
Wenn unsere Tamara nicht gerade mit ihrem Master in Musikjournalismus eingespannt ist, versorgt sie die Leserschaft mit Rezensionen und Interviews rund um Bands, die eigentlich nur noch unsere Eltern hören. Zu ihren Lieblingsfreizeitbeschäftigungen gehören Till Lindemann und Wacken. Sieht man sie nicht im Club oder durch einen Moshpit tanzen, steht sie hinter dem Tresen und mixt unverschämt gute Cocktails, um mit Freuden ihre Freunde abzufüllen. Neuerdings versucht sie sich auch als Pflanzenmutti und an der E-Gitarre. Ganze 3 Akkorde beherrscht sie schon, einer Karriere in einer Punkband würde also nichts mehr im Weg stehen.
Nach dem Release ihrer EP „The Alchemy Project“ im Jahr 2022 mussten Epica-Fans drei taffe Jahre hinnehmen, bis sie endlich neues Material ihrer Lieblingsband in der Hand halten dürfen – aber es ist soweit! Mit „Aspiral“ veröffentlicht die Band ein neues vollwertiges Studioalbum, vier Jahre nach dem Vorgänger „Omega“. Welche kosmischen Ergüsse uns diesmal erwarten und in welche Welten uns die Symphonic Metaller entführen? Erfahrt ihr hier!
Epica und der künstlerische Anspruch
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Aller Anfang ist schwer und in der poetischen Welt, in der sich die niederländischen Symphonic Metaller von Epica bewegen, wohl auch schwer zu begreifen. Denn bereits der Titel ihres neuen Werks „Aspiral“ regt zu etwas tiefergehenden Recherchen an, die uns in die Welt der Kunst führen. „Aspiral“ ist demnach keine Wortneuschöpfung aus der Feder der Musiker selbst, sondern geht zurück auf eine Bronze des polnischen Künstlers Stanisław Szukalski aus dem Jahr 1965.
Laut Band haben sie diesen Titel gewählt, da „jedes Detail ein Kunstwerk für sich ist, und die Geschichte tiefer geht, als man zunächst denkt“ – na da sind wir doch mal gespannt, ob Album Nr. 9 auch hält, was es verspricht!
Überlänge als Standard
Beginnen wir mit den Hard Facts: Mit 60 Minuten Gesamthörzeit und gleich drei Songs, die die sieben-Minuten-Marke sprengen bzw. an ihr kratzen, ist „Aspiral“ bereits ein echter Brummer – für Epica-Verhältnisse tatsächlich aber eher unterer Durchschnitt.
Diese Stunde ist eine Reise durch Raum und Zeit: und das nicht nur für die Ohren, sondern auch den Geist des Hörers. Epica setzen thematisch auf innere Selbstreflexion spirituelle, menschliche Entwicklung. Allerdings observiert die Band nicht nur, sondern erläutert auch den Weg zu einem höheren Selbst.
Neues, altes Zeitalter
Das verraten bereits die Titel der Songs: gleich drei Nummern sind Fortsetzungen des 2005 gleichbetitelten „A New Age Dawns“-Zyklus. Andere nehmen dafür Bezug auf kosmische Phänomene wie den „Overview-Effekt“, der die Veränderung des Blicks auf die Menschheit bei Astronauten beschreibt, die erstmals die Erde aus dem Weltall betrachten (Laut Wikipedia sind grundlegende Merkmale ein Gefühl der Ehrfurcht, ein tiefes Verstehen der Verbundenheit allen Lebens auf der Erde und ein neues Empfinden der Verantwortung für unsere Umwelt).
Eine ähnliche Bedeutung liegt dem Ausdruck „Metanoia“ zugrunde, der auf theologischer, psychologischer und philosophischer Ebene kurz abgerissen so etwas wie Sinneswandel bedeutet in Bezug auf die eigene Lebenseinstellung.
Philosophie-Stunde
Auch mit „Arcana“ könnte von amerikanischen Städten, Computer-Rollenspielen bis Mangas alles gemeint sein – am wahrscheinlichsten ist aber die Deutungsebene des Tarotkartendecks „Arcana“, bei dem die 22 Karten die Reise der Seele darstellen.
Darüber hinaus ist der Titel „T.I.M.E.“ nicht das was man sofort erwartet, denn das Wort „Zeit“ ist hier nur auf einer Ebene gemeint. Auf der anderen ist es eine Abkürzung für Transformation, Integration, Metamorphose und Evolution – vier Phasen, die laut der Band für die Zerstörung des eigenen Egos und das persönliche Wachstum notwendig sind.
