
Julia L. ist die zweite Julia im MoreCore-Bunde und ergänzt das Team gerne mit Rezensionen, News, Live-Berichten sowie kleineren und größeren Schreibarbeiten. Als Germanistin aus dem schönen Hessen ist sie ständig hin- und hergerissen zwischen “da ist ein grammatikalischer Fehler im Satz!” und “am liebste tät isch de ganze Tach nur hessisch babbele”. Tippt sie nicht gerade wie wild auf der Tastatur rum, um irgendetwas zu Papier zu bringen, findet man sie gerne mit ihrem Hund im Feld oder auf Shows und Konzerten im Rhein-Main-Gebiet. Für einige Bands fährt sie aber auch gerne mal nach NRW, Rheinland-Pfalz, Bayern oder Baden-Württemberg. Autofahren tut sie auch besonders gerne und hat dabei am liebsten gute Musik laufen. Leider will wegen der bei ihren Freunden verhassten “Schreimusik” kaum jemand mitfahren. Umso besser, denn dann hört niemand, wie schief sie mitsingt!
Gut drei Jahre nach Release ihres zweiten Studio-Albums „Trauma“ melden sich I Prevail voller Power zurück. Die Truppe um die beiden Sänger Brian Burkheiser und Eric Vanlerberghe nutzte die Corona-Jahre, um an einem neuen Longplayer zu feilen, den sie nun endlich an den Start bringen. Als Titel für den neusten Streich suchte man sich „True Power“ aus. Und der Name ist auf vielfache Weise Programm.
Zeigen I Prevail auf ihrem neuen Album ihre wahre Stärke?
Die Messlatte liegt für die Kombo aus Michigan stets hoch. Nachdem schon die Erwartungshaltung für den Vorgänger „Trauma“ sehr groß war, erwartet nicht nur die Fangemeinde, sondern auch Kritiker im Allgemeinen nach drei Jahren Schaffenszeit mit „True Power“ einen weiteren großen Schritt nach vorne. Mit ihrem modernen Sound, einer dauerhaft guten Produktion und dem Talent, Genres miteinander zu vermischen und sich damit in der aktuellen Szene unentbehrlich zu machen, sind I Prevail nämlich nicht nur eine gefeierte, sondern auch eine sehr wichtige Band in der Rock- und Metal-Landschaft.
Thematisch soll es einen Schritt nach vorne geben. Wie die Band selbst wissen lässt, ist „True Power“ ein Neustart, der sich von „Trauma“ abgrenzt. Und das hört man nicht nur in den Lyrics, sondern auch an der Spielweise der Kombo.
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Mit 14+1 Tracks auf der Platte schafft das Quintett zumindest schon mal, herauszustechen. Während sich viele Alben von Acts aus der Szene bei roundabout zehn Stücken pro Longplayer einpendeln (bevor das Geschrei losgeht: Ja, Ausnahmen bestätigen die Regel. Man nennt es Durchschnitt), sind 15 Titel auf der Tracklist schon nicht schlecht. Auch nach zwei Jahren Pandemie.
Der Opener „0:00“ soll als gut 40-sekündiges Intro nun mal nicht als ganzer Song gewertet werden. Er ebnet viel eher atmosphärisch den Weg auf die weiteren 14 sehr reifen Stücke, mit denen I Prevail einmal mehr beweisen, dass sie aus der aktuellen Musikszene nicht mehr wegzudenken sind – sowohl musikalisch als auch thematisch.
Gereifter Sound und erwachsene Lyrics
Die Songs auf „True Power“ weisen eine musikalische und lyrische Artenvielfalt auf, wie man es auch schon auf „Trauma“ zu spüren bekam – nur eben ein bisschen erwachsener. Brian Burkheiser erklärt dazu, dass die Band sich als Ziel gesetzt hat, keinerlei Regeln zu folgen.
„We took a ’no rules‘ mentality into the songwriting, and a lot of it is heavy as fuck, but the songs sound as diverse as they’ve ever been, too. There is a song on the record called ‚There’s Fear In Letting Go,‘ and that became a huge mantra for us. Yeah, it can be scary letting go of things, but it can also help you take back everything that’s yours: which is exactly what we’ve done on this album.“
Dennoch – oder gerade deshalb? – wirkt das Ganze aber keinesfalls wahllos, sondern sehr durchdacht. Um die Fans zu pleasen, wählte man als erste Single-Auskopplung das Stück „Body Bag“. Ein harter Metalcore-Track mit Hardcore-Anleihen und dem klassischen I Prevail-Signature-Sound – aber dennoch keine Überraschung. Ein schlechter Schachzug ist „Body Bag“ als erste Single dennoch nicht: Die alteingesessenen Fans werden bereits verliebt sein und auch die Kritiker sind sicherlich ebenfalls ganz Ohr, denn die hervorragende Produktion (böse Zungen würden das Ganze schon als „überproduziert“ titulieren) wird hier schon überzeugt haben dürfen.
