
Rodney ist unser wandelndes Musiklexikon. Als Drummer in seinen eigenen Bands sowie aushilfsweise dort, wo gerade Not am Manne ist, hat er zudem ein ausgeprägtes rhythmisches Verständnis. Apropos Rhythmus: Es ist uns schier unbegreiflich, wie er seine Tätigkeiten als Musiker, Booker, Redakteur und Photograph für drei Magazine, freier Journalist, Masterstudent, Food-Blogger, Wein-Connaisseur, Bowle-Barista, Freund und Liebhaber in seinem Tagesablauf untergebracht bekommt. Apropos Wein: Ein Best-of Rodneys wochenendlicher Sprachnachrichten ist zwar nicht geplant, aber auch nicht unwahrscheinlich.
Es ist ein wunderschönes Gefühl der Nostalgie, wenn „The End Begins“ beginnt. Der Dudelsack eröffnet das neue Korn-Album so, wie bereits „Shoots & Ladders“ sich fest in das Gedächtnis eines jeden Fans gebrannt hat. Dazu der experimentelle Gesang von Jonathan Davis, dem man eine gewisse Frustration und Verzweiflung definitiv anhören kann. Nachdem sich das instrumentale Geschehen aufgebaut hat, ist es ein Heulen des Sängers, das unisono zu hören ist.
Schmerz
Doch geht es auf „The Nothing“, das der unendlichen Geschichte angelehnt ist, nicht um ein schönes Gefühl der Nostalgie. Jonathan Davis verlor nicht nur seine Frau, sondern auch seine Mutter innerhalb von nur zwei Monaten im Jahr 2018. Es scheint, als sei „The Nothing“, die nihilistische Absolution dessen. All die Trauer, die er durchgemacht haben muss, schwingt in den einzelnen Songs mit. Tatsächlich wirken die 13 Tracks finster, bedrückend und kalt. Doch sind es Attribute, die in der Musik von Korn schon immer zu finden waren. Bereits im Song „Daddy“ behandelte Davis seine Misshandlung als Kind, die den Track zu einem der intimsten, allerdings auch verstörendsten der Band werden ließ.
„Cold“ ist ein sehr rhythmusbetonter Song, der auf verstörende Art und Weise erklingt und mit einem Breakdown verdammt viel Potential für eine Liveshow betrifft. Doch gibt es in „Cold“ auch einen Refrain, der zum Mitsingen anregt. Leichte Synthesizer bauen sich über die primär rhythmisch agierenden Gitarrenriffs, die sehr akzentuiert arbeiten und erst durch den Gesang einen richtigen Zusammenhang bekommen. Auch das folgende „You’ll Never Find Me“ arbeitet mit einem ähnlichen Ansatz.
Dunkelheit
Die Dunkelheit, die im teils sehr harten und dissonanten Gitarrensound von „The Darkness Is Revealing“ mitschwingt wirkt fesselnd. Neben möglichen Anspielungen auf „Evolution“ des „Untitled“ Albums („take a look around“) und eine vermeintliche Anspielung auf Queens „Bohemian Rapsody“ („Is he free, is he full, is he high, is he low? Where the fuck I’m supposed to go?“) aufgrund der rhythmischen und metrischen Auslegung, ist in dieser Passage der wohl härteste Break des Albums zu finden. Auch „Idiosyncrasy“ überrascht mit einem starken Metalsound, der auch durch den vermehrten Einsatz von Growls unterstützt wird. Doch leider plätschert dieser Song irgendwie dahin und wirkt eher wie eine uninspirierte B-Seite, die sich drei alten, liegengebliebenen Riffs bedient. Der Chorus ist ebenfalls wenig spektakulär, einzig die „God is making fun of me“-Sektion sticht aus dem Song heraus und hebt die emotionale Komponente hervor.
Ein wirklich guter Refrain findet sich in „Finally Free“. Der Song lebt durch seine innere Dynamik und hat dabei verdammt viel Drive. Der Verse besteht aus Drums und Bass, die von atmosphärischen Gitarrenklängen begleitet werden und von Jonathan Davis‘ großartiger Stimme geleitet werden. Ein unerwarteter Twist findet sich in einem kurzen atmosphärischen und perkussiven Part, auf den einer der härtesten Breaks des Albums folgt. Leider ist dieses Momentum nur von kurzer Dauer, denn erneut folgt ein Refrain darauf. Selbiger jedoch ist Teil der Absolution von „The Nothing“, wie Davis mit „Where are you now? I tried to get through to you, nothing is saving you How could I fail? This life betrayed you, and you are finally free“ besingt und dabei möglicherweise Abschied nimmt.
