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Interview

Deftones-Drummer Abe Cunningham im Interview: „Wir wussten, dass „White Pony“ etwas Besonderes werden würde“

Der Schlagzeuger über die Zusammenarbeit mit anderen Künstlern und den Sound der Band.

VON AM 03/01/2021

Die Deftones haben dieses Jahr nicht nur ihr neues Album „Ohms“ auf den Markt gebracht. Anfang Dezember erschien außerdem auch eine Anniversary Edition von „White Pony“. Den 20. Geburtstags ihres Albums feierte die Band um Frontmann Chino Moreno u.a. mit dem Remix-Album „Black Stallion“, das nicht nur unseren Maik in seiner Rezension überzeugte.

Wir durften uns exklusiv mit Schlagzeuger Abe Cunningham über die Arbeit mit den verschiedenen Künstlern sowie den Sound seiner Band im Allgemeinen unterhalten. Er verriet uns außerdem, wie er es schafft, in diesen Zeiten durchzuhalten.

Deftones-Drummer Abe Cunningham im Interview

MC | Natascha: Wenn du auf eure Karriere zurückschaust, hättest du jemals gedacht, dass „White Pony“, das von den Kritikern und den Fans derart gehyped wurde, als es herauskam, DER Meilenstein werden würde, der es geworden ist?

Zum Zeitpunkt der Veröffentlichung hatten wir bereits einiges erreicht. Es handelte sich um unser drittes Album und wir haben weltweit schon einige Touren spielen dürfen, waren selbstbewusst. Wir haben aus allen Rohren geschossen. Ich denke, wir wussten, dass „White Pony“ etwas Besonderes werden würde und dass es an der Zeit war, eine Veränderung und gewissermaßen ein Risiko einzugehen. Wir haben immer gern alles ausprobiert. Ich denke, die Tatsache, dass wir „White Pony“ gemacht haben, ist der Grund, weshalb wir heute noch hier sind und Musik machen können.

MC | Natascha: Glaubst du, dieses Risiko war die Geheimzutat für den Erfolg des Albums?

Ich bin mir sicher, dass es so war, ja. Die Welt des Rock befand sich damals musikalisch etwas im Umbruch. Gewisse Dinge wurden weniger populär, andere dafür mehr. Es ist immer einfach, sich auf dem auszuruhen, womit man bereits erfolgreich war, doch wir hatten das Gefühl, das Steuer nach links umreißen zu müssen. Risiko ist wichtig, es macht Spaß… es ist riskant *lacht*.

MC | Natascha: 20 Jahre später habt ihr euch entschieden, „White Pony“ ein bisschen aufzumöbeln. Ihr habt eine Menge unterschiedlicher Künstler auf dem Remix-Album „Black Stallion“ gefeatured. Wie war der Arbeitsprozess? Hatten die Künstler freie Hand bei ihren Tracks?

Das war eine sehr interessante Erfahrung. Das ganze Konzept rund um „Black Stallion“ war bereits in unseren Köpfen, bevor wir die Arbeiten zu „White Pony“ überhaupt beendet hatten. Wir scherzten etwas rum und über die Jahre wurde die Idee zu einem richtigen Running Gag. Nun sitzen wir hier in diesen seltsamen Zeiten und kamen nun tatsächlich dazu, die Reissue an den Start zu bringen, über die wir schon vor Jahren geredet haben. Einige neue Ideen flossen natürlich mit ein.

Als es darum ging, die Künstler auszuwählen, hatten wir eine kleine Wunschliste. Alle waren damit einverstanden. Robert Smith von The Cure zum Beispiel wünschte sich „Teenager“ für seinen Remix und ich dachte nur „Natürlich Robert, sehr gerne.“ Es war total interessant zu beobachten, wie unterschiedlich diese Gruppe an Leuten die Songs neu interpretieren und überarbeiteten.

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MC | Natascha: Witzig, dass du Robert Smith erwähnst, denn um ihn dreht sich meine nächste Frage. Robert Smith ist Teil des Albums, auch Mike Shinoda gestaltete einen Song. Wie sich herausstelle, bewundert ihr euch schon seit Jahren. Wie kam es zur Zusammenarbeit? Lag die Entscheidung, welche Künstler ihr featuren wollt, bei euch oder beim Label?

Wie gesagt, wir hatten eine Wunschliste. Diese haben wir an unser Management weitergegeben, um zu schauen, welcher der Künstler sie für das Album gewinnen können. Mit einigen sind wir auch befreundet, die haben wir dann natürlich persönlich gefragt. Mike Shinoda ist beim gleichen Label wie wir, sodass man sich über die Jahre kennengelernt hat. So kamen die Verbindungen zustande. Das alles war eine gute, erfolgreiche und sehr schnelle Zusammenarbeit von jeglichen Seiten.

