
Wenn unsere Tamara nicht gerade mit ihrem Master in Musikjournalismus eingespannt ist, versorgt sie die Leserschaft mit Rezensionen und Interviews rund um Bands, die eigentlich nur noch unsere Eltern hören. Zu ihren Lieblingsfreizeitbeschäftigungen gehören Till Lindemann und Wacken. Sieht man sie nicht im Club oder durch einen Moshpit tanzen, steht sie hinter dem Tresen und mixt unverschämt gute Cocktails, um mit Freuden ihre Freunde abzufüllen. Neuerdings versucht sie sich auch als Pflanzenmutti und an der E-Gitarre. Ganze 3 Akkorde beherrscht sie schon, einer Karriere in einer Punkband würde also nichts mehr im Weg stehen.
„Back From The Dead“? Nicht wirklich. Gerade mal drei Jahre sind vergangen, seit die US-Amerikaner Halestorm ihre gleichnamige Platte veröffentlicht haben – das bisher noch aktuelle und fünfte Studioalbum der Band. Nun sind sie zurück mit Longplayer Nummer sechs, mit dem doppeldeutigen Namen „Everest“. Doch erklimmen die Rocker damit den Chart-Gipfel oder begeben sich ihre Hörer damit in einen knapp 45-minütigen Schönheitsschlaf?
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Zaghafter Aufstieg
Bereits die erste vorab releaste Single „Darkness Always Wins“ präsentierte uns eine selten gezeigte, zarte Seite von den sonst so wilden Rockern. Sie ist ein erster Einblick in die emotionale Tiefe von „Everest“, dessen Themen sich im Gesamten um Liebe, Verlust, Wut und Frustration drehen – aber vor allem ein musikalisches Statement. Das Vorgängeralbum lief gerade mal mit zwei Balladen auf, was wohl auch eher typisch für ein Standard-Rock-Album ist.
Deshalb war es umso wunderlicher, dass Halestorm auch mit der zweiten Auskopplung auf eine ruhige Nummer setzten. Der Titeltrack „Everest“, steht mit seinem zarten Refrain im klaren Gegensatz zu seinem Vorgänger, dem Headbanger-Brett „Back From The Dead“. Schwer-tragende Drums, ein triumphierendes Piano-Outro, tiefwühlender Gesang… Da stellt sich die Frage: haben Halestorm nach ihrem Etappen-Erfolg als Teil des legendären „Back To The Beginning“-Settings beim Abschied von Black Sabbath Anfang Juli vorerst genug Rock’n‘-Roll-Gipfelluft geschnuppert?
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Kitsch oder Kante?
Man möchte es meinen. Bis auf das eingangs heftig eindreschende Intro von „Fallen Star“ wirkt die erste Album-Hälfte wie der prophezeite Dornröschenschlaf. Nicht mal das vom Namen her vielversprechende „Like A Woman Can“ liefert die feministische Breitseite, für die Halestorm sonst stehen, sondern kristallisiert sich als bluesige Liebeskummer-Ballade heraus.
Jene Kante liefert immerhin das experimentell gesponnene „Rain Your Blood On Me“, das mit seinen rituellen Trommeln und „Wohoho“-Mitsing-Parts den Kampfruf der Frauenbewegung darstellen soll – aber durchaus noch etwas provokativer hätte ausfallen können.
Kurzes Höhenfieber
Was „Rain Your Blood On Me” vielleicht noch an Wu(ch)t fehlt, liefern dafür “WATCH OUT!” und “K-I-L-L-I-N-G”. Sie stellen (ERWARTBAR) die beiden eskalativen Ausnahmen auf dem Album dar; stechen aber mit ihrem heftigen Hardcore-Sound genauso aus der Diskografie der Band heraus, wie die unerwartete Menge an Balladen.
Auf der Suche nach weiteren Höhepunkten finden wir in „I Gave You Everything“ eine durchaus rotzige Lzzy Hale-Röhre. Diese markante Seite kommt auf dem Album leider etwas zu kurz. Viel öfter hört man in der starken, durchdringenden und vielseitigen Stimme von Hale die Verletzung und die Verzweiflung, die „Everest“ maßgeblich ausmachen und tragen. Beispielhaft in „Broken Doll“ („I’m never good enough / misunderstood / that’s what happens when you play too tough / now I’m just another broken doll“) oder dem Gänsehaut-Refrain von „Shiver“.
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Halestorm: Ruhen statt Rocken
Hier und da liefern natürlich auch die ruhig gehaltenen Songs ihre kurzen Rock-Eskalationen („Fallen Star“ mit seinem kleinen Outro-„Kick“, „Everest“ mit seinen stakkato-Riff-Strophen, der herausfordernde Pre-Chorus von „I Gave You Everything“) und vor allem eine immer wiederkehrende Epik und Dramatik im Song-Aufbau und in der Ausführung von Melodien. Hängen bleibt auch die Erinnerung an schöne, wirksame Gitarren-Soli, für die Halestorm in fast jedem Song Platz geschaffen haben.
Aber am Ende des Albums verstehen wir: bei mehr als der Hälfte der Tracks wurde sich für die Snooze-Taste entschieden.
Hat man sich erstmal über die Enttäuschung der fehlenden Rock-Banger hinweggetröstet, kann man „Everest“ als durchweg Emotions-getriebenes und tiefwühlendes Werk verstehen, das kaum persönlicher, verletzlicher und authentischer sein könnte. Ohne den von der Band gewohnten und gelebten Rock-Spirit, hoffen wir allerdings dennoch beim nächsten Album auf eine Rückkehr der Gruppe von den (ewig) Ruhenden.
Foto: Jimmy Fontaine / Offizielles Pressebild
Fazit
Man muss „Everest“ als das betrachten, was es ist: ein tief emotionales, persönliches und authentisches Balladenwerk. Allerdings ist die Fallhöhe extrem hoch, rechnet man mit dem typischen Hardrock-Sound und Metal-Spirit, den Halestorm sonst versprühen. Immerhin wagen sich die Amerikaner auch erstmals mit zwei Tracks in Hardcore-Gefilde, die im düsteren Gesamtkontext allerdings etwas deplatziert wirken. Der perfekte Soundtrack für die nächste Sinnkrise, gerne bald aber wieder was zum Mitgrölen!

▶Tracklist 12 Songs
- 1Fallen Star
- 2Everest
- 3Shiver
- 4Like A Woman Can
- 5Rain Your Blood On Me
- 6Darkness Always Wins
- 7Gather The Lambs
- 8WATCH OUT!
- 9Broken Doll
- 10K-I-L-L-I-N-G
- 11I Gave You Everything
- 12How Will You Remember Me?
