe, aber wir haben Respekt davor, dass wir das hätten verlieren können. Das hilft mir, die Dinge mehr als vorher wertzuschätzen. Ich würde nie sagen, dass das ein Job ist. Aber manchmal steht eine Tour an und du hast keinen Bock. Nach so etwas wie der Pandemie realisierst du erst, dass du eine Chance hast, die du auch wertschätzen solltest. Außerdem ist es sowieso jedes Mal eine neue Ära, wenn wir ein neues Album rausbringen.

Ich habe noch nie so viel Gitarre gespielt! Ich habe jetzt Chris Broderick in der Band und er ist ein krasser Gitarrist, super inspirierend, ein toller Mentor. Ich glaube nicht, dass ich jemals wieder so viel Gitarre spielen werde. Vieles war also sehr positiv, auch wenn die Platte so düster wurde.

“So einen Mix auf Platte zu bringen ist Luxus als Songwriter”

Tamara | MoreCore: Ihr habt eine Ballade aufs Album gepackt: “Pure Light Of Mind”. Warum war euch das wichtig noch diese emotionale Seite zu zeigen?

Ich glaube, der Kontrast ist wichtig. Die Dynamiken einer Platte und die Menge an Energie, die man da reinsteckt muss etwas bedeuten. Wenn die Platte dann konstant auf 100 / 110 läuft, gewöhnst du dich dran. Diese Ballade, wir nennen es Ballade, weil der Track langsamer ist und diese Clean Vocal Parts besitzt, die wirkt wie ein “Durchatmer” für den Geist. “State Of Slow Decay” oder “Foregone Pt. I” haben jede Menge Energie inne. Wir haben “Pure Light Of Mind” nicht eingesetzt, um weich zu sein, sondern um dem Hörer Raum zu geben. Das Intro war das Erste, was ich für das Album geschrieben habe. Außerdem mag ich Balladen: Es gibt große Chorusse und wir lieben große Chorusse. Es ist wichtig, einen gewissen Mix an den Start zu bringen. Ich liebe Death Metal, aber ich liebe auch Skid Row-Balladen. Weil sie so groß sind, dass sie dich einfach direkt treffen. Und so einen Mix auf eine Platte zu bringen, ist Luxus als Songwriter.

Tamara | MoreCore: “Pure Light Of Mind” war für mich wie ein Hoffnungsschimmer auf so einem dunklen Album.

Du brauchst das. Du brauchst diesen Schimmer in deinem Leben. Vor allem, wenn alles gerade scheiße ist. Man muss immer nach etwas Ausschau halten und auf etwas hoffen. Wie ein Leuchtfeuer oder Unschuld. Aber man kann auch alles überanalysieren und überdenken… Wir haben versucht, weniger zu denken. Das hört sich jetzt an, als würden wir überhaupt nicht nachdenken, natürlich tun wir das, aber wir wollen es nicht übertreiben. Es ist ein Album und es braucht einfach einen guten Flow. Es soll etwas aussagen und es muss eine aufregende Reise sein. Außerdem solltest du dich nach dem Album nicht so fühlen, als würdest du dich selbst umbringen wollen. Du solltest glücklich sein. Du solltest alles erlebt haben. Musik ist zum Unterhalten da und dich an Orte zu bringen. Das ist ziemlich cool. Das ist zumindest das, was Musik für mich ist.

Tamara | MoreCore: Noch was schönes zum Schluss. Ich starte mal: Meine Lieblinge auf dem Album waren “In The Dark” und “A dialogue in b flat minor”. Was sind deine Lieblinge und warum?

Das ist wie wählen, wer dein Lieblingskind ist. Wir haben bis jetzt drei live gespielt. Und es macht einfach so viel Spaß, die zu spielen. Sie sind neu, frisch, herausfordernd. Es ist cool, die Songs, die ich ja schon seit einem Jahr kenne, durch die Ohren anderer Leute zu betrachten. Menschen zu sehen, die die Tracks das erste Mal hören gibt einem so viel zurück. Ich nenne also abschließend diese drei: „The Great Deceiver“, „State Of Slow Decay“ und „Foregone Pt. I“.

Wir mussten daraufhin leider unser Interview mit Björn beenden, da unsere Zeit zu Ende war. Es war aber nur ein kurzes Goodbye, denn bald gibt’s ihn und die anderen Jungs von In Flames live in Deutschland und Co. zu erleben. Folgend findet ihr die Dates der anstehenden Tour auf welcher die Schweden von At The Gates, Orbit Culture und Imminence unterstützt werden:

30.11.2022 – CH – Zürich, Samsung Hall
02.12.2022 – AT – Vienna, Gasometer
03.12.2022 – DE – Leipzig, Haus Auensee
04.12.2022 – DE – Köln, Palladium
08.12.2022 – DE – Wiesbaden, Schlachthof
09.12.2022 – DE – Hamburg, Edel Optics Arena

Bild: Live At Knotfest 2022 Pia Böhl

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