Doch „True Power“ ist viel mehr als „nur“ das, was mit „Body Bag“ prophezeit wurde. So bieten I Prevail eine ganz Bandbreite an genre-übergreifenden Sounds, die sie manchmal in ein- und demselben Song (wie dem experimentellen „Self-Destruction“) verpackt haben und manchmal vom einen auf den nächsten Track Fans jeglicher Musikgeschmäcker abholen.
Zwischen Modern Metal und Pop-Rock
Holt man beispielsweise nach dem rap-lastigen „FWYTYK“ noch Luft aufgrund der schnellen Strophen, schreit man diese bei der darauf folgenden, eingängigen Rock-Ballade „Deep End“ schon wieder heraus, denn dieses Singalong geht an niemandem vorbei.
Zuletzt genannter Song eignet sich übrigens hervorragend als Schritt in radiotaugliche Gefilde. Haters gonna hate – aber wie will man sonst einer neuen Zielgruppe, die vielleicht noch gar nicht weiß, dass sie Zielgruppe ist, Musik der härteren Gangart appetitlich machen? In eine ähnliche Kerbe schlagen beispielsweise die bereits veröffentlichte Single „Bad Things“ oder auch „Fake“, der mit seichten Sounds im Refrain und rhythmischen Rap-Passagen in den Strophen spielt.
Und auch Freunde etablierter Gitarrenmusik kommen auf ihre Kosten: Linkin Park-Vibes gibt’s auf „The Negative“ zu hören und „Choke“ erinnert nicht nur des Titels wegen an Bury Tomorrow, sondern passt auch sound-technisch ins Repertoire einiger namhaften britischen Metal(core)-Acts wie BT, While She Sleeps oder Architects.
Bemerkenswert ist, dass die Stücke auf „True Power“ nur so viel von den fünf Musikern abverlangen, wie sie in dem Kontext eines Tracks leisten können. Soll heißen: Wo ein Instrument oder einer der Sänger gerade nicht reinpasst, hat derjenige auch nichts zu suchen. Dies gilt sowohl für den Gesang als auch für Gitarre, Bass und Schlagzeug, die immer nur da eingesetzt werden, wo sie benötigt werden.
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Trotz der Vielfalt verliert die Kombo auf „True Power“ eins nicht aus den Augen: Ihren eigenen Sound, für den die Fans sie lieben gelernt haben. So knüpfen Tracks wie „Judgement Day“ (heavy in den Strophen, energetisch mitsingbar im Refrain), „There’s Fear In Letting Go“ (ein bisschen dramatisch) oder „Closure“ (ein grandioses Zusammenspiel der beiden Sänger Burkheiser und Vanlerberghe) da an, wo „Trauma“ musikalisch aufgehört hat, auch wenn die Songs per se unterschiedlicher kaum sein könnten. Doch wenn wir schon beim Signature Sound waren: Man erkennt auf bislang allen LPs von I Prevail immer ein Muster und diesem folgen auch die Stücke auf „True Power“.
Und deshalb wären I Prevail natürlich nicht I Prevail, wenn sie ihr Album nicht mit einer weiteren Ballade beenden würden. Und so schließt „Doomed“ eine Platte ab, die die Erwartungshaltung nicht nur erfüllt, sondern vielleicht sogar übertrifft.
Foto: Adam Elmakias / Offizielles Pressebild
Fazit
Mit "True Power" lösen sich I Prevail musikalisch und thematisch von ihrem Vorgänger "Trauma" ab und wagen einen Neuanfang. Wohingegen man sich in der Vergangenheit mit geschickt gewählten Features (Illenium, Joyner Lucas) einer bereiten Zielgruppe präsentierte, scheint es, als wolle man das auf dem neuen Album aus eigener Kraft schaffen - und die Chancen hierfür stehen sehr gut. Die Platte bietet eine musikalische Bandbreite an Sounds und Einflüssen, mit der es die Band schafft, in allen Ecken der aktuellen Musiklandschaft relevant zu bleiben, ohne dabei sich selbst zu vergessen. Ein Rezept, das aufgehen kann.

▶Tracklist 15 Songs
- 10:00
- 2There's Fear In Letting Go
- 3Body Bag
- 4Self-Destruction
- 5Bad Things
- 6Fake
- 7Judgement Day
- 8Fwytyk
- 9Deep End
- 10Long Live The King
- 11Choke
- 12The Negative
- 13Closure
- 14Visceral
- 15Doomed


