
Markus Seibel
Jetzt drehen Lorna Shore richtig auf. Oder durch. Schon die Vorgängeralben boten überraschende Wendungen in Serie, aber „I Feel The Everblack Festering Within Me“ setzt dem Ganzen vorerst die Krone auf – und zwar schon im ersten Lied „Prison Of Flesh“.
Beginnend mit einem phänomenalen Einstieg, bei dem man sich fragt, ob die Band während der Songwriting-Phase zu oft „Opera“ (Fleshgod Apocalypse scheinen seit jeher eine große Inspirationsquelle zu sein) lauschte, entwickelt sich der Song innerhalb von sieben Minuten in eine salbungsvolle Thy Art Is Murder-Richtung (die oft eingeschlagen wird), bevor das ganze Gebilde irgendwo in Progressive-Sphären verglüht.
Songwriting mit der schere
Aber das Quintett interpretiert Deathcore um Welten kreativer (man könnte auch sagen: wilder und chaotischer) als der Großteil der Genre-Kollegen. Wer feiste Riffs und hohe Musikalität sucht, wird hier definitiv fündig. Man braucht aber starke Nerven – geschenkt wird einem auf „I Feel The Everblack Festering Within Me“ gar nichts.
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Manche Ecken und Kanten könnten noch ein wenig Politur vertragen, einiges wirkt überfrachtet, aber dafür wird man mit der vielleicht spannendsten (und enthemmtesten) Veröffentlichung dieses Jahres belohnt.
Keinerlei Grenzen
Denn das Besondere daran: Lorna Shore vereinen eine enorme Anzahl an Elementen, um daraus eine überwältigende Einheit zu machen, die einerseits komplex ist, auf der anderen Seite aber auch unglaublich fesselnd. Und bei allem, was die neue Langrille fordernd macht, schwingt eine Catchiness mit, die in dem Bereich selten ist und so die Amerikaner auch über die Grenzen attraktiv macht. Und noch etwas fällt auf: Die Platte hat einen nicht ganz so konsistenten, einheitlich schweren Sound, sondern wirkt leichter, vielfältiger. Der Grund: Die Jungs wählen für jeden einzelnen Song einen eigenen Ansatz – sei es im Arrangement oder im Ausdruck.
So oder so, Lorna Shore bleiben natürlich auch mit „I Feel The Everblack Festering Within Me“ immer noch Lorna Shore. Gekonnt spielt die Band mit lebendiger Kraft alle ihre Stärken aus, bietet dazu noch erfrischende Nuancen in ihren spannenden, mitreißenden Breaks. Umso mehr ist es eine würdige Erweiterung des eigenen Schaffens.
Foto: Mike Elliot / Offizielles Pressebild
Fazit
Den überladenen Kitsch des Deathcore sucht man hier vergebens. Stattdessen entnehmen Lorna Shore ausgewählte Stilelemente und weben sie gekonnt in ihren eigenen musikalischen Kosmos ein. Die Songs schweben dadurch immer wieder zwischen Eingängigkeit und Komplexität (zum Beispiel "Glenwood"). Davon abgesehen, zementieren Lorna Shore mit "I Feel The Everblack Festering Within Me", dass sie zu den ganz heißen Eisen der Metalszene gehören – eine Band, die Deathcore-Fans nicht außer Acht lassen sollten.

▶Tracklist 10 Songs
- 1Prison of Flesh
- 2Oblivion
- 3In Darkness
- 4Unbreakable
- 5Glenwood
- 6Lionheart
- 7Death Can Take Me
- 8War Machine
- 9A Nameless Hymn
- 10Forevermore
