
RAUCHEN im Interview zu ihrem neuen Album: „Raus aus dem Promo-Hamsterrad!“
Die Hamburger Band im Talk zu "Fallen und Schweben".
Tobias Tißen
Kein Pre-save, kein Countdown, kein Content-Plan. RAUCHEN haben keine Lust mehr auf den Algorithmus-Zirkus. „Raus aus dem Promo-Hamsterrad“, nennt Gitarrist Philo das in unserem Interview.
Statt wochenlanger Teaser-Kampagne und zahllosen Single-Veröffentlichungen haben die fünf Hamburger ihr neues Album „Fallen und Schweben“ erst eine knappe Woche vor der Veröffentlichung am 26. September angekündigt. Völlig konträr zum Streaming-Alltag, wo sonst alles auf Reichweite und Berechenbarkeit getrimmt ist.
„Wir haben keine Lust mehr, uns an Streamingdienste und Social-Media-Algorithmen anzubiedern. Alle müssen immer liken, kommentieren, pre-saven, voten …“, so Philo. Die Ansage ist so kompromisslos wie der Sound der Band: „Hier ist unsere Musik. Vielleicht gefällt sie euch ja. Vielleicht auch nicht – das ist dann auch ok.“
Ihr kennt RAUCHEN noch nicht? 2017 in Hamburg gegründet, hat sich die Band mit ihren Alben „Tabakbörse“ (2018), „Gartenzwerge unter die Erde“ (2019) und „NEIN“ (2021) einen Ruf in der Hardcore- und Punk-Szene weit über die Grenzen der Hansestadt heraus erspielt. Vor allem die ersten beiden Platten sind rohe, wütende Abrechnungen mit Kapitalismus, Polizeigewalt und Ausgrenzung – Songs selten länger als zwei Minuten, die Stimme von Frontfrau Nadine mehr Schrei als Gesang.
Mit „Fallen und Schweben“ öffnen RAUCHEN ihren Sound nun noch einmal weiter, als sie es auf „NEIN“ bereits getan haben – melancholischer, zugänglicher, ungebrochen wütend. Aber hört doch einfach selbst:
Wie der vergessene Zwanni in der Jackentasche
Dass RAUCHEN ihr viertes Album fast ohne Vorwarnung in die Welt geblasen haben, wirkt erst wie Trotz, entpuppt sich aber als bewusster Befreiungsschlag. „Es hat etwas Unverfälschtes“, erklärt Philo.
Gitarristin Sabi dazu: „Für mich ist das ein bisschen wie wenn man einen Zwanni nach einer Party in der Jackentasche vergisst und Monate später wiederfindet. Die Aufnahmen liegen schon weit zurück, dazwischen spielt sich das alltägliche Leben ab – und plötzlich kommt die Platte wieder ins Bewusstsein. Unreal, aber voll schön.“
Anstatt monatelang an Pre-save-Kampagnen und Klickkurven zu feilen, vertraut die Band darauf, dass die Musik für sich spricht. Dieses Vertrauen in den eigenen Sound hat auch mit der neuen Arbeitsweise zu tun. Während „NEIN“ noch unter improvisierten Pandemiebedingungen zusammengeschmissen wurde, gönnten sich RAUCHEN zum ersten Mal Zeit. „Früher musste ein Song nach spätestens zehn Minuten stehen, sonst haben wir ihn verworfen“, berichtet Fritz vom neuen Kreationsprozess, „jetzt haben wir an über 20 Songs gearbeitet und zehn haben es am Ende auf die Platte geschafft.“
Auch bandintern fielen also alte Dogmen: „Vor meiner Zeit gab es bei RAUCHEN ein Jam-Verbot“, erzählt Sabi, „vielleicht ist mittlerweile etwas Altersmilde eingekehrt. Ich find’s cool, wie ungezwungen die Songs entstanden sind und einfach der Sound eingefangen wurde, der uns halt gerade prägt.“
Die Folge: Songs, die sich nicht mehr in unter zwei Minuten abhetzen, sondern Spannungsbögen aufbauen, Wiederholungen zulassen und auch mal atmen. „Wir wollten den Songs insgesamt etwas mehr Luft und Raum geben. Dass man einen Part auch mal wiederholen kann, mussten wir auch erstmal lernen auszuhalten“, erklärt Fritz.
