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Kritik: Jinjer - "Macro"

Jinjer reißen momentan alles ab, was möglich ist. Es ist schier unbegreiflich, wieviel Commitment die Band aus der Ukraine in ...

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Jinjer reißen momentan alles ab, was möglich ist. Es ist schier unbegreiflich, wieviel Commitment die Band aus der Ukraine in die eigene Bandkarriere steckt. Kaum eine Woche zurück aus einer ausgiebigen US-Tour, starten Jinjer im November eine Europatour, die sich bis Ende des Jahres ausstreckt. Irgendwann zwischen all den Touren, den Festivals und hoffentlich auch dem privaten Leben der einzelnen Bandmitglieder haben die vier Musizierenden dann doch mal wieder ein Album geschrieben, aufgenommen und produziert. Es wurde auch irgendwie Zeit, denn „King Of Everything“ erschien 2016 und Jinjer befinden sich seitdem auf einem Sprungbrett, das sie bis an die Spitze der aktuellen Metalszene bringen könnte. Ob sich das mit „Macro“ ändert?

Der Beginn von „On The Top” erinnert im ersten Moment an Twelve Foot Ninjas „One Hand Killing“, denn tatsächlich nutzen beide Songs denselben Akkord am Anfang. Was Jinjer allerdings schnell von den Australiern abhebt, ist der minder präsente Einsatz der Djent-Elemente. „On The Top“ hat dennoch rhythmische Passagen, die an Djent erinnern, sich aber hinter einem weniger aufdringlichen Sound verstecken. Wenn es um Jinjer geht, ist Groove wohl der passendere Begriff, da „On The Top“ auch stilistisch irgendwo zwischen Groove Metal und Progressive Metal anzusiedeln ist. Die Struktur des Songs jedoch ist unspektakulär in ein Wechselspiel aus Verse und Refrain aufgebaut, der durch eine Bridge und den damit eingehenden Cleanpart unterbrochen wird. In diesem Cleanpart passiert etwas, das für Jinjer fast schon typisch ist. Anfangs reduziert, baut sich dieser langsam auf, wird von energisch gespieltem Schlagzeug unterstützt und mündet dann in die Klimax des Songs, die zwar weniger episch als bei „I Speak Astronomy“ daherkommt, aber dennoch eine ähnliche Wirkung erzeugt.

Dass sich Jinjer nicht nur hinter groovigen Breaks verstecken beweisen die Chord Progressions im Riffing von „Pit Of Conciousness“. Wenn auch sich das Riffing über eine gewöhnliche 4/4 Taktung streckt, ist die rhythmische Aufteilung hörbar vertrackt und vermittelt dem Hörer ein spannendes Geschehen. Ein Wechsel im Schlagzeugbeat nimmt Tempo aus dem Riffing und lässt das Ende von „Pit Of Conciousness“ getragen und schwermütig werden. Ein kurzer Gojira-Gedenkmoment leitet schließlich den letzten Refrain ein, der von einem stark Death Metal beeinflussten Part gefolgt wird.

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„Judgement & Punishment“ findet dann allerdings doch wieder die Brücke zu Twelve Foot Ninja. Tatsächlich findet sich hier ein Aspekt, der in der Musik von Jinjer bisher noch nicht so oft zu hören war, in den Stücken von TFN aber durchaus häufig verkommt: Reggae. Dieser Reggae-Part exponiert sich nach dem Intro und stellt den Verse des Songs dar. Tatiana Shmayluks Stimme weiß auch in diesen Sphären zu überzeugen, wechselt allerdings schnell zu den Shouts zurück. Besagter Part lebt insbesondere vom Bass und der Gitarre, die den Offbeat spielen, während das Schlagzeug etwas herausbricht. „Judgement & Punishment“ ist ein erneutes Wechselspiel der verschiedenen Elemente. Neben den Reggae-Parts finden sich ein „catchy“ Chorus, Blast Beats und komplexe Riffings, die allesamt mit den groovigen Breaks zusammengehalten werden. Auch wenn hier teils ein Part auf den anderen folgt, bleibt der Drive des Songs erhalten.

Jinjer fügen sich keinen Konventionen oder Pop-Ansprüchen und versuchen nicht irgendetwas oder irgendwem gerecht zu werden. Und genau darin liegt die Stärke der Ukrainer. Das bedeutet im Umkehrschluss aber auch, dass viele der Songs im selben Eisen geschmiedet wurden und sich nur in Nuancen voneinander abheben. Es ist fast schon eine Corporate Identity, die sich im Songwriting von „Macro“ erkennen lässt. So stechen die einzelnen Tracks nur dann wirklich heraus, wenn sie etwas markantes mit sich bringen. Dies können zum einen die Meshuggah-esken Grooves und der jazzige 7/8 Cleanpart von „Home Back“ sein, aber auch der bereits angesprochene Reggae Part in „Judgement & Punishment“.

