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Interview

„Die amerikanische Crowd ist super, aber…“ – Dropkick Murphys-Frontmann Ken Casey im Interview

Casey im Gespräch über das neue Album, Chancen in der Pandemie und Geburtstagsfeiern.

VON AM 02/05/2021

Letztes Jahr rockten sie noch die deutschen Bühnen. Die Punkrocker der Dropkick Murphys sind 2021 wieder am Start und veröffentlichten am 30. April 2021 endlich ihren zehnten Longplayer “Turn Up That Dial”.

Eigentlich sollte dieser schon letztes Jahr im Sommer erscheinen, aber da kam den Bostonern das große C in die Quere. Welche positiven Aspekte das aber auf den Schaffensprozess und Ken Caseys persönliche Bindung zur Musik hatte, erfahrt ihr im folgenden Interview, das wir mit dem Sänger führen durften.

Es lohnt sich bis zum Ende zu lesen, da wartet nämlich eine Überraschungs-Ankündigung!

Dropkick Murphys-Frontmann Ken Casey im Interview

Ken: Wie geht’s dir heute morgen?

MC | Tamara: Mir geht’s gut. In Deutschland ist es allerdings schon 2 Uhr nachmittags. Wie geht’s dir? In den USA ist es ja noch ziemlich früh?

Ken: Alles gut. Ich bin’s gewohnt.

MC | Tamara: Hab gehört du hattest letzte Woche Geburtstag! Alles gute nachträglich!

Ken: Oh ich danke dir!

MC | Tamara: Aber ich habe auch gehört, dass du Geburtstagspartys hasst. So sehr sogar, dass du einen Song darüber geschrieben hast, der es sogar auf’s neue Album geschafft hat.

Ken: *lacht* Ja einer meiner Bandkollegen, ich werde seinen Namen nicht verraten, feiert seinen Geburtstag einfach etwas übertrieben. Er feiert eine Woche oder sogar den ganzen Monat. Also der Song “HBDMF” ist nicht über Menschen, die ihren Geburtstag feiern, aber für die Menschen, die es übertreiben.

MC | Tamara: Letzten Monat habt ihr euren zweiten Livestream zum St. Patricks Festival “Still locked down” veranstaltet. Wie fühlt es sich an, für die Kamera zu performen statt für das große Bostoner Publikum wie sonst?

Ken: Es ist auf jeden Fall nicht unsere Lieblingssituation, aber in diesen verrückten Zeiten sind wir froh, überhaupt einen Weg zu haben, uns mit den Fans zu connecten. Ich hoffe, wir müssen das nicht viel länger mitmachen. Also das St. Paddys Festival schon, aber lieber wieder mit Publikum vor Ort. Ich denke, dass viele Leute aus Boston nicht am Start waren, obwohl man uns ja auf der ganzen Welt über diesen Weg zu schauen kann.

MC | Tamara: Also glaubst du, ein Livestream bringt auch Gutes mit sich?

Ken: Ja auf jeden Fall. Wir haben da viel positives Feedback bekommen, die Leute werden sich das weiter anschauen. Außer die Leute aus Boston, ich glaube wenn die nicht hingehen, schauen sie es sich auch nicht daheim an.

„Die Amerikanische Crowd ist super, aber die Passion für Livemusik ist nicht so stark wie die der Europäer“

MC | Tamara: Aber natürlich vermisst du auch das Live-Touren, oder? Die Dropkick Murphys sind eine sehr fan-nahe Band. Ihr holt zum Beispiel eure Fans am Ende auf die Bühne und macht Fotos und so weiter. Eure letzte Tour war Anfang 2020 durch Europa, kurz vor der Pandemie. Wie war’s für euch und was wirst du nie vergessen?

Ken: Oh das war eine der besten Touren aller Zeiten. Wir wussten allerdings schon währenddessen, dass wir das nicht mehr so machen konnten. Alles war schon langsam auf dem Weg in den Shutdown. Da mussten wir während der Tour, auch wenn sie sonst wirklich großartig war, unsere Interaktion runterschrauben. Normalerweise haben wir immer die Fans auf die Bühne geholt, mit den Leuten aus den ersten Reihen Fotos gemacht und sie kennen gelernt.

Europa ist dabei eine unserer Lieblings-Stationen. Die USA hat leider im Gegensatz dazu seine Liebe zur Live-Musik verloren. Ich denke, das liegt an den tausenden von Kanälen und Kabel-TV. Die Amerikaner bleiben lieber daheim, die Europäer gehen raus. Aber ich habe die Hoffnung, dass der Virus das ändern wird. Vielleicht denken die Amerikaner dann: “Mann jetzt war ich ein Jahr lang daheim eingesperrt, bitte lass mich wieder raus!” Nicht falsch verstehen, die amerikanische Crowd ist super, aber die Passion für Live Musik ist nicht so stark wie die der Europäer.