„Mehr Pedale als bei der Tour de France“
Klanglich bleibt das Fundament unangetastet: „Wir haben immer ein sehr klares Fundament aus Bass und Schlagzeug, ohne große Spielereien, um Druck und Direktheit zu erzeugen“, so Fritz. Und er führt weiter aus: „Früher haben wir komplett auf Effekte verzichtet und nur den rohen Amp-Sound verwendet – jetzt gibt’s mehr Pedale als bei der Tour de France, was uns ganz andere Möglichkeiten eröffnet.“
Und dennoch: Bei aller Veränderung klingt es immer nach RAUCHEN. Fritz: „Wir sagen immer, dass sobald Nadine anfängt über die Songs zu singen, es automatisch nach RAUCHEN klingt. Sie ist wie ein Kleber, der uns zusammenhält und für die nötigen Kanten sorgt.“
Dabei zeigt sich die Frontfrau vielseitiger als zuvor – von rezitierenden Spoken-Word-Einlagen („Desfred“) bis hin zu Klargesang im Titeltrack ist auf der neuen Platte alles dabei.
Nadine erklärt: „Für diesen Song [„Fallen und Schweben“] wirkte das ganz logisch, weil es so gut zum Instrumentalen passt. Es war auf jeden Fall ungewohnt – mal sehen ob und wie das live funktioniert und dann schauen wir weiter.“
Auch der Albumtitel selbst deutet an, dass hier etwas Neues mitschwingt. „Fallen und Schweben“ beschreibt für Nadine eine Utopie: „… vom Ende des Kapitalismus und vom Ende des Patriarchats. Die Vorstellung sich fallen lassen zu können und nicht irgendwo in die Realität aufzuprallen, sondern unbeschwert und sicher weiter zu schweben.“
Persönlich = politisch
Lyrisch tritt die Band ebenfalls nicht auf der Stelle. Die Texte sind introspektiver, befassen sich nicht mehr direkt anprangernd. Man könnte meinen, RAUCHEN sind weniger politisch als auf ihren ersten Veröffentlichungen. Nadine sieht das anders: „Davon sind wir kein Stück abgewichen. Ein persönlicher Zugang ist keineswegs weniger politisch – nur weniger plakativ.“
Beste Beispiele: die 2024 nach rund drei Jahren Stille als erstes Lebenszeichen veröffentlichten Singles „Es fühlt sich nicht so an“ und „Stachel“.
Ersterer handelt vordergründig von Zweifeln zu der Beziehung zum eigenen Körper. Daher steckt aber eine „Abrechnung mit dem kapitalistischen Blick auf den eigenen Körper“, wie Nadine es ausdrückt. Selbstzweifel, Fremdbestimmung, die ständige Zurichtung an Normen – all das steckt zwischen den Zeilen. „Und da sind wir dann wieder an dem Punkt, an dem es eher politisch als persönlich ist“, schließt Nadine den Kreis.
„Stachel“ wiederum greift beschäftigt sich mit Religion und damit, was religiöse – in diesem konkreten Fall katholische – Sozialisation mit Menschen anrichtet und wie sie ihre Spuren hinterlässt.
Willkommen in der „Fallen und Schweben“-Era
„Bisher war jedes unserer Alben ein neues Kapitel in unserer Bandgeschichte. Jetzt sind wir in unserer ‚Fallen und Schweben‘-Era und das fühlt sich richtig an“, sagt Philo schon zu Beginn des Interviews.
Im Zuge dieser neuen Era stehen im Oktober und November erstmal ein paar Konzerte an. Und dann? Wie sieht die Zukunft für RAUCHEN und ihren Sound aus?
„Irgendwie ist immer alles möglich bei uns, aber es kommt vor allem immer darauf an, ob wir es auch fühlen“, meint Philo. Ob das mehr Klartext, mehr Gesang oder wieder mehr Chaos bedeutet, bleibt offen. „Wo wir in fünf Jahren stehen, weiß niemand von uns so genau. Und das finde ich spannend“, führt er weiter aus, „vor fünf Jahren hätten wir auch nicht gewusst, wo wir jetzt gerade stehen.“
Für RAUCHEN gilt also: Alles kann, nichts muss. Aber für den Moment steht ja ohnehin erstmal „Fallen und Schweben“ im Fokus. Ab dem 26. September überall, wo es Musik gibt!
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Foto: noheroes / Offizielles Pressebild


