Natascha Döhring
Es gibt Alben zum nebenbei hören und Alben, die einen aus der Realität reißen. "Looking for People to Unfollow" gehört definitiv zur zweiten Kategorie.
Seit dem 22.05. ist das zweite Album von Ecca Vandal draußen und es macht von der ersten Minute an klar, dass es sich nicht darum schert, in irgendein Genre zu passen. Punk, Hip-Hop, Alternative Rock, Jazz, Gospel oder Soul: Ecca zieht aus allem das heraus, was sie braucht, und baut daraus ihren eigenen Sound. Laut, frech, verzweifelt, verspielt, wütend und hoffnungsvoll zugleich. Dabei verhandelt das Album persönliche Krisen ebenso wie gesellschaftliche Machtstrukturen, Identität und mentale Gesundheit.
Ecca Vandal ist in diesem Jahr unter anderem bei Rock am Ring, Rock im Park, Hurricane Festival und Southside Festival zu sehen und begleitet außerdem Deftones als Support-Act auf der Waldbühne Berlin.
Steigen wir ein
„I'm not here to follow what anyone else is doing“ – ein Satz von Ecca, der dieses Album perfekt beschreibt. Looking for People to Unfollow klingt wie ein permanenter Stilbruch, aber genau daraus zieht die Platte ihre Stärke. In einem Moment dominieren rohe Punk-Drums und geschriene Vocals, im nächsten smoothes Jazz-Feeling oder fast träumerische Melodien. Die Songs wirken dabei nie beliebig, sondern wie verschiedene Ausdrucksformen derselben inneren Unruhe.
Instagram Post
Inhaltlich zieht sich ein roter Faden durch die Platte: das Gefühl, sich selbst und seinen Platz in der Welt ständig neu definieren zu müssen. Ecca Vandal singt über emotionale Überforderung, gesellschaftlichen Druck, Rassismus, Heuchelei und das Aufbrechen starrer Geschlechterbilder. Die Songs fühlen sich wie offene Wunden an, die gleichzeitig tanzen wollen.
Ein Blick ins Album
Kein Song klingt wie der vorherige. Genres wechseln ständig, Instrumente rücken mal aggressiv nach vorne, mal verschwinden sie fast komplett, und auch Eccas Stimme verändert sich permanent: von geschrien über gerappt bis hin zu sanft und fast zerbrechlich. Dabei erzählt sie immer wieder von ihrem eigenen Kampf: davon, als Frau und Woman of Colour sichtbar sein zu wollen, in einer Gesellschaft, die sie lieber kleinhalten würde. Es geht um das Ausbrechen aus strengen Erwartungen, darum laut zu sein, den eigenen Platz zu beanspruchen und sich eine Identität aufzubauen, die sich nicht an vorgegebene Grenzen hält.
Besonders stark gelingt das mit "EYES SHUT". Musikalisch eskaliert der Song zwischen quietschenden Gitarren, dominanten Drums, Punk-Geschrei und fast hymnischem Refrain. Inhaltlich rechnet Ecca mit religiösen und gesellschaftlichen Machtstrukturen ab:
„The voices of victims get ignored“ oder „They’re playing God and saying nothing’s wrong“ treffen mit voller Wucht. Der Song kritisiert Institutionen, die Verbrechen vertuschen und Menschen bewusst blind halten.
Der Bruch mit Vorurteilen
In "VERTICAL WORLDS" zerlegt Ecca klassische Geschlechterrollen und spielt bewusst mit männlich und weiblich konnotierten Bildern:
„Girls can grow a pair like boys / Who's growing hair like girls“.
Der Song spielt mit dem Kontrast aus hartem Sprechgesang und eher sanftem, hohem Gesang und greift damit klassische binäre Rollenbilder auf, während die Gitarren zwischen Punk und Alternative pendeln. Das Ergebnis klingt rebellisch, aber gleichzeitig unglaublich leichtfüßig.
