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Kommentar: Spotify ist auf dem besten Weg, ein gefährliches Monopol zu besitzen

Das sollte zu denken geben.

VON AM 06/08/2020

Kürzlich stieß Spotify-Gründer und CEO Daniel Ek mit einer Aussage bei vielen Musikern sauer auf. „Es ist nicht genug, alle drei bis vier Jahre ein Album zu veröffentlichen“. Eine Aussage, die objektiv betrachtet zwar stimmen mag, auf subjektiver Ebene aber zeigt, wieso Spotify auf dem Papier eigentlich keine Option für Musikliebhaber ist.

Daniel Ek gehört zu den reichsten Menschen auf der ganzen Welt. Ihm kann egal sein, welche Musik auf seiner Plattform landet. Aus seiner Perspektive wäre es am klügsten, einen konstanten Output zu generieren und immer mehr Hörer auf Spotify zu ziehen.

Auch in der Musikwirtschaft ist Spotify zu einem wertvollen Tool geworden. Ein Großteil der Musikpromotion hat sich um Spotify herum orientiert und das Playlistpitching ist enorm wichtig geworden. Es kann für viele das große Sprungbrett sein, an dem der Erfolg der eigenen Karriere hängt.

Daniel Ek ist übrigens kein Musiker, sondern Unternehmer, der in der IT-Branche aufgewachsen ist. Ob er selbst je ein Instrument in der Hand hielt, ist mir nicht bewusst. Wenn man auf Spotify Erfolg haben will, ist es wichtig sich den Mechanismen der Plattform anzupassen. Für weitere Streamingdienste, wie Deezer, Apple Music, Amazon Music oder ähnliche gibt es bei weitem nicht so viel Begeisterung, wie für Spotify.

Doch ist Spotify anscheinend der unfairste Player im Universum der Musik-Streamingdienste. Im direkten Vergleich ist die Ausschüttung der Gelder pro Stream auf einem Tiefstwert. Runtergebrochen müsste man ein Album ca. 250 mal von vorne bis hinten durch hören, um den Wert eines CD-Kaufs einzuspielen. Klar, das absolute Lieblingsalbum kann durchaus 250 mal gehört werden, doch habe ich persönlich auch Alben gekauft, die ich vielleicht erst 20 mal gehört habe.

Das Medium eines Albums verliert durch Spotify an Wert

Ein Album ist für eine Band, die auf Spotify (und damit in der Musikwelt) erfolgreich sein will, von keinem großen Wert. Stattdessen sind es Singles, die in Playlists gepitched werden können und so eine große Reichweite erreichen können. Je mehr Singles man veröffentlicht, desto mehr Chancen auf eine Playlisten-Platzierung entstehen. Veröffentlicht man ein Album, kann nur ein Song gepitched werden.

Die Musik wird zu einem Produkt, einer Massenware, die laut Ek am besten so schnell wie möglich am Fließband produziert wird. Von künstlerischem Wert und Integrität kann hier nicht die Rede sein. Dass manche Bands drei bis vier Jahre benötigen, um ein Album zu schaffen mit dem sie selbst zufrieden sind und das ihren eigenen Ansprüchen genügt, reicht für Ek nicht, um erfolgreich zu sein.

Natürlich tut es das nicht, denn der Erfolg kommt zunehmend durch hohe Streamingzahlen und nicht durch musikalische Qualität. Einen Unternehmer wie Ek interessiert nicht die Qualität der Musik. Für ihn zählt einzig und allein die Quantität. Je mehr Musik im Kosmos von Spotify existiert, desto mehr Musik kann gehört werden. Neue Hörer werden von den Künstlern selbst akquiriert und in Folge dessen breitet sich Spotify weiter und weiter aus, ohne etwas dafür machen zu müssen.

Veröffentlichen große Popstars also nur noch Singles, ist das Wachstum für beide Parteien garantiert. Das Album als solches wird bei Spotify immer weniger eine Rolle spielen, vielmehr geht es um kurzfristigen Erfolg und hohe Zahlen, die sich in all ihrer Fülle in barem Geld sichtbar machen.

