
Julia L. ist die zweite Julia im MoreCore-Bunde und ergänzt das Team gerne mit Rezensionen, News, Live-Berichten sowie kleineren und größeren Schreibarbeiten. Als Germanistin aus dem schönen Hessen ist sie ständig hin- und hergerissen zwischen “da ist ein grammatikalischer Fehler im Satz!” und “am liebste tät isch de ganze Tach nur hessisch babbele”. Tippt sie nicht gerade wie wild auf der Tastatur rum, um irgendetwas zu Papier zu bringen, findet man sie gerne mit ihrem Hund im Feld oder auf Shows und Konzerten im Rhein-Main-Gebiet. Für einige Bands fährt sie aber auch gerne mal nach NRW, Rheinland-Pfalz, Bayern oder Baden-Württemberg. Autofahren tut sie auch besonders gerne und hat dabei am liebsten gute Musik laufen. Leider will wegen der bei ihren Freunden verhassten “Schreimusik” kaum jemand mitfahren. Umso besser, denn dann hört niemand, wie schief sie mitsingt!
Blind Channel haben in den letzten vier Jahren das Gaspedal ganz schön durchgedrückt. Mit „Exit Emotions“ erscheint jetzt nämlich das dritte Album in gerade mal vier Jahren. Insgesamt handelt es sich um den sechsten Longplayer der 2013 gegründeten Formation aus Finnland. Eine ziemlich hohe Schlagzahl für einen so junge Band. Kann das glücken?
Blind Channel sammeln neue Einflüsse
Im Vergleich zum direkten Vorgänger „Lifestyles Of The Sick & Dangerous“ von 2022 hat sich der Sound des Sextetts gewandelt. Nicht im Sinne des Genres oder der Richtung, sondern viel mehr im Sinne der Attitüde. Man ist erwachsener geworden, hat das Handwerk geschärft. Obwohl man viel auf Tour war, lief das Songwriting quasi immer mit. Aufenthalte in UK und den USA haben Blind Channel bei ihrer neuen Platte allerdings wohl maßgeblich beeinflusst.
An den Arbeiten zur Scheibe war Producer Johnny Andrews beteiligt, der bereits mit Bands wie Motionless In White, Halestorm, Ice Nine Kills und Three Days Grace zusammenarbeitete. Wie die Band in einem Track-by-Track zur Platte wissen ließ, verpasste er dem Sound einen „amerikanischen Touch“. Präsentere Gitarren, schnellere Spielweisen, aggressiverer Gesang, smoothere Übergänge zwischen verschiedenen Song-Parts. Ja, genau – genau diese Attitüde ist gemeint!
Der BC Signature Sound
Der erste Track „Where’s The Exit“ steigt mit ziemlich viel Karacho ins Album ein. Das Stück steht genau für das, was BC schon auf den letzten Werken festigten: Moderner Nu Metal gepaart mit eingängigen Singalongs und Elektro-Passagen. Auch Tracks wie „Deadzone“, „Keeping It Surreal“ oder „Not Your Bro“ schlagen in diese Kerbe, ohne große Ausflüchte in die eine oder andere Richtung. Der gute, alte BC Signature Sound eben.
Erwähnenswert sind insbesondere die Stücke, die von dieser Linie abweichen. „Wolves In California“ beispielsweise ist ein Rap-lastiger Song, was wir allem Anschein nach Jason Butler von Fever 333 zu verdanken haben. Der Allrounder schärfte Niko Vilhelms Rap, sagt der Sänger doch selbst, dass er dachte, er hätte eine aggressive Art, zu rappen – bis Jason Butler ihm zeigte, wie er es noch besser machen konnte. Auch die Raps auf „Flatline“ können einiges und sind hier noch mal besonderes hervorzuheben! Bei der EDM-Passage im letzten Drittel dieses Stücks haben sich die Jungs wohl übrigens ein bisschen was von Electric Callboy abgeschaut.
Eine sichere Bank
Mit „XOXO“ und „Die Another Day“ befinden sich zwei Songs auf „Exit Emotions“, die mit Feature-Gästen daherkommen. „Die Another Day“ ist die Album-Ballade, für die man sich Support von RØRY schnappte. Den Track hatte die Band wohl schon länger in der Mottenkiste und suchte noch ein perfektes Gegenstück, das man in RØRY fand. Schön, auch wenn der Gesang von Roxanne Emery, wie RØRY bürgerlich heißt, ein wenig zu überproduziert klingt.
Für „XOXO“ schnappte man sich die Genre-Kollegen von From Ashes To New, die man schon fast als US-amerikanisches Pendant von Blind Channel ansehen kann. Die Sounds der beiden Acts sind sich schon sehr ähnlich, weshalb der Gastauftritt für FATN auf „XOXO“ quasi ein Heimspiel ist und man auf eine sichere Bank setzen konnte. Wahrscheinlich ist der Song genau aus diesem Grund zwar eine runde Sache, doch auch nicht das besondere Etwas.
Und wenn wir schon bei der sicheren Bank sind: Auf diese setzen Blind Channel auf „Exit Emotions“ in jedem Fall. Wenngleich man merkt, dass die Truppe durch die zurückliegenden Touren mit starken Bands aus der Szene und durch die Einflüsse derjenigen, die an den Arbeiten zur Scheibe beteiligt waren, einen Schritt nach vorne gegangen sind, bleiben sie in ihrer Komfortzone und ihrem altbewährten Weg treu.
Instagram Post
Was man auf „Violent Pop“ (2020) ebnete und auf „Lifestyle Of The Sick & Dangerous“ weiterentwickelte, festigt man jetzt auf der neusten und sechsten Full-Length-Platte. Als junge Gateway-Band am Zahn der Zeit sind Blind Channel einer der wichtigsten Acts der aktuellen Musikszene. Die Jungs wissen, wie man die Gen Z auf Social Media abholt – und schaffen genau deshalb auch mit „Exit Emotions“ eine Scheibe, die Leute von der Welt der guten Gitarrenmusik überzeugen kann.
Foto: Joona Mäki / Offizielles Pressebild
Fazit
Blind Channel legen mit "Exit Emotions" ein Album hin, das den Sound der beiden Vorgänger weiterentwickelt, ohne aus der Komfortzone auszubrechen. Je nachdem, was man von der finnischen Band erwartet, kann man hier enttäuscht oder überrascht werden. Mit ihrem neusten Streich beweist das Sechsergespann allerdings erneut, dass sie einerseits genau wissen, was sie tun und das andererseits auch sehr bewusst genau so machen. Denn wie sollen wir sonst junge Leute von handgemachter Gitarrenmusik überzeugen? Für den weiteren Werdegang dürfen BC vielleicht hier und da noch innovativer sein, damit sie von ihren Genre-Kollegen nicht abgehängt werden. Die Schritte nach vorn sind da - sie müssen nur noch ein ganz kleines bisschen größer werden oder einfach mal vom gradlinigen Weg abweichen.

▶Tracklist 12 Songs
- 1Where's The Exit
- 2Deadzone
- 3Wolves In California
- 4XOXO (feat. From Ashes To New)
- 5Keeping It Surreal
- 6Die Another Day (feat. RØRY)
- 7Phobie
- 8Happy Doomsday
- 9Red Tail Lights
- 10Not Your Bro
- 11Flatline
- 12One Last Time... Again

