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Interview

Jordan Fish von Bring Me The Horizon über die Corona-Downtime: „Komischerweise glaube ich, dass es uns sogar geholfen hat“

Jordan über die neue EP, das Tourleben mit Familie und die Pandemie-Zeiten.

VON AM 21/12/2020

Bring Me The Horizon haben sich Ende Oktober lautstark mit ihrer neuen EP „Post Human: Survival Horror“ zurückgemeldet und nicht nur in unserer Rezension, sondern auch bei ihren Fans überzeugen können.

In einem exklusiven Interview durften wir uns mit Keyboarder Jordan Fish über den (Remote)-Entstehungsprozess des neuen Outputs verraten. Weiterhin verriet uns Jordan, wie er dem (hoffentlich 2021 wieder anstehenden) Tour-Leben entgegenfiebert und wie er die aktuelle Corona-Zeit überbrückt.

Bring Me The Horizon-Keyboarder Jordan Fish im Interview

Natascha | MC: Hey Jordan, schön dich zu sehen. Ich hoffe, es geht dir gut. Starten wir auch direkt mit der ersten Frage: Wann begann der Schreibprozess zu „Post Human: Survival Horror“?

Jordan: Mir geht‘s gut, danke. Wir haben im Januar damit angefangen und waren für die ersten Schreibarbeiten für ein paar Wochen in Amsterdam. Im Februar und März ging es dann weiter und dann kam Corona. Wow, wir haben es geschafft innerhalb von zehn Sekunden bei Corona zu landen – wie nervig. Komischerweise glaube ich, dass es uns sogar geholfen hat.

Wir wussten nach „Parasite Eve“, wohin die Reise gehen sollte, denn davor haben sich die Songs noch ein bisschen anders angehört. Und dann haben wir den ganzen Sommer über ziemlich viel geschrieben, also im Grunde genommen haben wir über FaceTime zusammengearbeitet, da wir uns ja nicht sehen konnten. Im September haben wir die Platte dann fertiggestellt, wir haben uns zum größten Teil also nicht gesehen.

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Natascha | MC: Also ist die komplette EP eine Heimstudio-Produktion, oder?

Jordan: So ziemlich, ja. Oli hat sich selbst aufgenommen, Lee auch. Außerdem ist es uns gelungen, jemanden zu finden, der zusammen mit Matt in Sheffield die Drums aufnimmt und uns die Dateien zuschickt. Also ja, wir waren alle voneinander getrennt.

Natascha | MC: Würdest du sagen, dass es so einfacher ist, eine Platte aufzunehmen oder ist es besser, wenn alle zusammen an einem Ort sind?

Jordan: Naja, für uns als Band funktioniert dieser Schreibstil ganz gut. Am Ende landet alles auf meinem Computer, weil ich als Art „Haupthafen“ fungiere, wenn wir Musik machen. Normalerweise nehme ich Lee und so auf und wenn wir Demos aufnehmen, dann kommen die Drums, bis zu einem gewissen Punkt, von mir. Für uns hat es sich daher sehr natürlich angefühlt, auf diese Weise zu arbeiten. In manchen Punkten war es für mich sogar angenehmer, weil ich so von zu Hause arbeiten konnte und nicht das Gefühl hatte, unter Druck zu stehen. Ich mag dieses Gefühl nicht, wenn man zwei Wochen am Stück am Schreiben ist und nichts dabei herauskommt, auch wenn es heißt, „Ach, ist nicht schlimm, wenn nichts dabei rauskommt“, aber es macht sehr wohl etwas aus.

Als wir dann schließlich ein paar Tage im Aufnahmeprozess waren, fühlten wir uns dabei wohl und wussten, so können wir unsere ganze Platte easy schreiben. Ich weiß also wirklich nicht, wie viel wir in Zukunft an der Art und Weise ändern würden. Ich habe nicht das Gefühl, dass ich nach Sheffield gehen müsste, um zum Beispiel mit Oli zu schreiben. Wir sind so viel flexibler – man kann einen Tag schreiben und dann kann ich es ausschalten und meine Kinder sehen. So kann jeder das machen, wonach ihm ist, ohne sich gegenseitig auf die Nerven zu gehen.