Korn ist die Band, die mich zur harten Musik gebracht hat und auch durch die teils sehr harte Zeit des Erwachsenwerdens begleitet hat. Es ist immer ein Faktor der Nostalgie, der in jedem Song von „The Nothing“ mitschwingt. Gute Hooks wie etwa die von „Gravity Of Discomfort“ machen Spaß beim Hören und gehen bereits nach dem ersten Hören ins Ohr. Was im Verlauf von „The Nothing“ allerdings etwas abnimmt, ist die Aggression, die Wut und Verzweiflung, die noch auf „The End Begins“ mitschwang und auf „Cold“ weitergeführt wurde. „H@rd3r“ ist ein Song, der dieses Gefühl nochmals aufgreift und definitiv einer der stärkeren Tracks auf dem Album. Mit dissonanten Gitarrenriffs, Blast Beats, experimenteller Drum’n’Bass-Einlage und Jonathan Davis gewohnter Vokalakrobatik sticht „H@rd3r“ wirklich heraus und bereitet verdammt viel Hörspaß.
Verlust
Direkter als die Lyrics, „The feeling of this loss keeps creeping. Ingesting any joy that I might find, it’s tearing at my heart (it’s killing me). It’s robbing me on something I once. Had to take it now I hate it, it will never stop “, könnte sich Jonathan Davis wohl kaum ausdrücken. „This Loss“ ist ein Song, der auf emotionaler und lyrischer Ebene klar heraussticht. Auch die Zeile „Everything I ever loved is always taking back to me“ spricht klare Worte, die sich klar auf die Situation des Sängers reflektieren lassen. Eine triolische Bridge bringt Davis zurück auf den Boden der Realität. „It’s time to be free“ singt der Sänger bevor ein harter Break die zuvorige Qual beendet. Dem Song wohnt eine große Unruhe inne, die so überzeugend und mitreißend wirkt, wie es auf „The Nothing“ nur selten passiert.
Ähnlich wie „The End Begins“ baut sich „Surrender To Failure“ über seine kurze Spieldauer auf. Wenn auch der Song Spannung erzeugt, lassen Korn diese langsam wieder fallen, während Jonathan Davis ein letztes Mal, mit schwerer Brust, durchatmet; wohlwissend, dass er versagt hat („I’ve failed“). Es scheint, als wäre überstanden, wofür „The Nothing“ steht. Korn, beziehungsweise viel mehr Jonathan Davis, nimmt Abschied von dem Jahr, das ihm so sehr zugesetzt hat und sieht ein, dass er nicht rückgängig machen kann was geschehen ist („This Loss“). Die Verarbeitung dessen ist der klare Fokus, um den sich dieses Album dreht.
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Foto: Brian Ziff / Offizielles Pressebild
Fazit
„The Nothing“ ist zu 100% Korn und verlässt sich auf Elemente, die die Band in den letzten Jahren perfektioniert hat. Für Experimente ist auf „The Nothing“ jedoch kaum Zeit. Stattdessen fokussieren sich Korn auf eine Gitarrenarbeit, die teils sehr Metalcore-inspiriert erscheint und sich unaufdringlich in den Hintergrund legt. Im Fokus steht vor allem Jonathan Davis Gesang, der mit fett produzierten Instrumentals bestärkt wird. Dort wo die Gitarren dissonant sind, der Bass drückt, die Vocals verzweifelt und die generelle Stimmung bedrückend scheint, ist „The Nothing“ am stärksten. Dennoch entfernen sich Korn von ihrem einstigen Nu Metal-Sound hin zum Alternative Metal, der mit Elementen des Metalcore unterstrichen ist und primär von Jonathan Davis Timbre lebendig bleibt. Denn am Ende des Tages ist es der Gesang, der Korn die klare Handschrift verpasst und die Band immer wieder einzigartig erscheinen lässt.

▶Tracklist 13 Songs
- 1The End Begins
- 2Cold
- 3You’ll Never Find Me
- 4The Darkness is Revealing
- 5Idiosyncrasy
- 6The Seduction Of Indulgence
- 7Finally Free
- 8Can You Hear Me
- 9The Ringmaster
- 10Gravity Of Discomfort
- 11H@rd3r
- 12This Loss
- 13Surrender To Failure

