
Lea Marie Kiehlmeier
Wenn eine Band ihren Hauptsongwriter verliert, kann sie zwei Wege gehen: aufhören oder sich neu erfinden. Siamese haben sich für Letzteres entschieden. „dissolution" erscheint am 26. Juni über Long Branch Records . Ein Album, das die dänische Band eigentlich nicht geplant hatten, aber selbst sagen, dass sie es machen mussten. Als Andreas Krüger im Mai 2025 die Band verließ, hätte das das Ende sein können.
Stattdessen wurde es ein Neuanfang: härter, persönlicher, roher. Im Zentrum steht eine zutiefst komplizierte Vater-Sohn-Beziehung. Ein Thema, das die Band offensichtlich nicht loslässt und das man in vielen der zwölf Tracks in verschiedenen Facetten spürt.
Siamese liefern ihr bisher härtestes Album
„dark" macht sofort klar, wohin die Reise geht: ein ruhiger Einstieg, der langsam Druck aufbaut und einen nicht mehr loslässt. Die Violinenparts von Christian Lauritzen geben dem Song eine epische Dimension, die ihn von typischen Metalcore-Openers abhebt.
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„drown" zeigt die andere Seite von Mirza Radonjica: cleane Vocals, die die Musik umschwärmt, bevor der Song einen Gang hochschaltet. Treibende und ruhige Parts wechseln sich ab, elektronische Elemente transportieren Unruhe, ohne sich in den Vordergrund zu drängen. Der dritte Song, „sense", lässt keine Zeit zum Luftholen. Mit einer klaren Haltung behandelt er den Konflikt zwischen künstlerischen Konventionen und dem eigenen Stil. Ein Thema, das nach dem Abgang von Andreas Krüger fast programmatisch wirkt und gleichzeitig zeigt, dass die Band immer noch clevere Texte schreiben kann. Lyrics wie „We bleed in stereo" sind eindringlich und präzise.
Das beste Argument dafür, dass manche Gefühle einfach rausgeschrien werden müssen, ist „sinner“. Ein Beat wie ein Herzschlag, Lyrics, die zwischen Anflehen und Selbstvorwurf pendeln und genug Energie für den Moshpit.
Zwischen Energie und Berechenbarkeit
„friends" ist der überraschend elektronische Atemzug zwischen den härteren Tracks und zeigt, wie breit die musikalische Palette von Siamese ist. Gitarren, Schlagzeug und Synths bauen gemeinsam eine Atmosphäre auf, die erst wabert und dann dynamisch abbricht.
Das Feature mit Caskets in „reveries“ funktioniert überraschend nahtlos: Die Band integriert ihre Gäste so organisch, dass der Wechsel kaum hörbar ist. Das ist einerseits ein Qualitätsmerkmal, kein awkwarder Bruch, keine plötzliche Stilverschiebung. Andererseits verpasst das Feature damit auch seinen eigenen Moment. Wer Caskets kennt, erwartet mehr Kontrast; wer sie nicht kennt, erkennt sie hier schlicht nicht. Eine vergebene Chance, die den Song solide, aber nicht besonders macht.
Was „dissolution" insgesamt zusammenhält, ist die konsequente Dramaturgie: ruhig aufbauen, dann reinhauen. Die Band weiß, was sie kann und zieht das durch. Elektronische Elemente sind wohldosiert im Hintergrund eingesetzt und runden den Sound ab, ohne ihn zu dominieren. Songs wie „dissolution“ oder „nevermore“ sind für Live-Auftritte gemacht. Besonders das aufgebrochene „never"–„more" hat das Potential, auf Konzerten Mitgegröhlt zu werden.
Dass Sänger Mirza Radonjica einen ganzen Track allein auf seinen cleanen Vocals tragen kann, zeigt „reaper“. Der Song beginnt täuschend ruhig, fast intim. Er lässt sich Zeit, bevor er mit voller Wucht losbricht. Der Kontrast funktioniert gerade deshalb so gut, weil die ruhige Phase lang genug durchgehalten wird, um wirklich zu greifen.
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Wo „dissolution" an seine Grenzen stößt
Das Konzept funktioniert gut, hat aber einen Haken: Wenn fast jeder Song nach dem gleichen Schema aufgebaut ist, fangen einige an, miteinander zu verschwimmen. „patterns" ist der deutlichste Fall: solide, bleibt aber kaum im Gedächtnis. „dissolution" selbst läuft an manchen Stellen etwas zu langsam, um wirklich zu zünden. Und wer Siamese noch nicht kennt, wird hier wenig finden, das einen sofort ins Auge springt und schreit: Das ist unverwechselbar Siamese.
Weil sich der Sound so konsequent durchzieht, rutschen manche Songs nah aneinander. „twisted" verwendet das Wort „sinner" so prominent, dass man kurz nachschauen muss, ob man nicht versehentlich den falschen Track hört. Ähnliches gilt für „dark" und „drown". Das ist kein gravierendes Problem, aber wer das Album nebenbei laufen lässt, wird sich gelegentlich fragen, wo man gerade gelandet ist.
Fazit
„dissolution" ist ein konsequentes Album, das zeigt, was Siamese aus einer Krise machen können: einen härteren, fokussierteren Sound, der live ziemlich sicher ankommen wird. Wer die Band kennt, bekommt das rundeste Siamese-Album bisher. Es macht Spaß und bringt viel Energie rüber, hält aber wenige Überraschungen bereit. Wer neu dabei ist, muss sich ein bisschen reinhören und entscheiden, ob diese Version der Band, die weniger ausprobiert, das Richtige ist.

▶Tracklist 12 Songs
- 1dark
- 2drown
- 3sense
- 4alone
- 5friends
- 6sinner
- 7dissolution
- 8patterns
- 9nevermore
- 10reveries
- 11reaper
- 12twisted