MC | Tamara: Ihr habt “Smash Shit up” das erste Mal in Deutschland live performt. Somit war es der erste Song, den wir vom neuen Album kennen lernen durften. War es auch der erste Song den ihr produziert habt?

Ken: Ja es war der erste Track, den wir produzierten. Wir dachten, wenn wir von der Tour heimkommen, produzieren wir das Album fertig und bringen es im Sommer 2020 raus. Wir wussten noch nicht, dass sich das alles wegen der Pandemie um neun Monate verschieben sollte. Aber es war sehr interessant, zumindest diesen einen neuen Song vor einem Live-Publikum zu präsentieren. Zu fühlen wie er sich spielt. Und wir dachten, dass “Smash Shit Up” uns schon mal sehr gut gelungen ist und wir nicht darauf warten können, den Rest des Albums den Fans vor zu spielen.

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MC | Tamara: Um was genau geht es denn in “Turn Up That Dial” und was steckt dahinter?

Ken: Ich denke, bei “Turn Up That Dial” geht’s einfach darum, die Musik laut aufzudrehen und um das Leben im Allgemeinen. Du gehst raus und tust Dinge etwas extremer und lebst intensiver. Ich denke, wenn sich die Situation beruhigt, alles wieder etwas sicherer und die Menschen zurück zum normalen Leben kehren, werden sie das verwirklichen. Sie werden sich voller Energie fühlen. Außerdem wollten wir eine positive Message senden, die Welt ist gerade negativ genug. Ich hoffe, dieses Album wird den Menschen ein Lächeln ins Gesicht zaubern.

“Man kann sich bewusst Kopfhörer reinstecken, eine alte Platte rein hauen und sie komplett durchhören. So verliebt man sich nochmal neu in die Musik”

MC | Tamara: Du meintest, dass einige Songs auf dem Album wie “Turn Up That Dial” oder “Good As Gold” den musikalischen Helden eurer Jugend gewidmet sind. Wer waren denn die Idole, die dich und deine Musik beeinflusst haben?

Ken: Für mich ist das vor allem die Musik der 70er und frühen 80er. Punkbands wie The Clash und Stiff Little Fingers. The Business war die erste Band, die uns mit auf Tour nahm. Ich sage sehr oft “die Jugend hört sich keine Platten mehr an sondern streamt nur noch einzelne Tracks”, allerdings erwische ich mich auch sehr oft selbst dabei. Beim Autofahren, zum Beispiel, achtest du nicht darauf, ein Album von Anfang bis Ende zu hören.

In der Pandemie hat sich das wieder geändert. Man kann sich bewusst Kopfhörer reinstecken, eine alte Platte reinhauen und sie komplett durchhören. So verliebt man sich nochmal neu in die Musik. Ich selbst habe so einen neuen Zugang gefunden, die alte Musik wieder mehr wert zu schätzen. So habe ich alte Erinnerungen wieder geweckt, die Einfluss auf den Schaffensprozess des neuen Albums genommen haben. Man kann Musik nutzen, um sich in der Zeit zurück zu bewegen. Als ich jünger war, gab es immer diese Alben, bei denen ich nicht warten konnte, sie zu kaufen und zu hören. Und genau darum geht es. Musik, die dich mental durch Raum und Zeit transportiert.

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MC | Tamara: Was ist dein Lieblingstrack auf dem Album und warum ist er dir wichtig?

Ken: Oh das ist hart. Ich will die anderen Songs nicht beleidigen *lacht* Die könnten es persönlich nehmen. Ich denke das “Good As Gold”, aus genannten Gründen, einer meiner Favoriten ist. Es geht um das Feeling, damals als Teenager nicht abwarten zu können, zum Record Store zu gehen und das neue Album in den Händen halten zu können. Vielleicht ist es für wenige heute noch so, aber früher war es für uns das Größte.

Ansonsten mag ich “Middle Finger” und “Queen of Suffolk County” sehr. Wir haben vier lange Songs gemacht, die komplett ohne E-Gitarre auskommen. Das war mal was anderes und ich habe mir viel Mühe gegeben, Aggression auf diese Akustik-Spuren zu bringen. Ich denke, das ist super für das Album. Es gibt ihm Diversität und Dynamik. Insgesamt bin ich aber mit jedem Song sehr zufrieden. Das kann man nicht immer nach Veröffentlichung eines Albums sagen. Es war ein Vorteil, so viel Zeit zum Produzieren zu haben. Wir hatten mehr Zeit, zu reflektieren und nachzudenken. Wir haben das erste Mal das Gefühl, nichts verändern zu müssen.

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MC | Tamara: “Chosen Few” ist ein US-kritischer Song. Was ist die Bedeutung und an wen richtet er sich?