Auf „Retrospection“ bauen Jinjer sogar ihre ukrainischen Wurzeln in den Text mit ein. Beginnend mit russischem Text, der in erster Linie an eine russische Folklore erinnert, mündet der cleane Anfang in einen Break, der wieder von dem kontrastreichen Cleanpart unterbrochen wird. Es ist ein Hin und Her zwischen den beiden Welten, in denen sich Jinjer bewegen. Zum einen die harten, rhythmisch komplexen Breaks mit den monströsen Shouts von Sängerin Tatiana. Zum anderen die ruhigen, cleanen und verspielten Abschnitte, in denen der Gesang mit seiner Fülle brilliert. Dazwischen ist Platz für Blast Beats, Riffing und Destruktion, wie auch „Retrospection“ unter Beweis stellt. „Pausing Death“ wirkt mit seinem verdammt schnellen Tempo wie ein Statement gegen die Ruhe und den Tod. Eine Pause ist hiermit aber definitiv nicht gegeben, denn schnelle Grooves und Blast Beats dominieren den Sound des Tracks, der jedoch mit einem kurzen cleanen Intermezzo überrascht.

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Am Ende des Albums steht nicht nur „The Prophecy“, die nicht nur Bezug auf den Affen aus „Ape“, sondern auch die ganze „Micro“ EP nimmt. Diese Prophezeihung klingt ähnlich hart, wie die zuvor gespielten Songs, kommt aber mit einer leicht verdrehten Stimmung daher. So klingt der Cleangesang teils furchteinflößend und fügt sich den hypnotisch spielenden Gitarren und endet in einem kurzen, aber passenden Break. Eigentlich ist dies der Punkt, an dem „Macro“ endet. Doch schieben Jinjer hier noch etwas hinterher.

Ein jazziger Zweiminüter war es auf „King Of Everything“, ein akustisches Kurzstück beendete „Micro“ und „IainnereP“ ist erneut etwas, das aus dem Kontext des Albums herausgelöst werden kann. Doch wer mit der „Micro EP“ vertraut ist, wird schnell merken, dass „IainnereP“ nicht nur ein Palindrom ist, sondern auch die Harmonien von „Perennial“ aufgreift. Tatsächlich handelt es sich hier um einen atmosphärischen Remix, der auch als Trailer eines Cyberpunk-Films funktionieren würde. Die einzelnen Gitarrenmelodien, Bassläufe und auch Gesangspassagen werden herausgelöst und von dröhnenden Synthesizern unterstützt, während am Ende des Remixes sogar der Chorus angestimmt wird. Wie auch auf den vorherigen beiden Veröffentlichungen bieten Jinjer einen Ruhepol, der irgendwie experimentell ist, aber auch die Frage aufwirft, ob dieser Track wirklich auf diese Veröffentlichung passt.

Foto: Javier Bragado (http://javierbragado.com/)

Jinjer auf Tour

Derzeit gibt es keine angekündigten Tourdates für Jinjer. Sollte ein Termin fehlen, würden wir dich bitten, uns eine E-Mail an info@morecore.de zu schicken, damit wir diese hinzufügen können.

ALBUM
Macro
Künstler: Jinjer

Erscheinungsdatum: 25.10.2019
Genre: , ,
Label: Napalm Records
Medium: CD, Vinyl

Tracklist:
  1. On the Top
  2. Pit of Consciousness
  3. Judgement (& Punishment)
  4. Retrospection
  5. Pausing Death
  6. Noah
  7. Home Back
  8. The Prophecy
  9. lainnereP
Jinjer Macro
Jinjer Macro
8
FAZIT
„Macro“ ist ein Album, das permanent dazu verleitet, mit dem Kopf zu nicken. Ob dies aus Zustimmung passiert, oder der puren Bewegungslust obliegt, ist für jeden selbst zu entscheiden. Jinjer bleiben ihrem Stil treu und agieren ähnlich heavy, wie bereits auf der "Micro EP" angedeutet. Mit einzelnen Momenten, die meist Cleanparts sind, brechen die Ukrainer aus dem rhythmischen Gesamtkonstrukt ihrer Musik heraus. Elemente wie der Reggae-Part in „Judgement & Punishment“, der jazzige Abschnitt in „Home Back“ oder der ukrainische Gesang von „Prospection“ fügen sich bestens in den Sound von Jinjer ein. Es ist fast nur schade, dass eben diese Elemente nicht weiter ausgearbeitet werden und der experimentelle Anteil etwas zurückgeschraubt wird.

Dennoch ist „Macro“ ein gutes Album, das überraschend hart und skrupellos ist und sich keinen Konventionen hingibt. Anstatt eingängiger zu werden oder auf zu harte Parts zu verzichten, erheben Jinjer ihre Stimme und kontern mit Blast Beats, Death Metal-Riffs und den brachialen Growls, die Tatiana Shmayluks Stimme neben ihrer zarten Seite so einzigartig machen. Durch die Komplexität der Musik ist „Macro“ auch nicht auf den Gesang zu reduzieren, sondern als Gesamtpaket teilweise so angenehm unkonventionell, dass es Spaß macht, dabei zuzusehen, wie Jinjer immer größer und größer werden. Bis an die Spitze, auf der Jinjer schon mit dem ersten Track von „Macro“ angekommen sind.