„Es wirkt einfach wie eine Bandprobe.“

Natascha | MC: Das klingt so, als ob ihr euch richtig gut mit der Situation arrangiert hättet?

Jordan: Ja, aber ich denke nur, weil wir nicht gerade eine „Wir-jammen-zusammen-in-einem-Raum“-Typ Band sind in den Dingen, die wir tun. Also hat es zu uns und unserem unkonventionellem Style glücklicherweise ganz gut gepasst, vielleicht besser, als es manch anderer Band ergangen ist. Das einzige wirkliche Problem war, dass Oli nie wirklich Vocals allein aufgenommen hat, also hatte er nicht wirklich einen Plan, weil er sich nie zu sehr mit der technischen Seite befasst hat. Aber es dauerte nicht lange, bis er es verstanden hatte, zum Glück ist es ja nicht so kompliziert. Sobald das geregelt war, war der Rest ein Kinderspiel.

Natascha | MC: Heutzutage müssen sich Bands neuen Herausforderungen bei der Veröffentlichung eines Albums stellen. Normalerweise touren Bands, um für ihre neue Platte Promo zu machen, was sich jetzt eher als schwierig darstellt. Was habt ihr stattdessen vor?

Jordan: Tja, wohl eine Menge Zoom-Calls *lacht*. Ich denke, was wir verloren haben, weil wir nicht in der Lage waren, im traditionellen Sinne Promo zu machen, haben wir durch die Veröffentlichung von Musik in einer Zeit gewonnen, in der sich alle voll und ganz darauf konzentrierten. Als wir „Parasite Eve“ veröffentlicht haben, hatten wir so viele Augen auf uns gerichtet wie sonst nicht. Ich denke, der Kompromiss hat sich wahrscheinlich gelohnt. Ebenso wie beim Schreiben der Platte. Zu dem Zeitpunkt konnten wir eine Geschichte schreiben und wahrscheinlich überwiegen die Vorteile für uns. Ich meine, was macht man überhaupt, außer zu touren? Es gibt jede Menge Interviews, die man von zu Hause aus machen kann. Gut, Fernsehauftritte – und die sind für uns als Band echt am schlimmsten. Wir machen das ja auch so selten, wir sind ja nicht wie Michael Bublé. Unsere Shows muss man live sehen.

Natascha | MC: Das ist ein guter Punkt, da ja viele Bands momentan ihre Konzerte streamen. Wäre das auch was für euch?

Jordan: Wir haben darüber nachgedacht, ja. Und ich denke, es ist auch noch einiges in Planung. Mich begeistert es allerdings nicht so sehr, wenn ich ehrlich bin. Es wirkt einfach wie eine Bandprobe. Ich habe einige Leute gesehen, die es wirklich gut gemacht haben, es ist nur so untypisch für unsere Band und unsere Stärken. Ich denke, eine unserer größten Stärken ist Olis spontane Natur und live zu performen. Das verliert man natürlich, weil es kein Zusammenspiel gibt. Die gesamte Interaktion mit dem Publikum ist nicht vorhanden, also müssen wir versuchen, Wege zu finden, dies irgendwie zurück zu bringen. Etwas völlig anderes zu machen, das sich eher lohnt, als nur eine wirklich gute Show mit hoher Produktion. Das wäre also die Herausforderung. Wir haben über einige Ideen gesprochen, aber am Ende haben wir beschlossen, uns nur auf die Platte zu konzentrieren.

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Die EP fing gegen Ende an sehr vereinnahmend zu werden und sie wurde größer, als wir es uns am Anfang vorgestellt hatten und hat uns sehr viel abverlangt. Oli hat bei allen Videos Regie geführt. Er war die letzten zwei Monate sehr beschäftigt. Das Gleichgewicht zwischen der Fertigstellung der Platte und der Videoproduktionen („Obey“ und „Teardrops“), zu bewahren war wirklich nicht einfach. Also haben wir uns auch entschlossen, so etwas wie einen halbherzigen Livestream nicht zu machen. Vielleicht machen wir Anfang nächsten Jahres etwas. Es kommt darauf an, wie sich auch die Situation mit dem Impfstoff entwickelt, vielleicht müssen wir uns um Streams dann keine Gedanken mehr machen und warten einfach, bis wir wieder Shows spielen können.