Ganz anders funktioniert "CRUISING TO SELF SOOTHE". Der Song wirkt zunächst locker und frech, doch unter der Oberfläche steckt Einsamkeit. Es geht um Selbstständigkeit, persönlichen Aufstieg und darum, Menschen zurückzulassen, die einen klein gehalten haben. „But at the top, it’s fucking cold“ fasst perfekt zusammen, wie Freiheit und Isolation gleichzeitig existieren können.
Eine der wichtigsten Aussagen des Albums steckt in "OKAY NOT TO BE OKAY". Der Song klingt verträumt und beinahe warm, erzählt aber von emotionaler Überforderung, Orientierungslosigkeit und innerer Leere. Gleichzeitig vermittelt er die Erkenntnis, dass es in Ordnung ist, nicht immer stabil oder „gut drauf“ zu sein, weil das Leben chaotisch und oft ohne klare Antworten ist.
Mit "CAME HERE FOR THE LOOT" fährt Ecca die Hip-Hop-Einflüsse hoch. Harte Rap-Passagen treffen auf träumerische, melodische Parts, während der Song Machtgier, politische Heuchelei und gesellschaftliche Spaltung attackiert. Besonders stark: „Left Wing, Right Wing, hear the same bird sing“. Eine simple Zeile, die mehr sagt als viele politische Kommentare.
Entstehung des Albums
Looking for People to Unfollow entstand während einer Art selbstgewählter Isolation. Für ihre zweite Platte zog sich Ecca gemeinsam mit ihrem Co-Songwriter, dem Produzenten und Musiker Richie Buxton, zurück, ging bewusst „offline“, um ohne äußeren Druck Songs zu schreiben.
„Ich wusste nicht, was es war oder für wen es bestimmt war, und das war mir völlig recht“, sagte Ecca über den Prozess. Genau diese Freiheit hört man dem Album an.
Wer ist Ecca Vandal?
Die Geschichte hinter Ecca Vandal macht vieles daran noch spannender. Rebecca Ari wurde als Tochter einer sri-lankisch/tamilischen Familie in Südafrika geboren und zog bereits in jungen Jahren mit ihrer Familie nach Australien. So prasselten die unterschiedlichsten kulturellen und musikalischen Einflüsse auf sie ein. Zunächst begann sie eine Ausbildung zur Jazzsängerin, wandte sich später jedoch dem Punk zu, als sie merkte, wie direkt und ungefiltert dort Gefühle ausgedrückt werden können.
Instagram Post
Ihren eigenen Weg zu finden, war ein Kampf, denn Women of Color, die Punkmusik machten, waren praktisch unsichtbar. Wenn Menschen hörten, dass sie Musik macht, gingen viele automatisch von RnB oder Soul aus. Die Frage „Am I allowed to be in this space?“ begleitet ihre Musik bis heute.
Mit Looking for People to Unfollow beantwortet Ecca diese Frage endgültig selbst. Und zwar laut.
Im Vergleich zum Debüt „Ecca Vandal” wirkt das neue Album deutlich ausgereifter, ohne den rohen Punk-Charme zu verlieren. Die Songs sind mutiger arrangiert, die Themen persönlicher, die Brüche extremer – und genau dadurch funktioniert die Platte so gut. Fans von Punk, Hip-Hop und wilden Genresprüngen bekommen hier ein außergewöhnliches Album geboten, auch wenn LOOKING FOR PEOPLE TO UNFOLLOW sicher nicht jedem gefallen wird. Doch genau das scheint Eccas Ansatz zu sein: nicht möglichst massentauglich zu klingen, sondern kompromisslos den eigenen Weg zu gehen.
Fazit
Looking for People to Unfollow ist definitiv kein Album, das einfach im Hintergrund läuft. Die Songs verlangen Aufmerksamkeit, reißen mit, überfordern manchmal bewusst und erzeugen Bilder, Emotionen und Zustände, die lange nachhallen. Wer klassischen Rock oder reinen Metal erwartet, wird eher genervt sein. Wer sich aber auf dieses chaotische, kompromisslose Kunstwerk einlässt, bekommt eines der spannendsten Alternative-Releases des Jahres.

