
Musiker durch und durch. Ein Leben ohne Mucke machen, hören und live erleben, gibt es für Malin nicht. Dementsprechend ist Musik auch Malins Lieblings-Gesprächsthema. Und damit er seinem Umfeld damit nicht zu sehr auf die Nerven geht, schreibt er einfach für MoreCore. Die neuesten Alben von altbekannten und gefeierten Artists, vom Underdog aus dem Nischengenre, von lokalen Konzerten oder den großen Festivals – you name it – Malin wird euch etwas dazu erzählen. Als Schlagzeuger, Musiklehrer und Student der sozialen Arbeit findet er, dass man Musik und Menschen nicht trennen kann oder sollte, denn nichts macht Musik schöner, als die Gemeinschaft und das Miteinander. Wenn er euch nicht gerade von seiner Plattensammlung berichtet, probt und schreibt er wahrscheinlich mit seiner Band Small Strides, stopft sich den Bauch mit Guacamole voll oder steht am Fenster und beobachtet die Hunde in der Nachbarschaft.
Er herrschen chaotische Zustände in der Welt. Ein hochansteckendes Virus hat die Menschheit seit nunmehr zwei Jahren fest im Griff, das Internet vereinfacht die Verbreitung von Falschmeldungen und Verschwörungstheorien und während es eigentlich noch einen Planeten zu retten gibt, sprechen die Reichsten der Reichen bereits über die Kolonisierung des Nächsten. In diesen Zeiten des Tumults drückt die Londoner Band White Lies auf die Pausentaste und reflektiert darüber, was diese Zustände mit uns als Individuum machen.
“As I Try Not To Fall Apart”. Wirklich sehr passend betitelt machen White Lies das halbe Dutzend voll und geben uns nun knapp 13 Jahre nach ihrem Durchbruchsalbum “To Lose My Life …” (2009) ihren sechsten Longplayer.
Bereits im Vorfeld konnte die Band durch drei starke und gut gewählte Singles punkten, die in etwa den musikalischen Rahmen abstecken, in dem sie sich auf ihrer neuen Platte bewegen. Man muss gleich vorweg sagen, dass das Album zwar nur mit wenigen Überraschungsmomenten aufwartet, dafür aber seine volle Stärke aus der Vertrautheit der Band mit ihrem Sound, sowie einer fantastischen Produktion zieht.
Logische Weiterentwicklung vom bekannten Sound
Wie man es von White Lies gewohnt ist, gibt es auch hier wieder ihren unwiderstehlichen Mix aus Alternative, Indie, Synth Rock und einer guten Prise 80s. Wie bereits erwähnt, schaffen es vor allem die Singles, einen guten Gesamteindruck der musikalischen Bandbreite der Platte zu vermitteln. Der etwas reduziertere Titeltrack grooved in bester Depeche Mode-Manier von einem Synth-Bass getrieben vor sich hin, während “I Don’t Want To Go To Mars” eher die rockige Seite der Band einfängt. Im Gegensatz dazu ist “Am I Really Going To Die?” weitaus verspielter, funkiger, und kommt mit einem großen und für Gänsehaut sorgenden Chorus daher.
Einen Vorteil, den White Lies haben, ist die Tatsache, dass ihre Musik durch die Vermischung von bekannten Sounds und Strukturen mit einem modernen Klangbild sehr zeitlos ist. Auch wenn man eigentlich genau das bekommt, was man von der Band erwartet, so heben eine Weiterentwicklung im Songwriting und die noch ausgefeilteren Performances der einzelnen Mitglieder “As I Try Not To Fall Apart” von ihrer bisherigen Diskografie ab.
Neben den gut gewählten Synth-Sounds und der starken Vocal Performance von Sänger Harry McVeigh muss man vor allem Bassist Charles Cave hervorheben, der durch seine geschmackvollen Basskompositionen zwischendurch auch einfach mal komplett die Führung einzelner Songs übernimmt.