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Natascha | MC: Eure Musik hat viele Veränderungen durchgemacht, die neue EP geht ein bisschen zurück zu euren Wurzeln, was sich viele eurer Fans ja seit Jahren gewünscht hatten. Konntet ihr die Leute zurückgewinnen, die ihr vielleicht über die Jahre verloren habt?

Jordan: Es sieht so aus, zumindest von dem Feedback ausgehend. Sie werden wahrscheinlich nie voll zufrieden sein – es kommt wirklich darauf an. Ich meine, ich kann verstehen, wenn jemand diese Seite der Band bevorzugt. Mir würde es als Fan wahrscheinlich für viele Bands auch so gehen, wenn ich jünger wäre. Ich respektiere das, aber es ist genauso frustrierend, wenn du in der Band spielst. Es ist okay, dass die Leute wollen, dass wir irgendwie härtere Sachen machen. Also ja, niemand will Musik machen, die ihre Fans nicht mögen, also hoffe ich, dass sie es mögen, aber gleichzeitig will man nicht immer und immer wieder die gleiche Platte veröffentlichen.

Natascha | MC: Klar, ich persönlich finde, dass die EP echt ausgeglichen ist. Ihr habt ein paar interessante Gäste auf eurer Platte, um mal eine davon zu nennen: Babymetal. Wie kam es denn dazu, dass ihr die Mädels beim härtesten Song der EP gefeatured habt?

Jordan: Eigentlich sind sie schon in ihren Zwanzigern, aber ich finde es lustig, dass alle sagen, sie sind kleine Mädchen, wenn sie eigentlich erwachsene Frauen sind. Das liegt aber wohl daran, dass sie schon seit Ewigkeiten in der Band sind und angefangen haben, als sie noch kleine Mädchen waren. Sie sind offensichtlich immer noch klein, kleine Frauen, aber ja, wir sind mit ihnen befreundet, so viel man eben mit jemandem befreundet sein kann, wenn man kaum eine gemeinsame Sprache spricht. Wir sind uns im Laufe der Jahre immer wieder auf Festivals begegnet, wie Rock am Ring, einige Male in den USA, Glastonbury, Reeding. Wir sind ihnen immer wieder begegnet und sie waren immer sehr freundlich. Ich meine, wie kann man Babymetal nicht mögen? Sie sind einfach nett. Die Crew ist nett, die Mädchen sind nett, sie sind eine gute Band und sie sind auch ein bisschen anders.

Natascha | MC: Ich stell es mir fast so ein bisschen vor wie „Oh irgendwann machen wir einen Song mit ihnen, pack‘s auf die Liste!“

Jordan: So in der Art, ja, ich meine, wir haben oft darüber gesprochen. Wir haben ihnen vor ein paar Jahren eine Demo geschickt und sie haben auch ein paar Vocals dazu aufgenommen und eigentlich wollten wir daraus etwas machen, aber haben den Track am Ende doch nicht verwendet. Die Idee gab es schon lange, wir haben nur den richtigen Zeitpunkt abgewartet und „Kingslayer“ war wie für sie gemacht. Als wir beschlossen hatten, sie auf dem Track zu featuren und sie auch Lust darauf hatten, haben wir den Refrain für sie umgeschrieben. So hört es sich an, als ob es halb ihr Track und halb unserer ist, obwohl wir ihn geschrieben haben. Der Refrain wurde wirklich für sie geschrieben, in ihrer Range und ein bisschen in ihrem Sound – das ist eine gute Ausrede für uns, einige Sachen zu machen, die wir sonst nicht unbedingt machen würden, auch musikalisch.

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Natascha | MC: Wie großartig wäre es, wenn ihr irgendwann gemeinsam auf der Bühne den Song performen könntet?