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MC | Natascha: Hat sich jeder Künstler seinen Song selbst ausgesucht oder hattet ihr da vorab Vorstellungen?

Es gestaltete sich eigentlich frei nach dem Motto „Wer zuerst kommt, mahlt zuerst.“ Robert schnappte sich den Song „Teenager“ und da hatten wir natürlich keinerlei Einwände. Alle anderen suchten sich Stücke aus und so hat es am Ende gut funktioniert. Keiner hat sich gestritten, es war wirklich ein angenehmer Arbeitsprozess.

MC | Natascha: Wie war es für euch, die Stücke zum ersten Mal zu hören?

Wir bekamen immer kleine Stückchen serviert. Natürlich ist man erstmal total erstaunt. Es ist immerhin ein Remix-Album, sodass viele Songs überhaupt nicht mehr klingen wie das Original. „Change (In The House Of Flies)“ zum Beispiel hat kaum noch etwas mit der Originalfassung zu tun. Und genauso sollte es ja auch von Anfang an sein.

Diese kleinen Stücke zu hören war zwar cool, aber als ich dann die gemasterte Version gehört habe, war ich wirklich baff. Ich war zuhause, es war abends und ich hatte ein bisschen Wein getrunken. Als ich es dann angeworfen habe, war das sehr, sehr aufregend und interessant zu sehen, wie das Ganze zustande kam. Ich kann dir gar nicht sagen, wie es war, es das erste Mal zu hören. Ich bin immer noch dabei, Vergleiche zu ziehen.

Die Musik ist neu interpretiert worden. Sie wurde überarbeitet, sie ging durch die Ohren, das Herz, das Hirn, die Seele eines anderen Künstlers.

MC | Natascha: Euer Sound wird oft als „deftones-esque“ beschrieben. Wie würdest du euren Sound beschreiben und was macht ihn im Vergleich zu anderen so besonders?

Es sind einfach wir. Wir waren immer eine Band mit hartem Gitarrensound und verzerrten Bässen und diese besondere Härte ist noch immer der Grundstein. Wachstum ist allerdings sehr wichtig und man muss auch ein bisschen Groove und Swag mit einbringen. Über die Jahre haben manche Menschen unseren härten Sound lieben gelernt, doch wir sind auch dazu in der Lage, einen reiferen und milderen Sound an den Tag zu legen. Sowohl als Band als auch als Hörer möchte man es spannend halten und auch noch Spaß daran haben.

Wir hatten Glück, dass die Leute alle Sounds immer gut aufgefasst haben. Sie wissen, worauf sie sich mit uns einlassen. Unser Sound ist zu unserem ganz besonderen Markenzeichen geworden.

MC | Natascha: Wenn du drei Worte hättest, um den Sound der Deftones zu beschreiben, welche wären es?

Kann ich mir auch vier aussuchen? Wir sind Prince-Fans.

MC | Natascha: Ihr habt eine interessante Verbindung zu der Band Loathe, wenn ich richtig liege. Die Jungs sind große Fans von euch. Chinos Kommentar zu Two-Way Mirror“ von Loathe war: „Dieser Song ist immer noch besser als all eure dumme Musik, inklusive meiner.“ Wie fühlt es sich an, auf viele junge Bands auch heute noch so einen großen Einfluss zu haben?

Es ist eines der wichtigsten Dinge überhaupt, denn so soll es sein. Es ist ein großer Kreis. Wir wurden natürlich über die Jahre ebenfalls von großen Bands inspiriert, die wir als Individuen gerne mögen und wurden sogar von ihnen mit auf Tour genommen. Es geht darum, Erfahrungen zu teilen und weiterzugeben. Es geht ums Lernen und ums Lehren. Stell dir vor, du bist mit Ozzy Osbourne auf Tour oder irgendeiner Band, die du liebst. Du siehst, wie sie agieren und lernst stetig dazu. Die Künstler sind glücklicherweise auch bereit, ihr Wissen weiterzugeben.

Es ist einfach toll, dass auch wir eine solche Band sind. Es ist eins der schönsten Gefühle überhaupt, denn genauso soll es eben einfach sein.

MC | Natascha: Behaltet ihr ein Auge darauf, was in der Musikwelt passiert? Habt ihr Newcomer im Blick, vielleicht sogar jemand bestimmten?

Das ist eine gute Frage. Ich bin immer neugierig, doch natürlich höre ich auch Sachen, die ich immer gern gehört habe, ältere Stücke und sowas. Ich bin nicht bewusst auf der Suche nach neuen Acts, aber manchmal stolpert man ja über coole Dinge. Es gibt so viele wunderbare Musik und so viele Wege, an diese Musik zu kommen. Und das ist toll.

