
Markus Seibel
„Tomorrow We Escape“ ist Album Nummer vier des amerikanischen Duos aus New Jersey – und ist auch alles beim Alten geblieben? Zumindest im Vergleich zum Vorgänger „Skin“. Was das heißt? Fans bekommen die erhoffte Vollbedienung aus Rap, experimentellen Industrial und Punk, natürlich klassisch modern. Aber eben nicht ganz so traditionell und unpoliert wie zu seligen Anfangstagen beziehungsweise Zeiten des 2017er-Debüts „United States Of Horror“.
Gut, Ho99o9 (bekannt als HO99O9 DEATH KULT) ist, gemessen am populären Rap, noch immer rau und ungeschliffen, aber partiell anspruchsvoll und durchaus anständig produziert dargeboten. Ähnlich wie beim Vorgänger „Skin“ schimmert bei manchen Sounds und insbesondere den Synthesizern ein wenig Backxwash durch, aber Ho99o9s Herkunft und die stilistische Nähe zu Künstlern wie Ghostemane oder Death Grips ist ebenfalls nicht zu leugnen.
Kein unnötiges Firlefanz
Dennoch wird zugunsten der Abwechslung hin und wieder ebenso ein wenig die Arrangements begrenzt, was der Scheibe gut zu Gesicht steht. Doch auch alte Fans dürfen frohlocken, denn ein klein wenig zu den eigenen Wurzeln hin hat man sich ebenso (zurück?) orientiert: Experimentellen Rap mit der Aggression von Industrial-Punk wie noch auf dem Vorgänger sind hier weniger zu finden. Die elf Stücke verzichten größtenteils auf unnötige Schnörkel. Erwähnenswert ist an dieser Stelle auch die überragende Performance mit Rapper MoRuf im Opener „I Miss Home“.
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Allerdings sind wir in den letzten Jahren schon sehr, sehr häufig an ähnlich gestalteten musikalischen Landschaften vorbeigekommen (hierzulande beispielsweise bei clipping.), und wirklich neu ist auf „Tomorrow We Escape“ nicht viel.
Geradlinig und direkt
Wo die revolutionären und überraschenden Aspekte fehlen, punkten die US-Amerikaner mit dynamisch durchdachten und schlau arrangierten Kompositionen sowie einer Produktion, die sowohl in der Fettigkeit als auch der Transparenz durchweg überzeugt.
Ho99o9 – bestehend aus heOGM und Eaddy – wühlen mit der CD in unterdrückten Gefühlen, ehrlich und direkt. Dabei bleibt das Duo aus den Staaten gradlinig in ihrem Bereich und besinnt sich auf saftigen, deepen Rap, der ohne Spielereien auskommt. Das ist das funktionierende Rezept bei den Beiden. Und genau das schafft „Tomorrow We Escape“ allemal.
Daher klare Sache: Wer mit dieser Stilistik etwas anzufangen weiß, sollte hiermit seinen Spaß haben.
Foto: Nick Fancher / Offizielles Pressebild
Fazit
Unterm Strich haben Ho99o9 mit "Tomorrow We Escape" ein gut gelungenes Paket geschnürt. Es ist nicht revolutionär, aber handwerklich solide und sorgt für ein angenehmes Hörerlebnis, das vor allem der musikalischen Finesse des Duos zu verdanken ist. Das Album ist kein Geniestreich, eignet sich dank seiner Qualität und Abwechslung aber perfekt für jene Momente, in denen man nicht lange über die Musikauswahl nachdenken will.

▶Tracklist 11 Songs
- 1I Miss Home (feat. MoRuf)
- 2Escape
- 3Target Practice
- 4Ok, I'm Reloaded
- 5Psychic Jumper
- 6Incline (feat. Nova Twins, Pink Siifu & Yung Skrrt)
- 7Upside Down
- 8Tapeworm (feat. Greg Puciato)
- 9Immortal (feat. Chelsea Wolfe)
- 10LA Riots
- 11Godflesh