Ken: In “Chosen Few” geht es um die Sicht der Welt auf die USA. Alle sagen, wir sollten uns schämen für den internen Kampf, den wir führen. Natürlich startete alles mit der Spaltung von Donald Trump und normalen Menschen *lacht*. Aber selbst jetzt mit Joe Biden und den Republikanern ist es nicht leicht. Das ist tatsächlich beschämend und die Welt sieht zu den USA als Spitzenreiter auf. Man kann aber kein Spitzenreiter sein, wenn man sich gegenseitig so bekämpft.

Wir haben den Namen des ehemaligen Präsidenten deshalb nicht im Song genutzt, da er sowieso schon genug Aufmerksamkeit bekam. Nicht das er die Dropkick Murphys hört *lacht*, aber der beste Weg, um mit diesem Kapitel abzuschließen, ist ihn nicht weiter die Medien dominieren zu lassen.

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“Selbst wenn wir 80 sind und wir die Bühne betreten, das Publikum vor uns haben, selbst dann werden wir immer noch diesen Enthusiasmus verspüren, der uns in 15-Jährige verwandelt”

MC | Tamara: Ich wollte noch zu eurem Jubiläum gratulieren. Ihr feiert dieses Jahr 25 Jähriges Bandbestehen! Was meinst du, ist das Resümee, was vermisst du an den alten Zeiten und was ist heute besser?

Ken: Die frühen Jahre waren chaotischer, gefährlicher und voller Liebeskummer. *lacht* Es war eine Achterbahnfahrt, einfach, weil die Dinge nicht so liefen, wie sie sollten. Und jetzt läuft alles wie geplant. Wir sind da, wo wir immer sein wollten. Wir spielen so viele Shows. Ich hatte so viel Spaß in den ersten Tagen der Band, aber gleichzeitig denke ich, “Boah was für ein Alptraum war das”. Wir fuhren stundenlang mit unserem Van von Gig zu Gig. In Europa war das noch schlimmer, da waren wir die meiste Zeit total verloren, versuchten Karten zu lesen und dachten, wir würden die Show verpassen. Heute bin ich wirklich froh, dass wir unsere Leute bei Zeiten bezahlen können. Ich bin schon dankbar wie es heute ist *lacht*.

Wir sind schon froh, wie es heute ist, aber wir vermissen die alten Zeiten. Ich denke, heute sind wir um einiges besser “geölt”, was unsere Live Shows betrifft. Wir machen das seit 25 Jahren und es wird immer energetischer. Das ist lustig zu sagen, wir sind Menschen die nicht jünger werden. Ich glaube, dass wir, selbst wenn wir 80 sind und wir die Bühne betreten, das Publikum vor uns haben – selbst dann werden wir immer noch diesen Enthusiasmus verspüren, der uns in 15-Jährige verwandelt. Bis wir dann am nächsten Tag aufwachen *lacht*.

MC | Tamara: Feiert ihr das Jubiläum? Habe gehört, es soll eine Release Party geben…

Ken: Ja am 1. Mai, direkt nach dem Release des Albums. Es wird einen Livestream geben, natürlich feiern wir da eher das Album. Ich hoffe *fingers crossed*, dass wir 2021 noch ein paar Shows mit den Fans spielen können und dann zusammen feiern. Aber da quatschen wir nochmal drüber, wenn es an der Zeit ist.

[Anm. d. Red.: Das Interview wurde vor der Veröffentlichung des aktuellen Albums geführt.]

MC | Tamara: Gibt es denn schon Pläne für eine nächste Europatour?

Ken: Ja. Die Daten wollen wir nach dem Release beim Livestream für das Album bekannt geben. Im Frühjahr 2022 wollen wir dann wieder nach Europa und Deutschland kommen. Wir hoffen sehr, dass die Impfungen wieder Konzerte möglich machen. Also kauft euch eure Tickets und dann können wir uns hoffentlich nächstes Jahr wieder sehen!

Surprise, surprise – die von Ken Casey angedeutete Tour wurde nun offiziell verkündet. An folgenden Terminen beehren uns die Dropkick Murphys mit ordentlich Live-Action. Mit dabei sind als Special Guest auch The Interrupters.

Dropkick Murphys 2022 live auf Tour

21.01.2022 – DE – Mannheim, Maimarkthalle
22.01.2022 – DE – Dortmund, Westfalenhalle
23.01.2022 – DE – Chemnitz, Messehalle
26.01.2022 – DE – Hamburg, Barclaycard Arena
27.01.2022 – DE – Hannover, Swiss Life Hall
03.02.2022 – AT – Wien, Wiener Stadthalle
05.02.2022 – CH – Basel, St Jakobshalle
06.02.2022 – DE – München, Zenith
07.02.2022 – DE – München, Zenith
11.02.2022 – DE – Berlin, Max Schmeling Halle

Bild: YouTube / „Dropkick Murphys „Queen of Suffolk County“ (Music Video)“

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