Wir kommen aus einer ganz anderen Zeit. In Zeiten von Streaming und Co. kann eigentlich jeder aus seinem Schlafzimmer heraus Musik machen und es mit der Welt teilen.

MC | Natascha: Gibt es eine Band, die du derzeit besonders gerne hörst?

Nope. Diese Frage kann ich nicht beantworten, tut mir leid. Mein Kopf explodiert, wenn ich darüber nachdenke *lacht*

MC | Natascha: Wo wir gerade vom Fan-Dasein sprechen: Es hat sich herausgestellt, dass Michael Bublé ein großer Fan von euch ist und seine Liebe für euer letztes Album „Ohms“ auf Instagram bekundet hat. Ich habe mich gefragt, ob du Mister Bublé zum Weihnachtsfest in den Plattenspieler geworfen hast?

Ohja, Bublé wurde auf jeden Fall gespielt. Ich höre seine Musik immer, wenn ich an Weihnachten koche. Wir haben uns sogar mal auf einer Geburtstagsparty kennengelernt. Als ich seine Instagram-Story gesehen habe, war das wirklich irre.

MC | Natascha: Es ist immer verrückt, wenn ein Musiker aus einem ganz anderen Genre sich dazu bekennt, Metal oder Hardcore zu mögen.

Absolut, aber so soll es auch sein. Ich liebe die Musik von Michael Bublé genauso.

MC | Natascha: Wenn du „White Pony“ und „Black Stallion“ vergleichst – hat sich deine Meinung zu deinem Lieblingssong geändert?

DJ Shadow hat aus unserem Song „Digital Bath“ etwas ganz anderes gemacht. Er ist DJ, doch er ist auch Drummer und seine Art, Musik zu machen, hat großen Einfluss auf andere Künstler. Was er aus unserem Stück gemacht hat, befinde ich schon bemerkenswert. Vielleicht machen wir ja zukünftig auch mal gemeinsam neue Musik? Wer weiß, das wird sich zeigen.

Wenn wir uns die Tracks anhören, klingen sie einfach wie etwas völlig anderes. Klar sind es immer noch unsere Werke, doch sie wurden eben einmal komplett überarbeitet. Es ist inspirierend. Wenn wir wieder anfangen, kreativ zu sein, können wir uns hiervon vielleicht etwas abschauen.

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MC | Natascha: Wird „Black Stallion“ euer einziges Remix-Album bleiben oder plant ihr vielleicht zum 25. Geburtstag etwas ähnliches?

Wieso nicht? Klar haben wir darüber schon eine Weile nachgedacht, doch dass wir das Remix-Album wirklich herausbringen würden, hielten wir jahrelang für nicht allzu wahrscheinlich. Wir haben das auch mal durchlauten lassen, doch dass es konkret wird, hätten wir nicht gedacht. Es ist etwas Besonderes.

MC | Natascha: Willst du zum Schluss noch einige Worte an eure deutschen Fans richten?

Ja. Hallo *lacht* Vielen Dank für eure Treue über all die Jahren. Wir hoffen, dass wir euch nächstes Jahr bei Rock am Ring und Rock im Park und den Off-Shows sehen können. Wir planen, auf jeden Fall für eine vollwertige Tour zurückzukommen. Drücken wir die Daumen, dass alles geschehen kann. Wir vermissen und lieben euch.

MC | Natascha: Wie schaffst du es, in diesen Zeiten nicht durchzudrehen? Du steckst zuhause fest, obwohl du normalerweise auf Tour wärst.

Es ist die bizarrste Situation, die ich jemals erlebt habe. Es nervt einfach nur, aber es ist, wie es ist und wir müssen damit zurechtkommen. Kaum zu glauben, dass das alles schon neun Monate lang so geht. Wir waren sowieso schon fast zwei Jahre nicht mehr auf Tour. Einige Shows hier und da, doch wir wollten uns eine Auszeit nehmen. Es ist also schon eine ganze Weile her. Wir waren quasi bereit, nach Australien und Neuseeland zu reisen, um eine beinahe zwei Jahre andauernde Tour zu beginnen. Gerade mal acht Stunden vor Abflug wurde uns gesagt, dass wir nicht fliegen werden. Meine Koffer sind noch immer gepackt und ich bin bereit, jederzeit loszulegen.

Man muss versuchen, einen kühlen Kopf zu bewahren. Ich vermisse den Kontakt zu Menschen sehr. Ich kommuniziere dennoch mit anderen. Ich esse und trinke und versuche einfach, irgendwie zu leben und vorwärts zu gehen. Sowohl mental als auch körperlich.

Bild: YouTube / „Deftones‘ Abe Cunningham reflects on two decades of rock and roll“

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