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Eine Weinprobe mit Maynard James Keenan (Tool etc.)

MJK ist nicht nur für seine Stimme bekannt.

VON AM 14/03/2023

Nierstein, Rheinhessen. Es ist ein milder Februarabend, dunkel und trocken. In Jerome, Arizona stellt man sich hingegen auf einen Wintersturm und Schnee ein. Das Wetter scheint zwar sonnig, doch warm ist es in den Bergen Nordarizonas auch im Winter nicht.

Es passt nicht ganz in die Fantasie einer Gegend, die für kahle Wüsten und felsige Berglandschaften bekannt ist. Ein Ort, der bestens geeignet ist, um eine ganz bestimmte Pflanze zu kultivieren: die Weintraube.

Dass sich Maynard James Keenan (Tool, A Perfect Circle, Puscifer) in Jerome niederließ, um ein Weingut zu eröffnen, geschah eher zufällig. Nun präsentiert er in Zusammenarbeit mit dem Niersteiner Weingut St. Anthony seine Weine, die unter Merkin Vineyard und Cadaceus Cellars nun auch in Deutschland erhältlich sind.

Warum eigentlich (n)ich?

Dass ausgerechnet ich zur Weinprobe mit MJK geschickt werde, hat einen ganz profanen Grund. Ich mag Wein und wohne in Mainz, das nur 19 Minuten mit der S-Bahn von Nierstein entfernt liegt. Und zugegeben, die Anfrage an einer Weinprobe mit MJK teilzunehmen, würde doch niemand ablehnen, oder?! Der größte Tool-Fan bin ich nicht, aber wer sagt denn bei so einer Gelegenheit schon nein?

Als Kind Rheinhessens habe ich zumindest grundlegende Kenntnisse, was Wein betrifft, und bilde mir etwas drauf ein, einen Riesling von einem Grauburgunder unterscheiden zu können, was meistens gelingt.

Den Unterschied eines Spätburgunders und Chardonnays zu erkennen, kann ich jedenfalls zweifelsfrei garantieren. Für eventuell rezipiertes Halbwissen möchte ich jedoch keine Verantwortung übernehmen.

Ankunft in Nierstein

Kurz nach Ankunft wird mir ein Glas Schaumwein gereicht. Nach einer kurzen Vorstellungsrunde wird mir bewusst, wie eng der Kreis ist, der zu diesem besonderen Anlass geladen wurde. Drei weitere Journalisten, die ich erstmal (fälschlicherweise) für Musikjournalisten halte, stellen sich kurz vor.

Es dauert nicht lange, bis die Zoom-Verbindung nach Jerome, Arizona hergestellt wird und plötzlich sitzt Maynard James Keenan, zumindest virtuell, vor uns im Raum.

Wein Nr. 1 – „The Diddler“ (2021)

Die Weinprobe beginnt, wie es üblich ist mit Weißwein. Bereits das richtige Schwenken des Weinglases stellt mich vor Probleme. Der Pandemie geschuldet ist die letzte Weinprobe allerdings auch schon eine ganze Weile her. Ein Basiswissen, dass man zuerst die Farbe, dann den Geruch und zuletzt den Geschmack bewertet, ist mir jedoch im Kopf geblieben.

Der „Diddler“ schmeckt nach Sommer. Eine fruchtige Frische, süße wohlige Wärme macht sich im Gaumen breit und lässt schnell klar werden, dass die Trauben dieses Weines viel Sonne abbekommen haben.

Die Lage, in der der „Diddler“ angebaut wurde, sei ähnlich zu Lagen in Argentinien in einer Höhe von bis zu 1600 Metern, so Maynard. So wird schnell klargestellt, dass Jerome, Arizona geografisch nur wenig mit dem zu tun hat, was man von beispielsweise von Phoenix, Arizona kennt.

