Markus Seibel
Musik aus Irland beziehungsweise Amerika hat oft ihren ganz eigenen Sound. Das gilt auch für sonischen Punk-Rock/Hardcore – und im Besonderen für Dropkick Murphys, die mit ihrem dreizehnten Wurf weiter an ihrer speziellen Punk-Legierung herumdrehen. Wer bereits mit den sieben Herren vertraut ist, weiß: Klassischer Hardcore ist das nicht. Am besten stellt man sich folkige-sphärische Melodien und Klänge vor, denen die Wucht mit hohen gestimmten Gitarren verliehen wird.
Ein paar Samples, alarmierende Sirenen, ballernde Duftmarken im Stil von Great Big Sea, geheimnisvoll anmutende Melancholie und Tiefe im The Mahones-Kosmos, dazu emotional vorgetragener Gesang, der nie die Schmerzgrenze überschreitet und geradezu eine eigene Note hinterlässt. Das hat alles Hand, Hirn und Fuß, „For The People“ ist von vorne bis hinten durchgestylt, aber eben auch aalglatt. In einer Playlist stechen die Professionalität und Musikalität hervor, auf Albumlänge hat man sich an dieser Hostie in schmucker Verpackung schnell sattgegessen.
Der ungefilterte Eindruck
Und dennoch mangelt es an Abwechslung nicht. Während Titel wie „Kids Games“, „Sooner Kill ‚Em First“ oder „Streetlights“ schönromantisch und fröhlich daherkommen, wird es bei anderen Nummern wie „The Big Man“ oder „The Vultures Circle High (feat. Al Barr)“ schon brachialer. Aber alles ist zu jedem Zeitpunkt tanzbar, treibend, wild. Die Stimme von Al Barr haucht sich durch die Tracks, zurückgenommen und zugleich intensiv, während fuzzige Gitarren das Fundament legen.
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Manches von „For The People“ wirkt musikalisch zu verkopft, die zahlreichen Ecken und Kanten können schnell zum Stolperstein mutieren. Auf der anderen Seite ist dies genau das, was Dropkick Murphys von anderen Bands absetzt: Der Wille, es dem Hörer eben nicht zu einfach zu machen, sondern mit allerlei Eskapaden und Denksportaufgaben langfristig zu unterhalten.
Punk auf der folk-party
Dies ist in den Zeiten, in denen der Stream ab 30 Sekunden abgerechnet wird (und die Hörgewohnheiten entsprechend sind), allein schon einen halben Bonuspunkt wert.
Jedoch wirken manche Stellen ein bisschen steif, aber Dropkick Murphys kontern diese Schwächen mit größtmöglicher Verve und wirklich spritzigen Ideen. Selbst ohne Sympathiefaktor 666 stellt „For The People“ eine Scheibe dar, die man jedem Folk-Punk-Fan der Neunziger Jahre wärmstens an Herz und Nacken legen kann. Hier rollen die Headbang-Riffs in Serie rein!
Foto: Riley Vecchione / Offizielles Pressebild
Fazit
Als Genrewerk funktioniert "For The People" prächtig, reiht sich aber ohne eigene Note zwischen ähnlichen Veröffentlichungen von Social Distortion und Flogging Molly ein. Insgesamt scheint dem Genre in seinem dritten Lebensjahrzehnt die zündende Idee zu fehlen, um sich selbst neue Impulse zu geben. Aber "gut" ist das Album trotzdem.

▶Tracklist 12 Songs
- 1Who’ll Stand With Us?
- 2Longshot (feat. The Scratch)
- 3The Big Man
- 4Chesterfields And Aftershave
- 5Bury The Bones (feat. The Mary Wallopers)
- 6Kids Games
- 7Sooner Kill ‘Em First
- 8Fiending For The Lies
- 9Streetlights
- 10School Days Over (feat. Billy Bragg)
- 11The Vultures Circle High (feat. Al Barr)
- 12One Last Goodbye “Tribute To Shane” (feat. The Scratch)

