
Musiker durch und durch. Ein Leben ohne Mucke machen, hören und live erleben, gibt es für Malin nicht. Dementsprechend ist Musik auch Malins Lieblings-Gesprächsthema. Und damit er seinem Umfeld damit nicht zu sehr auf die Nerven geht, schreibt er einfach für MoreCore. Die neuesten Alben von altbekannten und gefeierten Artists, vom Underdog aus dem Nischengenre, von lokalen Konzerten oder den großen Festivals – you name it – Malin wird euch etwas dazu erzählen. Als Schlagzeuger, Musiklehrer und Student der sozialen Arbeit findet er, dass man Musik und Menschen nicht trennen kann oder sollte, denn nichts macht Musik schöner, als die Gemeinschaft und das Miteinander. Wenn er euch nicht gerade von seiner Plattensammlung berichtet, probt und schreibt er wahrscheinlich mit seiner Band Small Strides, stopft sich den Bauch mit Guacamole voll oder steht am Fenster und beobachtet die Hunde in der Nachbarschaft.
Wenn eine Band eine neue Platte herausbringt, findet viel zu oft das klassische Schwarz-Weiß-Denken statt: Hat Band XY ihren Sound verändert und ziehe ich bei dieser neuen Marschrichtung mit? Hat Band XY ihren Sound beibehalten, aber dabei zumindest weiterhin packende Songs geschrieben oder sich nur wiederholt? Es sind die Alben zwischen diesen beiden Extremen, die das meiste Potenzial bieten, gleichermaßen bestehende Fans abzuholen und neue Hörer:innen mit ins Boot zu holen. Diesen Sweetspot musikalisch zu treffen, kann gar nicht mal so einfach sein. Shoreline aus Münster schaffen dies aber mit Bravour.
Es mag der vielleicht wichtigste Release ihrer Karriere sein. Dass die aus der Münsteraner Punkszene entsprungene Band als erste europäische Formation überhaupt beim kalifornischen Label Pure Noise Records (Counterparts, The Story So Far, Knuckle Puck, …) unterzeichnet hat, setzt ihrem dritten Langspieler schon im Vorhinein das Sahnehäubchen auf.
Am Ende des Tages ist es fast schon nicht verwunderlich, dass mit “To Figure Out” ihr mit Sicherheit aufregendstes und vielseitigstes Werk diesen besonderen Meilenstein besiegelt. Die Kirsche, die auf erwähntem Sahnehäubchen thront, ist schlussendlich aber die Tatsache, dass Shoreline dabei ganze zwölf Hits abgeliefert haben.
Shoreline entwickeln sich weiter
Hat sich das Quartett auf “Eat My Soul” (2019) noch in klassischeren Punk/Emo-Gefilden rumgetrieben, so haben sie diesen Sound bereits auf “Growth” (2022) mit Elementen aus Hardcore, Alternative und Indie bespickt. Auf “To Figure Out” tauchen Shoreline tiefer denn je in besagten Pool aus Genres ein und scheuen sich dabei nicht davor, auch Synths, Samples und kleine Chor-Einlagen zu integrieren. So stark die Band aber auch in tanzbare Indie-Nummern abdriftet: Ihre unverwechselbare Handschrift, die sich vor allem über die eingängigen Chorus-Melodien und die markanten Lead-Gitarren äußert, scheint zu jeder Sekunde durch.
Produktionstechnisch wird “To Figure Out” ein ganzes Stück stimmiger als ihre bisherigen Releases eingebettet. So kommt die Platte druckvoller und vor allem deutlich brillanter daher. Auch wenn sich hier und da vielleicht ein wenig Kante vermissen lässt, geht die Aufgeräumtheit der Mixes gut mit der Poppigkeit der Songs einher. Auf instrumentaler Ebene bieten Drummer Martin Reckfort und Bassist Christoph Overhoff sehr abwechslungsreiche Fundamente, auf denen sich die restliche Band entfalten kann. Sänger Hansol Seung wirkt über vereinzelte Strecken ein wenig zurückhaltend, glänzt aber umso mehr, wenn er sein volles Volumen entfaltet oder auch seine brachialen Shouts zum Besten gibt.
Die eigene Identität zelebrieren
Wie auch schon auf “Growth” präsentieren Shoreline auf lyrischer Ebene einen Mix aus persönlichen, gesellschaftlichen und politischen Themen. So handelt “Seoul” wie auch schon “Konichiwa” (2021) von anti-asiatischem Rassismus, beleuchtet dabei aber den Umgang mit persönlichen Erfahrungen. “Darius” hingegen dreht sich rund um den DIY-Gedanken in der Musik und spielt vermutlich auf Deadnotes-Sänger Darius Lohmüller an, mit dessen Band die Münsteraner schon seit Jahren eine lange Freundschaft pflegen. Wenn Sänger Hansol in besagtem Song immer wieder “whatever works out” brüllt, kann man Shoreline nach dieser fantastischen Platte nur die Daumen drücken, dass ihr eingeschlagener Weg derjenige ist, der sich am Ende noch weiter für sie auszahlen wird.
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“To Figure Out” ist am Ende des Tages ein Album, auf dem viel vereint und viel gewonnen wird. So verneigen sich Shoreline vor ihren Punk- (“Darius”, “Green Paint”) sowie ihre Emo-Wurzeln (“Loose Contacts”, “Cold Feet”), während zeitgleich der Indie-Vibe der neuen Citizen (“Workaround”, “Health”) auf die Funkyness der neuen Paramore (“Reviver”, “Yuppie Kids”) trifft. All das packt die Band in 12 tanzbare wie eingängige Songs, die dennoch mit einer gesunden Vielschichtigkeit daherkommen. Vielleicht wäre das Album mit zehn bis elf Songs noch ein wenig kompakter geworden. Aber genau wie ein bis zwei wacklige Transitions oder aufdringliche Samples ist jegliche Kritik hier am Ende höchstens Haarspalterei.
Beitragsbild: Frederic Hafner / Offizielles Pressebild
Fazit
Shoreline aus Münster haben mit ihrem dritten Langspieler “To Figure Out” das wahrscheinlich wichtigste Album ihrer Karriere herausgebracht. Ihr Debüt bei der kalifornischen Institution Pure Noise Records erweitert ihren Emopunk-Sound um viele Elemente aus Indie, Alternative und Hardcore, ohne dabei die Eingängigkeit oder die Botschaften der Songs hinten an zu stellen. Kleinste Makel in Songwriting und Performance sind dabei definitiv zu verzeihen, wenn man bedenkt, wie viele Facetten und wie viel Herzblut das Quartett in diesen zwölf Songs vereint hat.

▶Tracklist 13 Songs
- 1Needles
- 2Darius
- 3Workaround
- 4Seoul
- 5Health
- 6Reviver
- 7Green Paint
- 8Yuppie Kids
- 9Pen Name
- 10Don't Feed
- 11Loose Contracts
- 12Interlude
- 13Cold Feet