Wein Nr. 2 – „Chupacabra“

Es folgt der Chupacabra, der im direkten Vergleich viel trockener schmeckt. Etwas weniger fein, wie sein Vorgänger liefert der Chupacabra nur wenig Schmelz, ist dafür aber ein haltbarer Wein, der gut altern kann und mit aromatischer Note besticht.

Ärgerlicherweise ist der nächste Wein verkorkt und damit ein Fall für das Spülbecken. Einer der Journalisten ruft „Sent it back“ woraufhin Maynard James Keenan, der generell zu vielen Scherzen aufgelegt ist, mit einem schmunzelnden Lachen reagiert.

Für einen verkorkten Wein kann der Winzer nichts. Ein Korkfehler tritt aufgrund eines Phenolderivates auf, dem Trichloranisol, das bei der Korkverarbeitung entstehen kann.

Wein Nr. 3 – „Dos Ladrones“

Unbeirrt von diesem Zwischenfall folgt der unverkorkte Dos Ladrones.  Ein leicht gelber Weißwein, der ebenfalls sehr trocken ist und mit dezenter Säure und beeriger Note von sich überzeugt. Angenehm trocken sind es Chardonnaytrauben, die diesem Wein eine spritzige Fruchtigkeit geben.

Eine ungewöhnliche Mischung, die eher zufällig entstanden sei, so Maynard. Es war viel mehr ein Zufall, der aufgrund der Verfügbarkeit der Trauben zu diesem geglückten Experiment führte. Ich als Wein-Laie, sitze nur da und höre glaubhaft zu.

Wein Nr. 4 – „Sancha“ (2018)

Es ist Zeit für Rotwein – dem wahren Flagschiff des Weinguts. Den Anfang macht der Sancha – ein Temranillo. Ein leichter Kellergerucht macht sich breit, während der Wein eine sachte Trockenheit versprüht und mit fruchtigem Körper an rote Beeren anmutet. Insgesamt sehr vollmundig lässt sich erahnen, wie reif die Trauben bei der Lese gewesen sind.

Dieser Wein stammt aus dem Norden Jeromes aus einer Gegend, die die beiden Niersteiner Winzer an eine Szenerie aus Breaking Bad erinnern, wie sie scherzhaft an den Trip nach Arizona resümieren.

Tool Maynard James Keenan Wein

Wein Nr. 5 – „Anubis“

Der 2020er Anubis folgt und wirkt vergleichsweise dünn in der Viskosität, offenbart aber einen sehr süffigen und milden Geschmack im Vergleich zum Sancha.

Für MJK liegt die Kunst eines guten Weines nicht nur darin einen guten Wein zu machen, sondern diesen dann auch zu vermarkten, wo häufig zwei Welten aufeinander treffen. Übrigens ist es in den USA üblich den Alkoholgehalt genau zu definieren.

So sind Weine mit beispielsweise 12,7% genauer ausgewiesen, während es in Deutschland nicht erlaubt ist, von ganzen oder halben Prozenten abzuweichen. Demnach sind alle Alkoholvolumina der Weine aus den Cadaceus Cellars und dem Merkin Vineyard im Webshop gerundet.

Auf die Frage, welche Tests gemacht werden müssen, um einen Wein zu vertreiben antwortet MJK mit einem Lachen und fragt offen in die Runde „Keine?“ – ein großer Unterschied zu Deutschland, wo selbst eine inkorrekte Angabe des Alkoholgehalts Folgen haben kann.

Wein Nr 6. – „Cortigiane Oneste” (2018)

Ein intensiver Duft macht sich in der Nase breit, worauf hin ein beeriges und vollmundiges Geschmackserlebnis folgt. Ein reicher Wein, der mit fruchtiger Säure punkten kann.

