Daniel vom Bruch
Zeit ist ein wichtiges Gut und Restraining Order verschwenden keine Sekunde. Der Band aus West-Massachusets und Connecticut gebührt daher Respekt für die Tatsache, dass sie es auf ihrem neuen Album „Future Fortune“ tatsächlich schaffen, 13 Songs in unter 23 Minuten unterzubringen. Es sind halt alles Hardcore-Punks und die kommen schnell zum Punkt. Außerdem will das Sextett auf seinem dritten Release den Hardcore-Punk des alten Jahrtausends in ein modernes Gewand packen. Ob das gelingt, wird hier zu lesen sein.
Direkt rein ins Geschehen
Los geht es mit der ersten Single „Know Not“, die laut Schlagzeuger Will Hirst stark vom 70er Punk geprägt ist. Und das hört man direkt bei den treibenden Gitarrenriffs und dem „One, two, three, four“ als Startschuss für eine kurze, aber ziemlich rasante Fahrt durch den Kosmos von Restraining Order. Kein lahmes Intro, kein unnötiges Vorgeplänkel, sondern direkt voll aufs Maul mit dem rauchigen Sprechgesang von Pat Cozens. So geht Hardcore-Punk.
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Wie damals
Interessant wird es mit „Shame Game“, einem von zwei Songs unter einer Minute. Trotzdem gelingt es Restraining Order, hier mindestens zwei Tempowechsel einzubauen. Mit „Insomnia“ kurbelt die Band die Drei-Akkordmaschine weiter an, versehen mit einem für Hardcore typischen Mitgröhl-Refrain. Beim Hören hat man unweigerlich die sparsam produzierten Musikvideos von Hardcore-Bands der 90er Jahre wie Agnostic Front vor Augen, in denen durchtrainierte Männer mit Tattoos und martialisch-ernstem Blick zusammen mit ihren Kumpels durch die Straßen ziehen und im Schwarz Weiß-Look alles zusammengröhlen, was ihnen im Weg steht.
Ein Hit muss her
Allerdings sehen sich Restraining Order nicht nur in dieser Schublade. Vielmehr verstehen sie sich als die „schwarzen Schafe der Szene“, denn Hardcore-Punk sei laut Drummer Will Hirst lediglich die Basis, drum herum versuchen sie sich auch in anderen Genres. Vor allem wollen sie wohl auch einen Radiohit haben, denn „Free Ride“ hat das Potenzial dazu. Trotzdem gibt es ein Problem, denn musikalisch erinnert der Song etwas zu sehr an The Hives, dennoch ist er wirklich gut.
Sehr vom Punk beeinflusst
Damit die vorwurfsvollen Rufe wegen eines angeblichen Verkaufs an den Kommerz nicht zu laut werden, wird direkt das punkige „Adapt“ hinterher geschoben, bei dem Pat Cozens vom ersten Ton an seinem unnachahmlichen Gesangsstil frönt. Und „Checkmate“ ist ein weiterer waschechter Punksong, mit dem Restraining Order das wahr machen, was sie angekündigt haben, nämlich, dass „Future Fortune“ kein reines Hardcore-Album ist.
Bewährtes Rezept
Nur drei Songs des Longplayers dauern länger als zwei Minuten und das sind auch gleichzeitig die poppigsten Lieder. „Used Love“ ist eins davon und erinnert an neuere Songs von Comeback Kid, was zugleich einen gelungenen Übergang von der ersten zur zweiten Hälfte des Albums schafft. Konsequent bleiben die Jungs von Restraining Order beim klassischen Punkrezept mit den drei Akkorden. Dass sie allerdings drei Gitarristen dafür einsetzen, ist eher untypisch. Wirklich heraushören lässt sich der Gitarrenüberschuss in der Band allerdings nicht wirklich, denn die Produktion ist bewusst minimalistisch gehalten.
Sprung zwischen den Genres
Auf geht es in die zweite Hälfte mit dem titelgebenden „Future Fortune“, das ähnlich wie „Welcome To Paradise“ von Green Day beginnt. Aber danach hat es mit einem der früheren Hits der Pop Punk-Veteranen gar nichts mehr zu tun, denn schnell dominieren wie schon bei den vorherigen Songs Stilelemente des Hardcore. Wer aber befürchtet, dass alle Songs irgendwie an handelsüblichem Punk angelehnt sind, der kann beruhigt werden, denn mit „The Suffer“ folgt ein reiner Hardcore-Knaller, der wohl die unkommerziellste Komposition der gesamten Platte ist.
Gesanglich schräg
Füllmaterial ist hier beileibe nicht zu finden, denn auch wenn sich alles irgendwie gleich anhört, so wird bei mehrmaligem Genuss des Albums deutlich, dass sich jeder Song dann doch vom Rest unterscheidet. Ein Highlight ist „Bashful Blue“ nicht nur wegen seines interessanten Gitarrenriffs, der mal nicht den üblichen Strukturen folgt, sondern vor allem wegen des herrlich schrägen Gesangs von Pat Cozens, der wirklich unverdächtig ist, permanent den richtigen Ton zu treffen, aber genau das macht den Charme des Songs aus. Bei „Time To Go“, das zur Abwechselung mit einem Basslauf beginnt, macht er genauso weiter und das ist auch gut so, denn perfekt wäre ja langweilig.
Merkwürdiger Einschub
Nun müssen wir aber über das vorletzte Stück “Journeyman“ reden, denn was die Band damit aussagen möchte, bleibt völlig unklar. Leider wirkt es so, als hätten Restraining Order noch 56 Sekunden auf dem Album füllen müssen. Das Ergebnis klingt so, als würde jedes Bandmitglied auf seinem Instrument spielen, was ihm gerade einfällt, um am Ende eine halbe Minute lang Rückkoppelungen zu erzeugen. Als Outro wäre das ja in Ordnung, doch den Abschluss bildet „Were you there“, der zweitlängste Song des Albums. Hier wird noch mal alles aufgefahren, was „Future Fortune“ ausmacht. Neben einer punkigen Melodie und schnellen Drums gibt Pat Cozens wieder alles und sein markanter Gesang wird im Refrain durch zusätzlich Stimmen verstärkt. Dadurch entsteht ein kraftvolles Hardcore-Gebrüll. Ein würdiges Finale für ein insgesamt gelungenes Album.
Foto: Kathy Garcia / Offizielles Pressebild
Fazit
„Future Fortune“ ist eine Empfehlung für jeden Fan von Hardcore-Punk, der auch poppigeren Tönen nicht abgeneigt ist. Restraining Order verstehen es, den rauen Unterton des Genres beizubehalten und ihn zugleich mit einer durchaus modern klingenden Produktion zu verbinden. Dabei schreckt die Band nicht vor eingängigen Melodien zurück, ohne jedoch den Anspruch zu erheben, gesanglich makellos zu sein. Als Kritikpunkt lässt sich anführen, dass viele Songs beim ersten Hören Ähnlichkeiten aufweisen. Bahnbrechende Neuerungen sind auch nicht zu finden, doch den Hardcore-Punk komplett neu zu erfinden war ohnehin nicht das Ziel von Restraining Order, eher das Genre zu modernisieren und das ist ihnen gelungen.

▶Tracklist 13 Songs
- 1Know Not
- 2Shame Game
- 3Insomnia
- 4Free Ride
- 5Adapt
- 6Checkmate
- 7Used Love
- 8Future Fortune
- 9The Suffer
- 10Bashful Blue
- 11Time To Go
- 12Journeyman
- 13Were You There
