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Wasserman Music im Epstein-Skandal: Was dies für die Musikwelt bedeutet

Eine der größten Live-Agenturen der Welt unter Druck. Dropkick Murphys oder Chappell Roan haben die Zusammenarbeit beendet, erste Statements von Acts wie grandson oder Scene Queen. Was passiert als Nächstes?

VON AM 12/02/2026

Wasserman Music-CEO Casey Wasserman taucht in den Epstein Files auf – und eine der größten Booking-Agenturen der Welt verliert Artists im Stundentakt. Auch zahlreiche Bands aus dem Metal-, Punk- und Hardcore-Umfeld sind davon betroffen.

Was ist passiert

Am 31. Januar 2026 veröffentlichte das US-Justizministerium über 3 Millionen Seiten Dokumente aus den Epstein Files – die größte Veröffentlichung bisher. Mittendrin: Casey Wasserman, CEO und Gründer von Wasserman Music, eine der vier größten Booking-Agenturen weltweit.

Die Dokumente zeigen explizite E-Mails zwischen Wasserman und Ghislaine Maxwell aus dem Jahr 2003. In den Nachrichten schrieb Wasserman: „Ich denke ständig an dich. Was muss ich tun, um dich in einem engen Lederoutfit zu sehen?“ Maxwell antwortete mit Massage-Angeboten, die „einen Mann verrückt machen“ würden.

Maxwell wurde 2021 wegen Sexhandels mit Minderjährigen zu 20 Jahren Haft verurteilt. Jeffrey Epstein nahm sich 2019 im Gefängnis das Leben, nachdem er wegen Sexhandels mit Minderjährigen angeklagt worden war.

Wasserman flog 2002 mit Epstein, Maxwell, Bill Clinton und Kevin Spacey auf einer humanitären Mission der Clinton Foundation nach Afrika. Ein FBI-Bericht, der Teil der Epstein Files ist, dokumentiert laut The Hollywood Reporter, dass vier junge Frauen Anfang 20 an Bord waren – niemand wusste, warum sie dabei waren.

Wer ist Casey Wasserman?

Casey Wasserman ist der Enkel von Hollywood-Legende Lew Wasserman. 1998 gründete er seine eigene Sport- und Entertainment-Agentur. 2021 kaufte Wasserman die gesamte Music Division von Paradigm und wurde damit über Nacht zu einer der Top-4-Agenturen weltweit.

Parallel ist Wasserman Chairman des LA28 Olympic Committee – er organisiert die Olympischen Spiele 2028 in Los Angeles. Nach den Epstein-Enthüllungen fordern mehrere LA-Politiker seinen Rücktritt. Das LA28 Board stellte sich laut ESPN am 12. Februar 2026 dennoch hinter ihn.

Wie funktioniert eine Booking-Agentur?

Wichtig zu verstehen: Artists arbeiten in der Regel nicht direkt mit Casey Wasserman, sondern mit ihren Booking Agents. Diese Agents sind die eigentlichen Ansprechpartner – sie buchen die Shows, verhandeln Fees, planen Touren.

Eine Band hat typischerweise:

  • Booking Agent (bucht Live-Shows)
  • Manager (Karriereplanung, Strategie)
  • Label (Releases, Marketing)
  • PR-Agentur (Presse, Influencer)
  • Anwälte (Verträge)
  • Tour Manager (Logistik auf Tour)

Die Agents sind Angestellte bei Wasserman Music, aber der CEO Casey Wasserman sitzt ganz oben. Die Firma trägt seinen Namen. Und genau das ist jetzt das Problem.

Wasserman Music dominiert die Festival-Landschaft dabei stark: Laut Pollstar News und Booking Agent Info sind 38% der Acts auf Governors Ball, 35% auf Electric Forest, 34% auf Bonnaroo, 33% auf Coachella bei Wasserman. Zum Vergleich: Die „Big Three“ (WME, CAA, UTA) haben jeweils nur 12%.

Artists ziehen Konsequenzen

Bethany Cosentino (Best Coast) machte am 6. Februar den Anfang mit einem öffentlichen Brief auf Instagram: „Ich habe nicht zugestimmt, dass mein Name mit jemandem verbunden wird, der mit Ausbeutung zu tun hat.“ Sie forderte Wasserman auf, zurückzutreten.