Maynard erzählt von einer Playlist, die er beim Lesen des Weines gehört hat. Die Frage, ob der Klang der Musik einen Einfluss auf den Wein hat, tut er allerdings als „Bullshit“ ab. Viel mehr ist es eine Verknüpfung von bestimmten Songs, die ihn daran erinnern, welchen Wein er wann gelesen hat. „Vielleicht wären die Weine härter, wenn ich dabei Rammstein gehört hätte.“, doch gesteht der Sänger, dass auf der Playlist nicht nur Gitarrenmusik zu hören sei.

Tool Maynard James Keenan Wein
Für alle, die sich gefragt haben, ob Maynard James Keenan wirklich so ist, wie man ihn sich vorstellt. Die Antwort lautet ja.

Wein Nr. 7 – „Marzo“ (2018)

Der Marzo 2019 ist der teuerste Wein, den Cadaceus Cellars aktuell in Europa vertreibt. Ganze 70€ kostet die Flasche, die zweifelsfrei etwas ganz besonderes ist.

Mit dem italienischen Namen spielt MJK auf seinen Großvater an, der selbst Winzer in Italien war. Geschmacklich an schwarze Johannesbeere erinnernd, ist der Wein sehr trocken und nur leicht fruchtig. Insgesamt wirkt der Marzo sehr ausgeglichen und balanciert.

Wie Maynard, der mit diesem Wein etwas versuchte, was geglückt ist, erzählt, dass der Marzo ein Wein ist, der seine Zeit in der Flasche genießt und perfekt altern kann. Stolz auf den Wein ist dennoch ein gewisses Understatement anzumerken, das Maynard an den Tag legt.

„Ich sage nicht, dass wir den besten Wein der Welt machen. Ich sage einzig, dass wir guten Wein machen. Der Wein ist gut, zweifelsfrei.“

Wein Nr. 8 – „Primo Paso“ (2019)

Den Absch(l)uss macht der Primo Paso, aus dem Jahr 2019, der ebenfalls sehr trocken, dafür aber sehr fruchtig und vollmundig von sich überzeugt. Die Weinprobe nähert sich dem Ende zu und Maynard ist immer mehr zu Scherzen, auch über seinen Kollegen Calvin, aufgelegt.

Ich frage Maynard, wo der Unterschied liegt zwischen der Komposition eines Songs und der Herstellung eines Weines.
„Es ist komplett anders. Ein ganz anderer Ansatz. Bei einem Song schreibst du eine Geschichte mit dir selbst, bei einem Wein hast du die Frucht und musst aus dieser Traube einen Wein machen. Man ist auf das Produkt angewiesen, während man bei Musik alles von Anfang an aufbauen kann. Da gibt es für mich keine Ähnlichkeiten.“

Verantwortung

Die Frage eines Kollegen lautet, was Maynard durch das Winzern gelernt hat, was er in seinen Bands und der Musik nicht lernen konnte. „Verantwortung“, so Maynard. Der Weg hin zu den Weinen war kein einfacher.

Drei Mal wurde die Ernte durch Tiere zerstört, fünf Mal schlug der Frost zu, so Maynard. Eher zufällig kam MJK nach Arizona und fing an Wein zu pflanzen. Er war zwar nicht der erste in dieser Region, entschied sich aber für diese Region und fing einfach an Wein zu machen.

Der Spirit bleibt wie zu Beginn: immer am Ball bleiben.

Am Ende des Abends habe ich neben den acht durchweg leckeren Weinen aus Arizona ebenfalls einen sehr leckeren Riesling des Weinguts St. Antony probiert und gehe nach interessanten Gesprächen nach Hause.

Ob ich mir einen echten MJK-Wein privat kaufen würde, wage ich zu bezweifeln. Dafür sind mir persönlich die Weine doch zu teuer. Das scheint aber kein Hindernis zu sein, denn bereits jetzt sind die meisten Weine fast ausverkauft. Wenn ich es jedoch tun würde, würde die Wahl aber zweifelsfrei auf den „Diddler“, „Marzo“ oder „Sancha“ fallen – die (wie alle anderen MJK-Weine), trotz des hohen Preises, wirklich etwas Besonderes sind.

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