The Ocean Phanerozoic I: Palaeozoic

Kritik: The Ocean erweitern auf „Phanerozoic I: Palaeozoic“ ihr Repertoire

Fünf Jahre sind seit dem Release von „Pelagial“ vergangen. Auf Tour haben The Ocean das Werk, das zugegebenerweise am besten in seiner Gänze funktioniert, stets von Anfang bis Ende gespielt. Doch wurde es Zeit für neues Material, nicht zuletzt auch aufgrund interner Besetzungswechsel und der verstreichenden Zeit seit „Pelagial“. Doch eine Band veröffentlicht nicht einfach ein solch monumentales Werk und setzt sich an eine neue Platte, weshalb ich zugegeben große Zweifel hatte.

Eine Band legt normalerweise nicht nochmal ein Album nach, das genauso großartig ist – oder etwa doch? Ein Mammutprojekt, welches Pelagial war, man aber von The Ocean gewohnt ist, ist auch „Phanerozoic“ wieder. Ein Doppelalbum, das konzeptionell an „Precambrian“ anknüpft. Jedoch verzichten The Ocean auf das ganz tiefe Konzept, wie es bei „Pelagial“ im dunklen Ozean verborgen lage.



„Phanerozoic I: Palaezoic“ ist der erste Teil eines Doppelalbums, dessen zweite Hälfte wohl 2020 veröffentlicht werden soll. Thematisch knüpfen The Ocean an ihr Album „Precambrian“ an, welches sie noch Anfang des Jahres auf 10-Year Anniversary Tour live gespielt haben. Doch funktioniert das überhaupt an eine frühere Stelle anzuknüpfen, wenn sich der Sound und auch die Herangehensweise an das Schreiben der Musik verändert hat? „Phanerozoic I: Palaezoic“ liefert den stichfesten Beweis dafür!

„The Cambrian Explosion“ eröffnet das Album mit düsteren Synths, die die Leitmotivik des folgenden „Cambrian II: Eternal Recurrence“ aufgreifen und so auf eine offensichtlichen Kohärenz deuten. Bereits jetzt fällt der unike Gitarrensound, für den The Ocean stehen, auf. Jedoch klingen die Gitarren noch viel definierter, brachialer und aggressiver als auf den bisherigen Veröffentlichungen der Band. Kein Wunder also, dass Robin Staps „Phanerozoic I“ als das bisher bestproduzierte Album der Band beschreibt.

Im Gegensatz zu „Pelagial“ ist es aber nicht das große Konzept, das musikalisch wie lyrisch aufeinander zuarbeitet. Viel mehr stehen die Songs auf „Phanerozoic“ für sich selbst und arbeiten mit ihrer eigenen Motivik. Das Konzept ist in den Songtiteln verdeutlicht, die die Abschnitte des Phanerozoikums durchschreiten. Der erste Teil des Songs beschreibt hier jeweils die Epoche, während der zweite Teil die Thematik des Songs widergibt.

Drückende Synthesizer ersetzen die Bassfrequenzen fast gänzlich und machen nicht nur den Auftakt zu einer wahrlich bedrohlich klingenden Erfahrung. Doch gibt es hin und wieder Lichtblicke in der Musik von The Ocean. So etwa kleine Gitarrenmelodien, oder der teilweise glasklare Gesang von Sänger Loic Rosetti, der nach Stimmproblemen wieder auf Topniveau agieren kann. Die Tiefe in der Musik von „Cambrian II“ ist durch das wiederkehrende Piano-Motiv erkennbar, an dem sich der Song wie an einem roten Faden orientiert. Dabei gelingt es dem Kollektiv auf 8 Minuten konstant spannend zu bleiben und ihre Dramaturgie zu kulminieren. Dabei war das erst der Anfang der XX Minuten langen Platte.