Seitdem verlässt ein Artist nach dem anderen die Agentur. Alle Statements wurden via Instagram veröffentlicht und von Rolling Stone, Billboard und Variety bestätigt:

Bestätigte Exits:

Chappell Roan (10. Februar): „Kein Artist sollte erwartet werden, Handlungen zu verteidigen, die so tief mit unseren moralischen Werten kollidieren.“
Dropkick Murphys: „Der Namensgeber der Agentur steht in den Epstein Files, also… wir sind weg.“
Wednesday: „Weiterhin von einer Firma vertreten zu werden, die von Casey Wasserman geleitet wird, widerspricht unseren Werten.“
Orville Peck
Weyes Blood
Beach Bunny
Water From Your Eyes
Sylvan Esso
Chelsea Cutler
Gigi Perez

Scene Queen & grandson: „That trust has been broken“

grandson veröffentlichte ein ausführliches Statement auf Instagram, in dem er die Situation sehr differenziert einordnet. Der US-Künstler erklärt zunächst die Mechanik der Musikindustrie:

 

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„Um jeden Artist herum gibt es ein Meer von Menschen, die uns helfen, an unserer Vision und unserem Talent festzuhalten, während wir durch die trüben, sich ständig verändernden Gewässer der Entertainment-Industrie navigieren. Als Gegenleistung dafür, dass sie von unserem Talent profitieren und es ausbeuten, vertrauen wir dieser Sphäre aus Booking Agents, Managern, Anwälten, Streaming-Services, Social-Media-Plattformen, Touring-Profis und Label-Executives, dass sie mit einem gewissen Maß an Integrität und Ehrlichkeit in unserem Namen handeln – wissend, dass sie sich direkt auf uns als Talent zurückspiegeln.“

Er macht klar, dass er nie direkten Kontakt mit Casey Wasserman hatte, sondern nur mit den Agents, die seine Festivals und Touren buchen. Dennoch:

„Am Wochenende wurde entdeckt, dass der Gründer einer prominenten US-Booking-Agentur direkt in den Epstein Files impliziert ist wegen seiner langjährigen Beziehung mit Ghislaine Maxwell. Es verletzt mich als Artist und geht gegen alles, worauf ich meine Karriere aufgebaut habe.“

grandson schließt sich dem Aufruf an: Casey Wasserman soll zurücktreten, das Unternehmen soll Namen und Leadership-Struktur ändern und eine Spende an Survivors von häuslicher und sexueller Gewalt machen.

Besonders scharf kritisiert er die Reaktion der Firma: „Ich habe ein paar Tage gewartet, um zu sehen, wie aggressiv das Unternehmen reagieren würde, und bin enttäuscht vom glaring sanitized silence, das uns Artists angeboten wird.“

Seine Schlussworte: „So wie meine Fans mir vertrauen, vertraue ich den Profis um mich herum. Und dieses Vertrauen wurde gebrochen.“

Auch Scene Queen erklärt in ihrem Statement am 12. Februar: „I will not be affiliated with the Casey Wasserman name and my team has been working on a solution.“  Als Survivor betont sie: „I will never let you attend a show where I feel my message is compromised.“  Ihre Agents bei Wasserman hätten proaktiv ihren „disgust over Casey’s actions“ geäußert. Sie fordert nicht nur Wassermans Rücktritt, sondern grundlegenden Wandel: „The men who hold the most power on earth have not been held accountable for their actions. It is well past time that they are.

Rock & Metal Bands im Wasserman-Roster: Warum (noch) niemand reagiert

Mehrere Bands aus dem Metal- und Hardcore-Spektrum sind bei Wasserman Music. Bis Anfang Februar waren die Artist-Listen auf der Website noch öffentlich einsehbar, inzwischen wurden sie komplett entfernt. Unter anderem folgende Bands waren dort gelistet:

Deftones
Rise Against
Beartooth
Architects
We Came As Romans
Knocked Loose
Turnstile
und viele mehr

Keine dieser Bands hat sich bisher öffentlich geäußert – und das ist kein Zufall. Es gibt verschiedene Gründe, warum ein Exit nicht so einfach ist wie bei Chappell Roan oder den Dropkick Murphys:

1. Persönliche Loyalität zu Agents: Laut Pollstar gilt: „Many artist teams‘ first allegiance is to their agent and not their parent company.“ Best Coast brachte es auf den Punkt: „I am in the Sam Hunt business“ – nicht im Wasserman-Business. Die Bands vertrauen ihren individuellen Agents, nicht dem CEO.

2. Agents können nicht einfach gehen: Während Artists jederzeit kündigen können, haben Agents 3-5-Jahres-Verträge. Sie sitzen fest. Wenn ein Agent bleibt, bleiben oft auch seine Artists – aus Loyalität.

3. Der Corrie-Martin-Faktor: Besonders interessant: Corrie Martin (EVP & Managing Executive) betreut sowohl Deftones als auch Rise Against. Sie ist eine Industrie-Legende mit 30 Jahren Erfahrung, hat Imagine Dragons entwickelt und Blink-182 früh unter Vertrag genommen. Laut Pollstar kündigte sie am 21. Januar 2026 – 10 Tage vor den Epstein-Enthüllungen – ihren Ruhestand an. Zufall? Schwer zu sagen. Aber ihre Künstler stehen jetzt vor einer doppelten Unsicherheit: Ihre langjährige Agent geht und die Firma implodiert.

