Interview
07/03/2026
Review
Emo Pop-Punk
Kritik: Shoreline – „Is This The Low Point Or The Moment After?“
Zehn Emo-Punk-Banger, die dich erst runterziehen und hinten raus wieder aufrichten.
VON
Tobias Tißen
AM 10/03/2026
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„Kennst du das, wenn es dir so richtig schlecht geht … und dann gibt’s diesen einen Moment, wo du merkst: Oh, mir geht es gerade nicht gut. Ist das schon der Beginn davon, dass es dir besser geht, weil du es anfängst zu verarbeiten – oder ist das gerade das Schlimmste?“
Diese Frage ist nicht nur Titel, sondern auch Kern der neuen Shoreline-Platte, wie Sänger Hansol Seung uns im Interview verriet. Die zehn Songs beantworten sie nicht als plakative „Es wird schon alles gut“-Kalendersprüche, sondern als Reise: an den angesprochenen Tiefpunkt, durch ihn hindurch – wieder hinaus.
Zuvor standen bei Shoreline oft große gesellschaftliche Themen im Fokus. Jetzt geht es ins Unsichtbare, ins Innere. Größtenteils autobiografisch, bestätigt Hansol.
Aber nicht nur inhaltlich steckt hier ein Konzept. Musikalisch wird „Is This The Low Point Or The Moment After?“ vor allem eins: fokussierter. Wo „To Figure Out“ (2024) noch mit Stilmitteln flirtete und hier und da bewusst „anders“ sein wollte, ist das neue Album eine waschechte Emo-Punk-Platte. Eine Platte, die sich auf ihren Kern konzentriert und gerade deshalb brutal zuverlässig trifft.
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Emo-Punk pur
„Ich wollte eine ganz stringente Emo-Punk-Platte schreiben“, erzählt uns Hansol. Und dass uns genau das erwartet, stellt schon „Worry Count“ klar – wobei man kurz überlegen darf, ob das überhaupt ein richtiger Song sein will. Der Opener beginnt sphärisch und schraubt sich in gerade mal 80 Sekunden in eine punchige Nummer, die eigentlich nur die Tür für den ersten richtigen Track öffnet – und dann auch fließend in „Brittle Bond“ übergeht.
Der Song erklärt direkt, warum Shoreline längst nicht mehr nur eine starke deutsche Szene-Band sind, sondern auch international von sich reden machen. Da sind diese kratzigen, harschen Vocal-Ausbrüche, die fast schon nach Kontrollverlust klingen – und im nächsten Moment wird’s sanft und verletzlich. Dazu ein Rhythmus, der beschwingt und tanzbar wirkt, obwohl permanent Schwere mitschwingt.
Zusammengehalten wird das Ganze von einer Produktion, die druckvoll und klar ist, aber nie etwas glattbügelt. Drums knallen, Gitarren haben Kante, Vocals dürfen kratzen. Die Platte klingt groß, aber nie steril.
Zwischen Ausbruch und Innehalten
Einer der größten Trümpfe dieses Albums ist – wieder einmal – Hansols Gesang. Aber diesmal wirkt er noch bewusster als dramaturgisches Werkzeug: kratzig und harsch, dann wieder sanft und gefühlvoll; Ausbruch, dann wieder Innehalten.
Es ist dieses Wechselspiel, das die Platte so lebendig macht, weil es sich nicht nach Dynamik um der Dynamik willen anfühlt, sondern nach echten Zuständen: Wut, Scham, Müdigkeit, Trotz, kurz Hoffnung, wieder Zweifel. Und genau deshalb geht das Album-Konzept auf.
Eingängig sagen, ohne harmlos zu meinen
Bei „Sweet Spot“ kommt der nächste große Trumpf ins Spiel: Die Fähigkeit der Band, mitten in all der Schwere und dem Konzept trotzdem einen Ohrwurm zu finden, der sich zielstrebig seinen Weg in deinen Schädel fräst.