Die Folge dessen ist, dass Spotify den Musikmarkt kaputtmacht. Kuratoren bestimmen, was cool ist und was nicht. Algorithmen berechnen, welche Musik zu uns passt und uns am ehesten gefällt.

Oft genug war ich auf Konzerten von Bands, deren monatliche Hörer im mittleren fünfstelligen Bereich anzusiedeln sind. Doch anstatt massenhaftem Gedränge erwartete mich eine gähnende Leere. Gerade mal 20 bis 30 Zuschauer tummeln sich teils auf Konzerten von wahren Spotify-Größen.

Die Gründe hierfür sind verschieden:

Die monatlichen Hörer verteilen sich auf die ganze Welt.
Es ist ja schön und gut, wenn eine Band in Santiago de Chile 5000 „monthly listeners“ hat, aber das bringt nichts, wenn man nur in Deutschland tourt.

Spotify-Hörer sind nicht zwingend auch Konzertgänger.
Natürlich stimmt diese Aussage nicht pauschal. Aber die Erfahrung zeigt, dass viele Leute Musik einfach nur gerne hören, sich aber mit Konzerten kaum in Verbindung setzen.

Nur weil jemand einen Song in einer Playlist gehört hat, heißt es nicht, dass er diesen auch mag.
Spotify zählt euch als Listener, sobald ihr einen Song gehört habt. Unabhängig davon, ob ihr ihn mögt, geliked oder in einer Playlist gespeichert habt. Das heißt, nur weil eine Band 50.000 Streams auf einem Song hat, heißt das nicht, dass auch nur ein einziger der Hörer den Song auch wirklich feiert.

Monthly listeners sind keine Fans.
Aus dem selben Grund wie zuvor geht auch diese These hervor. Klar, manche Songs werden sicher durch Playlisten oft und gerne gehört. Ein Fan jedoch kauft Merch, CDs, Vinyls, geht auf Konzerte und kommentiert Beiträge der Band. Ein normaler Spotifynutzer interessiert sich vielleicht aber gar nicht für die Band, sondern hört einfach nur gerne diesen eine Playlist, in der sich eben ein bestimmter Song befindet.

Spotify ist egal, ob Leute auf Konzerte gehen
Es gibt zwar die Möglichkeit, über die App Songkick Konzerte einer Band einzutragen, die dann auch über Spotify angezeigt werden. Doch verpasst Spotify selbst diesen Mechanismus zu übernehmen. Für Spotify ist es egal, ob Hörer auch auf Konzerte gehen, denn profitieren werden sie nur von dem Streaming-Verhalten, den Premium-Usern und der geschalteten Werbung, die beim Hören von Musik auf Spotify erscheint.

All diese Komponenten verzerren das Bild einer Band, die von Seiten der Musikindustrie an Streamingzahlen von Spotify gemessen wird. Es wird für Booker immer schwieriger einzuschätzen, wie zugstark eine Band wirklich ist. Es wird aber auch für Fans immer undurchsichtiger, wie populär eine Band wirklich ist. Die Musikwirtschaft als Ganzes dreht sich immer mehr um das schwedische Unternehmen, welches droht im Aspekt des Onlinestreamings zu einem Monopol zu werden und die “Konkurrenz” langsam, aber sicher, auszumerzen.

Natürlich hat Spotify auch seine positiven Seiten und ist ein Mittel zum Zweck, um neue Musik zu finden. Dennoch ist es angesichts der eben genannten Gründe fast schon bedenklich, jemanden wie Daniel Ek blind zu unterstützen. Vor allem dann, wenn klar wird, dass es dem Unternehmer wohl nie um die Liebe zur Musik gegangen ist, sondern einzig und allein um Bares.

Foto im Auftrag von MoreCore.de: Karoline Schaefer (Cat Eye Photography)

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