Jordan: Ja, das wäre unglaublich. Ich bin mir sicher, dass es nicht allzu lange dauern wird – es braucht nur das richtige Festival, denke ich. Vielleicht nächstes Jahr, wer weiß, was nächstes Jahr mit Festivals passieren wird. Jeder wartet nur darauf, dass es endlich wieder losgeht. Ich denke, im Januar muss jemand eine Entscheidung treffen, ob was aus der Festival-Saison wird oder nicht. Wenn nicht, wird es wirklich eine Katastrophe. Da bleibt nur Daumen drücken.

Natascha | MC: Würdet ihr wieder eine Orchestershow machen? Vielleicht mit einigen besonderen Gästen?

Jordan: Das ist eine andere Sache, über die wir gesprochen haben. Ich denke, irgendwann machen wir das nochmal, wann genau, keine Ahnung… es fühlt sich für mich so an, als würde es wirklich funktionieren, was wir gerade tun. Mit der jetzigen Platte würde ich gern etwas komplett anderes machen wollen, also ja, vielleicht. Es wird wahrscheinlich eine Weile dauern, bis wir es tun, aber wenn wir es tun, wird es cool sein. Ich würde gerne mehr als eine Show dann spielen, vielleicht eine Tour damit machen, aber wir werden sehen.

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Natascha | MC: Wir verbringen ja gerade alle super viel Zeit zu Hause mit unseren Familien, fernab von unseren Freunden. Was machst du, um mental fit zu bleiben?

Jordan: Ich habe keine Freunde, das hilft *lacht*. Und ich habe zwei kleine Kinder, da dreht man, nicht durch. Die beiden sind im Grunde total verrückt. Vernunft ist momentan also kein großer Teil meines Lebens. Tatsächlich gehe ich jeden Tag laufen, diese Woche bin ich jeden Tag 10 km gelaufen. Es ist fast so, als ob ich mir selbst keinen freien Tag geben könnte, es ist wie eine Besessenheit. Wenn ich so weiter mache, dann sind meine Knie bestimmt ganz schön gef*ckt.

Natascha | MC: Genießt du denn, so lange frei zu haben oder vermisst du das Tourleben?

Jordan: Es ist ein bisschen von beidem. Ich bin echt nervös, wieder auf Tour zu gehen, ich habe mir neulich unsere Tour-Termine für nächstes Jahr angesehen und ich habe einen Anflug von Angst verspürt – und das nur, weil ich sie mir angeschaut habe. Ich weiß nicht, warum, vielleicht weil es so lange her ist. Zumindest fühlt es sich so an, als ob es lange her ist. Wir waren zwar im Januar noch auf Tour, aber es ist der längste Zeitraum, den wir seit einer Weile frei hatten. Wenn man sich unsere Russland-Tour anschaut, sind das ziemlich viele Dates, ungefähr zwei oder drei Wochen. Das ist echt lange Zeit weg von zu Hause. Also ja, ich bin aufgeregt, jetzt, wo es so aussieht, als würde man Corona in den Griff bekommen und alles langsam wieder seinen gewohnten Weg geht. Ich genieße die Zeit, die ich mit den Kindern ohne Tour-Verpflichtungen zu Hause habe, denn wenn es wieder los geht, sieht es so aus, als würden wir super beschäftigt sein.

Natascha | MC: Hast du noch ein paar abschließende Worte an eure deutschen Fans?

Jordan: Boah, das ist echt die schlimmste Frage. Ich hasse diese Frage, es sieht dann immer so aus, als ob ich ein riesiges Arschloch bin, weil ich niemandem irgendwas zu sagen habe. Aber ich schätze, dass ich mich für den Support bedanken möchte. Kommt und schaut euch eine Show von uns nächstes Jahr auf einem Festival an, ich glaube wir spielen auf dem Southside und Hurricane, falls sie stattfinden. Und falls nicht, dann sehen wir uns via Hologramm.

Bild: YouTube / „Video interview with Jordan Fish from BRING ME THE HORIZON for new album „That’s The Spirit““

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