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Und auch der Weg dahin sitzt: twinkly Emo-Gitarren am Anfang, vorsichtige Drums und Vocals, eine zurückhaltende Bridge – bevor der erste Ausbruch den Song plötzlich nach vorne reißt und Drive reinbringt. Die zweite Refrainrunde wird aggressiver eingeläutet, mit fast schon thrashigem Riffing. Der Refrain sitzt spätestens jetzt tief im Ohr. „Sweet Spot“ zeigt, wie sehr Shoreline verstanden haben, „Eingängigkeit“ zu sagen, ohne damit „harmlos“ zu meinen.
Aber keine Verschnaufpause, nachdem Shoreline den „Sweet Spot“ gefunden haben: Mit „Forgive“ (feat. Joe Taylor von Knuckle Puck) folgt direkt das nächste Hook-Monster auf dem Fuß. Ein hymnischer Midtempo-Track, der im Refrain regelrecht explodiert. Hansols Stimme, diese leidende Gitarre, Riffs, Drums – alles schiebt in dieselbe Richtung, bis der Chorus wie ein Überdruckventil aufgeht.
Vom „Low Point“ …
Erinnert ihr euch an die Reise zum „Low Point“ und wieder heraus? Der Mittelteil des Albums – vor allem „Paradox Man“ und „Synchronize“ – fühlt sich musikalisch wie genau dieser Tiefpunkt an. Und das ist natürlich nicht als Qualitätsurteil gemeint, sondern dramaturgisch.
Vor allem „Paradox Man“ transportiert das mit unerwarteter Härte: Hansol schreit stellenweise so markerschütternd, dass es fast in Growls kippt. Dann kommt kurz Ruhe rein – und der nächste Ausbruch sitzt noch fieser. Das klingt nach Post-Hardcore, nach Dringlichkeit, nach „das musste raus“. Touché Amoré & Co. lassen hier kurz grüßen. Kurz, effektiv, ein absoluter Banger.
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… zum „Moment After“
Und dann kommt das Aufatmen – der „Moment After“ ist in Sicht. „Out Of Touch“ beginnt im Vergleich zu den vorherigen Songs fast schon glatt, poppig. Aber „poppig“ heißt hier nicht „weich“, sondern eher: Shoreline lassen zu, dass es etwas leichtfüßiger wird und sich die Stimmung wieder etwas aufhellt. Außerdem: ein weiterer Song, der gnadenlos ins Ohr geht.
„Good Times“ überzeugt vor allem durch einen kathartischen Aufbau, „Youthfully Naive“ ist der nächste Emo-Banger. Wie viele Hits sind eigentlich auf dieser Platte?
„Phantom Pain“ hebt sich als Closer dann stilistisch etwas vom Rest ab. Sind das Steel Drums? Sprechgesang? Der Track fühlt sich an wie das Gegenstück zum brutalen „Paradox Man“. Nein, er ist nicht beschwingt, macht nicht direkt gute Laune. Aber er klingt nach „wieder aufatmen können“. Leicht optimistisch.
Der Tiefpunkt ist überstanden. Es tut noch weh, aber es geht wieder bergauf.
Tourdaten
ShorelineAlbum-Release-Tour 2026
With Special Guests
- 25.09.2026 – Hannover (DE) @ Bei Chez Heinz
- 26.09.2026 – Leipzig (DE) @ Naumanns
- 02.10.2026 – Hamburg (DE) @ Logo
- 03.10.2026 – Berlin (DE) @ Badehaus
- 09.10.2026 – Köln (DE) @ Gebäude 9
- 10.10.2026 – Stuttgart (DE) @ Clubcann
- 15.10.2026 – Wiesbaden (DE) @ Schlachthof
- 16.10.2026 – München (DE) @ Backstage

Is This The Low Point Or The Moment After?
Künstler: Shoreline
Erscheinungsdatum: 15.03.2026
Genre: Emo, Punkrock
Label: Pure Noise Records
Medium: Streaming, CD, Vinyl
- Worry Count
- Brittle Bond
- Sweet Spot
- Forgive
- Paradox Man
- Synchronize
- Out Of Touch
- Good Times
- Youthfully Naive
- Phantom Pain
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