4. Bands warten ab: Water From Your Eyes formulierte es so: „We trust our booking agents and we are waiting to understand what our options are.“ Viele Bands können nicht einfach zu einer anderen Agentur wechseln, solange ihre Agents noch bei Wasserman unter Vertrag stehen. Sie warten ab, ob ihre Agents zur internen Revolte gehören oder ob sie ein Buyout hinbekommen.

5. Wirtschaftliche Abhängigkeit: Wie Alexis Krauss (Sleigh Bells) erklärt hat: Für viele kleinere und Mid-Level-Bands geht es um Healthcare, Tour-Logistik und finanzielle Sicherheit. Einen spontanen Exit kann sich nicht jeder leisten.

Schweigen bedeutet nicht Zustimmung. Es bedeutet: Die Situation ist kompliziert, die Verträge sind real, und die Loyalität gehört den Menschen, mit denen man täglich arbeitet – nicht dem Namen auf dem Briefkopf.

Interne Revolte: Agents wollen Buyout

Hinter den Kulissen tobt eine Revolte. Laut Variety haben mehrere Agents Casey Wasserman ein Ultimatum gestellt: Entweder er tritt zurück und verkauft die Firma, oder sie gehen. Wasserman hat bisher beide Optionen abgelehnt. Diese Woche soll ein entscheidendes Meeting stattfinden.

The Hollywood Reporter und The Wrap berichten, dass besonders Marty Diamond (SVP of Music) und Duffy McSwiggin zu den kritischen Stimmen gehören. Deadline bestätigt, dass Diamond und McSwiggin bereits bei anderen Agenturen und Investoren angeklopft haben.

Die Agents versuchen parallel, die Music Division komplett aus der Firma rauszukaufen und als eigenständige Agentur ohne den Namen Wasserman weiterzuführen. Rolling Stone nennt als mögliche Köpfe einer neuen Agentur: Marty Diamond, Sam Hunt, Jonathan Levine, Jackie Nalpant und Lee Anderson.

Laut Deadline ist bisher niemand auf das Buyout-Angebot eingegangen.

Artists haben Verträge mit ihren Agents (persönlich), nicht mit der Agentur. Agents haben Verträge mit Wasserman (3-5 Jahre). Das Problem: Ein Artist könnte seinen Agent-Vertrag kündigen und zu einem anderen Agent wechseln – würde dann aber seinen vertrauten Agent verlieren. Deshalb warten viele ab: Wenn ihr Agent die Firma verlässt oder kauft, können sie zusammen wechseln.

Alexis Krauss (Sleigh Bells) erklärte laut Stereogum in einem Statement, warum sie nicht einfach gehen kann: „Kann ich es mir leisten, Spotify zu verlassen? Nein. Kann ich es mir leisten, niemals Live Nation und Ticketmaster zu unterstützen? Nein. Würde ich gerne Wasserman verlassen? Ja. Kann ich? Nein, weil ich meinen Agent liebe und ihm vertraue.“

Sie fügt hinzu: „Mein Einkommen erlaubt es mir, meine und die Krankenversicherung meines Kindes zu bezahlen. Erinnern wir uns daran: Es gibt so etwas wie Healthcare für arbeitende Musiker nicht.“

Was passiert jetzt?

Wasserman Music hat laut Variety und Billboard die komplette Artist-Liste von der Website entfernt – vermutlich auf Druck der Artists. Mehrere Szenarien sind möglich:

Szenario 1: Status Quo
Casey Wasserman bleibt CEO, behält den Namen. Risiko: Weitere Artists und Agents gehen, die Firma verliert massiv an Wert.

Szenario 2: Verkauf
Wasserman verkauft die Music Division an CAA, WME, UTA oder IAG.

Szenario 3: Management Buyout
Die Top-Agents kaufen die Music Division, gründen eine neue Agentur ohne Wasserman-Namen.

Szenario 4: Namensänderung
Casey Wasserman tritt zurück, die Firma benennt sich um, neue Leadership.

Was auch immer passiert: Die Musikindustrie beobachtet genau. Denn wenn eine Top-4-Agentur implodiert, verschiebt sich die gesamte Macht-Struktur im Live-Business.

Für die Artists bedeutet das: Warten, hoffen, dass ihre Agents eine Lösung finden. Oder den schweren Schritt gehen und die Firma verlassen – mit allen Konsequenzen.

Quellen

Primärquellen:

Weitere Quellen: Daily Bruin (UCLA), US Department of Justice (Epstein Files Release), NBC News, Associated Press

Foto in Illustration: Wasserman Music Group

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