So düster wie „Selurian: Age Of Sea Scorpions“ waren The Ocean selten. Insbesondere die Arbeit mit verschiedenen Vocal-Layers macht diesen Song so besonders und mysteriös. Es wirkt als würden Loics Schreie aus dem Jenseits erwidert, was nicht zuletzt an der großartigen Vocal-Produktion von Jens Bogren liegt. Betrachten wir „Phanerozoic“ aural, wird klar,

„Selurian“ arbeitet mit kleinen progressiven Windungen die von den Vocallines getragen werden. Insbesondere das sehr akzentuierte Drumming von Paul Seidel kann hier erstmals zum brillieren kommen. Glasklare Gitarren plätschern im Ozean des Sounds, während sich nach dem grandios gesungenen Verse ein Cello in den Vordergrund spielt. Diese Inkoperation klassischer Elemente hat bei The Ocean schon immer bestens funktioniert und addiert sich in den vollends mesmerisierenden Klang von „Selurian“. Dabei bieten The Ocean ein wahres Wechselspiel aus magisch anmutender, bedrückender Atmosphäre und freisetzender Energie, die sich in den verzerrten Gitarren und harten Drumakzentuierung reflektiert.

The Ocean Collective

Es sind die ruhigen Momente in denen The Ocean auch instrumental voller Stärke überzeugen können. Jedoch fügt sich die Stimme von Loic Rosetti in vielen Parts so verdammt gut und smooth in den Gesamtkontext, dass dem Rezipienten zum dahinschmelzen zumute ist. Es gelingt ihm schlichtweg mich emotional zu berühren, während die Musik um seine Stimme tangiert.

Ein weiteres Highlight, das „Phanerozoic“ offenbart, ist „Devonian: Nascent“ auf dem es zum allerersten Mal zu einer Kollaboration mit Katatonia Sänger Jonas Renkse kommt. Ein Feature, welches schon lange geplant war, aber nie zu Stande kam. Kurz und knapp ist diese Zusammenarbeit ein Match made in heaven. Renkses warme und volle Stimme fügt sich in den kalten Kontext von „Devonian“, das mit einem Gitarrenriff auf „Abyssopelagic II: Signs Of Anxiety“ anzuspielen scheint. Die deszendierende Melodieführung erinnert unweigerlich an „Pelagial“, das mit fallender Stimmung und lyrischem Kontext tiefer in den Ozean sank.

Bevor Renkse jedoch zum Einsatz kommt, gelingt es dem Kollektiv erneut eine großartige Spannung aufzubauen, die nicht zuletzt durch ein großartig gefühlvoll gespieltes Cello an Größe gewinnt. Doch sind es erneut die tiefen, wabernden Synthesizer, die die Kälte im Sound von „Phanerozoic“ verschärfen. Der folgende Track „The Carboniferous Rainforest Collapse“ ist instrumental gehalten und bleibt dementsprechend unspektakulär im Kontrast zu den bereits angesprochenen Songs. Viel mehr wirkt es als wäre der Song ein Füller, um die Lücke zum abschließenden „Permian: The Great Dying“ zu schließen.



„Permian“ war der erste Track den The Ocean als Singleauskopplung wählten und steht für all das, wonach „Phanerozoic I: Palaezoic“ steht: Großartigen Post Metal mit progressiven Elementen die Liebhabern der dunklen Jahreszeit ein breites Grinsen und ein paar Gänsehautmomente auf dem Tablett servieren. So düster wie diese Platte beginnt endet sie auch. Denn „Pemian: The Great Dying“ endet in einem immer mehr verrauschenden Sound, der wundern lässt, an welcher Stelle der zweite Teil aufgreifen wird.

Zugegeben, es bedarf einer genauen Illumination um jedes einzelne Detail aus der Musik von The Ocean herauszufiltern. Dabei ist es so, dass mit jedem erneuten Hören weitere Details durch das düstere Gewand von „Phanerozoic“ hindurch schimmern. The Ocean haben sich hinter einem kleineren Konzept wieder gefunden und knüpfen an das vor zehn Jahren veröffentlichte „Precambrian“ an. „Phanerozoic I: Palaezoic“ ist ein großartiges Album, das mit großer Spannung erwarten lässt, was der zweite Teil, der 2020 erst veröffentlicht werden soll, zu bieten hat. Für mich ist klar, The Ocean haben nicht enttäuscht und meine anfänglichen Zweifel begraben. Es ist nicht „Pelagial 2.0“ geworden und das ist auch gut so. Stattdessen bleiben The Ocean ihrem Sound treu und erweitern diesen um weitere grandiose Elemente. Geil!

Wertung: 9/10

Band: The Ocean
Album: Phanerozoic I: Palaeozoic
Veröffentlichung: 02.11.2018

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