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Dass dies so gut funktioniert, ist vor allem der druckvollen, aber gleichzeitig auch sehr transparenten Produktion zu verdanken, die dafür sorgt, dass Fokuspunkte immer klar gesetzt sind und niemals ein Wirrwarr von Sounds entsteht, in dem die Instrumentalisten ihre individuelle Rolle im Song verlieren. Ein gutes Beispiel dafür ist der verspielte, mit Pop- und Funk-Elementen bespickte Kopfnicker “Step Outside”, der hauptsächlich vom Grundgerüst aus Bass und Drums getragen wird, auf dem Synths und Stimme mehr als ausreichend Platz haben um sich zu entfalten.
Zwischen Sounds der Vergangenheit und dem Klang der Gegenwart
Ob intentional oder unterbewusst, White Lies schaffen es immer wieder, Referenzen zu 80er Künstler*innen in ihrer Musik unterzubringen, ohne dabei jemals zu sehr in einen reinen Nostalgie-Trip abzudriften. So macht es einfach Freude, beim Groove von “Breathe” an Sting erinnert zu werden, bei Harry McWeigh’s New Wave-Gesangseinlagen in “Blue Drift” an Tears for Fears oder Duran Duran sowie bei großen Chorus-Momenten wie in “Am I Really Going To Die?” an Toto oder Genesis.
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Da auch das Pacing der Platte durchweg stimmt und jeder Song seine individuellen Momente hat, bleibt am Ende nicht mehr wirklich viel übrig, was man White Lies vorwerfen könnte. Für ihre nächsten Platten könnte ich mir aber auf jeden Fall größere Schritte raus aus ihrer Komfortzone vorstellen. Alleine ihre musikalischen Fähigkeiten lassen vermuten, dass sie in der Lage sind, sich durchaus experimenteller, mysteriöser oder auch noch rockiger zu geben.
Apropos Rockigkeit: Die wohl dosierten Ausbrüche auf dem Album – gerade beim 7-Minuten-Epos “Roll December” – besitzen zwar eine gute Energie und zeigen, dass sie immer noch eine Rockband sind; nichtsdestotrotz fühlen sich diese Momente manchmal immer noch ein klein wenig zu kontrolliert und weniger losgelöst an.
Sich an Kleinigkeiten – wie auch dem etwas verhaltenen Start des Closers “There Is No Cure For It” – aufzuhalten, wäre aber einfach nicht gerecht, da White Lies songwriting- und produktionstechnisch absolut ins Schwarze treffen.
“As I Try Not To Fall Apart” zeigt somit am Ende die konsequente Weiterentwicklung einer talentierten Band, die es schaffen, gleich eine Handvoll an Hits neben ihre bisherigen Top-Songs wie “Tokyo”, “Bigger Than Us” und “Farewell to the Fairground” einzureihen. Fans von 80er-Musik oder auch von Bands wie Editors, The Killers oder Placebo dürften voll auf ihre Kosten kommen.
Foto: Charles Cave / Offizielles Pressebild
Fazit
White Lies schaffen es auf ihrem sechsten Album, ihren bandeigenen Mix aus Alternative und 80er-Einflüssen nahezu zu perfektionieren und liefern mit “As I Try Not To Fall Apart” eine durchweg starke Platte ab. Hier und da wünscht man sich noch den ein oder anderen Überraschungsmoment, aber am Ende wird das Album immer noch von der Selbstsicherheit der Band und der fantastischen Produktion mühelos getragen.

As I Try Not to Fall Apart
Album
VÖ
cd · vinyl
▶Tracklist 10 Songs
- 1Am I Really Going To Die
- 2As I Try Not To Fall Apart
- 3Breathe
- 4I Don't Want To Go To Mars
- 5Step Outside
- 6Roll December
- 7Ragworm
- 8Blue Drift
- 9The End
- 10There Is No Cure For It