Nach diesem bereits intensiven Ausflug in die Fächer Deutsch, Physik und Religion, machen wir einen Schlenker hin zum Musikunterricht.
Bombast at its best
So wie man es von den Niederländern gewöhnt ist, stellt „Aspiral“ ein weiteres dramatisches Bombast-Werk dar, dass sich aus Power, Symphonic und Death Metal zusammensetzt. Epicas Stärke liegt klar in der Konvergenz aus den orchestralen und choralen epischen Passagen, die Simone Simons mit ihrer wundervoll zarten und dennoch mächtigen Sopran-Stimme ergänzt, und den marschierenden, headbangigen Riffs, rhythmischen Drums und tiefwühlenden Growls von Mark Jansen.
Dies schickte bereits das Release der Single „Cross the Divide“ voraus, das in knackigen vier Minuten die typischen Epica-Merkmale zusammenfasst: aggressiv-zackige Gitarren, epische Orchestrierung und Power-metalliger Refrain.
Mehr ist mehr…
Simone Simons Gesang ist mal poppiger, mal operesker und passt sich stets der Gefühlslage und Stimmung der einzelnen Songs an. Gerade in „Obsidian Heart“ ist Simons verzehrende und sehnsüchtige Performance sehr berührend.
Wie bereits zuvor, wollen Epica auch dieses Mal viel und wechseln unter und innerhalb der Songs mehrfach Tempo, Rhythmus, Melodie und Stimmung, was besonders in den längeren Stücken deutlich wird und unterschiedlich gut funktioniert.
…ist mehr mehr?
Während man in dem in Fanfaren-, Trommeln- und Orgel-Passagen aufgeteilten Mid-Tempo-Track „Darkness Dies in Light (A New Age Dawns, Part VII)“ leicht den Faden verlieren kann; stellt „Fight to Survive – The Overview Effect“ einen Sci-Fi-geprägten Dance-Banger mit viel Energie und Dynamik dar.
Details wie der Kinderchor in „T.I.M.E“, der Einsatz von Instrumenten wie Glockenspiel, Xylophon und Co. oder eine an Alice im Wunderland-erinnerndem hüpfende Melodie als Outro von „Metanoia (A New Age Dawns, Part VIII)“ geben „Aspiral“ einen verspielten Touch – sind allerdings Geschmacksache.
Zum Tanzen, Headbangen und Schmachten
Manchmal ist zu viel zu viel – in „The Grand Saga of Existence (A New Age Dawns, Part IX)“ ist viel aber genau richtig! Mit dem heavy-operesken Intro, den proggig-marschierenden Strophen bis hin zum folkig-reitenden, ohrwurmigen Refrain, dem absolut unerwarteten heftigen Breakdown und den Death Metal-Gesang Jansens stellen diese fast sieben Minuten ein absolutes Highlight auf „Aspiral“ dar.
Der gleichbenannte Track beendet das Album mit zartem Gesang, ruhigem Piano und einer kosmisch-epischen Klangkulisse, der keinen Anspruch auf Radiotauglichkeit legt, sondern allein aus künstlerischen Zwecken geschaffen und als Bett für eine existentialistische und motivierende Rede dienen – der ultimative Abschluss, der dieser kosmischen Reise durch Raum, Zeit und die Spiegelung der eigenen seelischen Verfassung, einen zukunftsgewandten und Augen-öffnenden Ausblick schenkt.
Foto: Tim Tronckoe / Offizielles Pressebild
Fazit
Dem Anspruch, aus jedem Detail ein Kunstwerk zu machen, werden Epica auf „Aspiral“ sicher gerecht – was nicht bedeutet, dass alle Details in Summe auch einen guten Song machen. Bei 60 Minuten Spielzeit kann man ein paar Durchschnitts-Nummern verkraften, denkt man an die Schlagkraft von "The Grand Saga of Existence“ oder „Fight To Survive“. Ein weiterer Nightwish-Vergleich wird der Band nicht mehr gerecht; sie haben ihren eigenen Mix aus Klassik und Härte längst gefunden. Und während jene eher den irdischen Phänomenen auf den Grund gehen, erneuert „Aspiral“ Epicas Anspruch auf die unendlichen, verträumten Weiten des Kosmos.

▶Tracklist 11 Songs
- 1Cross the Divide
- 2Arcana
- 3Darkness Dies in Light - A New Age Dawns Part VII -
- 4Obsidian Heart
- 5Fight to Survive - The Overview Effect -
- 6Metanoia - A New Age Dawns Part VIII -
- 7T.I.M.E.
- 8Apparition
- 9Eye of the Storm
- 10The Grand Saga of Existence - A New Age Dawns Part IX -
- 11Aspiral