
Saskia Schollenberg
Ein Schlagstock der Gesellschaftskritik durchbricht die breite Masse der Neuerscheinungen: grandson veröffentlichte am 05.09.2025 sein Album „INERTIA“. Der amerikanisch-kanadische Sänger, hat bereits in der Vergangenheit gezeigt, dass er kein Blatt vor den Mund nimmt und Missstände, Ungerechtigkeiten und Machtmissbrauch ungeschönt thematisiert. Auch „INTERTIA“ führt diese Linie weiter und lädt zum Reflektieren ein.
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Kein Platz für Bequemlichkeit, grandson trifft ins Schwarze
„BURY YOU“ setzt direkt ein Ausrufezeichen: Rythmisch gelungen, mit einer Stimme auf zweiter Ebene, die den Track angenehm erweitert und für Tiefe sorgt. Zwar wirkt das Intro ins Riff etwas holprig, doch die Betonung sitzt und wehrt jegliche Eintönigkeit gelungen ab. Spätestens im Refrain entfaltet der Song seine volle Wucht – aggressive Gitarren und ein mächtiger Soundwall machen klar: Hier bleibt kein Platz für Atempausen.
Auch „AUTONOMOUS DELIVERY ROBOT“ prescht energiegeladen nach vorn. Thematisch passt sich die Melodie der dystopischen Erzählung an, während die repetitive Vocal-Struktur, die kurzzeitig an Billy Joels „We Didn’t Start The Fire“ erinnert, dem Track die verdiente Sahnehaube aufsetzt. Doch nicht nur die technischen Neuerungen bekommen hier ihr Fett weg, auch die Konsumenten stehen unter Kritik.
Zwischen Verblödung und Selbstsaufopferung
In „BRAINROT“ zeigt grandson mit dem Finger auf die Abstumpfung, Dopamin-Sucht und das „Verdummen“ im digitalen Zeitalter. Unterlegt von einer spürbaren Melancholie und Frustration geht der Song schnell ins Ohr. Gegen Ende baut sich der Track auch nochmal auf, hier hätte es gerne ein bisschen heavier werden dürfen, trotzdem kann man sagen, dass der Song ein gelungenes Ende gefunden hat.
„SELF IMMOLATION“ ist ein Drum-getriebenes Biest. Der Flow ist fast hypnotisch und trägt den Song mühelos nach vorne. Besonders stark: der Rhythmusbruch gegen Ende, der den Song von einer simplen Catchiness in ein kleines Meisterwerk verwandelt.
Ein Mittelfinger an die Politik: grandson im Angriffsmodus
Mit „YOU MADE ME THIS WAY“ wird es wieder etwas direkter. Lyrisch wird hier besonders die Politik der USA kritisiert. So rückt hier die Doppelmoral in den Fokus – ein Abtreibungsverbot ohne Unterstützungssystem nach der Geburt, Profite durch Fentanyl ohne die Abhängigkeitskrise zu bekämpfen. Untermalt wird diese schwere Kritik von einem prägnanten Rhythmus und einem melodischen Refrain, eine durchaus willkommene Abwechslung, die sich perfekt in Kontrast mit der Schwere des Textes stellt.
„LITTLE WHITE LIES“ nimmt sich einer ähnlichen Thematik an, ein bitterböser Kommentar zu den Lügen die Politiker zu ihrem Zweck verbreiten. Musikalisch ist der Refrain leicht unharmonisch, doch besonders das Ende glänzt, nicht nur mit Anti-Authority-Attiütde, sondern auch mit genug Druck um diese Message zu unterschreiben.
„GOD IS AN ANIMAL“ glänzt mit seiner Eingängigkeit. Ein ruhiger Anfang, der sich in ein großartig eingesetztes Gitarrenspiel steigert – oldschool grandson-Vibes inklusive! Die Hook bleibt auch sofort hängen, kein Wunder also, dass der Song am Ende am längsten im Kopf bleibt.
Aufstand, Abrechnung und ein finaler Knall
„BELLS OF WAR“ ist leider der schwächste Moment des Albums. Zwar aggressiv und textlich als Aufstand gegen Konformität gedacht, verliert sich der Song in seiner sich wiederholenden Struktur. Ein Bruch, eine zusätzliche Stimme oder ein dynamischer Aufbau hätte hier Wunder gewirkt.
Dafür ist „WHO’S THE ENEMY“ gleich das Gegenteil: vielleicht der stärkste Song auf dem Album. Schwer, berührend und lyrisch gnadenlos. Das Feature sitzt perfekt, die Bridge zieht traurig runter und die Kombination aus Wut, Trauer und Frustration packt bis in Mark. Ein Paradebeispiel für Kritik in Musikform.
Auch zum Abschluss kommt nochmal ein Highlight: „PULL THE TRIGGER“ ist nicht nur melodisch und lyrisch interessant, auch thematisch wird es hier nochmal kontroverser. Ein cleverer Kommentar auf die Probleme der Gewaltverherrlichung und die gewaltbereite Jugend als Produkt ihres Umfelds. Besonders stark ist hier der Beat-Drop – unerwartet, neu und wahnsinnig wirkungsvoll.
Foto: Philip Shum / Offizielles Pressebild
Fazit
Mit "INERTIA" beweist grandson einmal mehr, dass er kein Künstler für den schnellen Konsum ist. Jeder Song trägt eine klare Haltung in sich und zeigt damit, dass Musik weit mehr sein kann als bloße Unterhaltung. Doch nicht nur lyrisch zeigt sich hier hohes Niveau, auch musikalisch glänzt das Album durch clever eingesetzte Stilelemente und interessante Kontraste. Das Ergebnis: ein intensives, unbequemes, aber zugleich faszinierendes Werk, das nachwirkt und Diskussionen anstößt.

▶Tracklist 10 Songs
- 1BURY YOU
- 2AUTONOMOUS DELIVERY ROBOT
- 3BRAINROT
- 4SELF IMMOLATION
- 5YOU MADE ME THIS WAY
- 6LITTLE WHITE LIES
- 7GOD IS AN ANIMAL
- 8BELLS OF WAR
- 9WHO'S THE ENEMY
- 10PULL THE TRIGGER
