
Tobias Tißen
Viele Bands veröffentlichen ein selbstbetiteltes Album am Anfang oder Ende ihrer Karriere. Khemmis machen es mittendrin; 14 Jahre nach ihrer Gründung. Warum das trotzdem erstaunlich viel Sinn ergibt?
Weil „Khemmis“ die Essenz dieser Band so präzise auf den Punkt bringt wie keine Veröffentlichung zuvor. Die bleiernen Doom-Riffs der Anfangstage sind noch da. Die großen Heavy-Metal-Melodien, die sich schon seit „Hunted“ (2016) immer weiter in den Vordergrund schieben, ebenfalls. Und auch die emotionale Schwere von „Deceiver“ (2021) steckt noch in jedem Akkord. Nur wirkt diesmal alles fokussierter, reifer und wie aus einem Guss.
„Khemmis“: Heavy-Doom mit Vorwärtsdrang
Wie gut Khemmis epischen Doom und klassischen Heavy Metal mittlerweile verheiraten, dürfte schon nach „Invocation Of The Dreamer“ jedem klar sein. Der Opener beginnt überraschend aggressiv, baut weiter Druck auf und entwickelt sich anschließend zu einer mitreißenden Metal-Hymne, deren galoppierende Gitarren immer wieder an Iron Maiden oder Mercyful Fate erinnern.
Auch „Beneath The Scythe“ setzt deutlich stärker auf Vorwärtsdrang als auf doomige Behäbigkeit. Die Gitarren schieben den Song konstant nach vorne, während die großen Melodiebögen klar aus dem Epic Metal stammen. Gegen Ende packen Khemmis dann aber doch noch die brutale Schwere aus, die man von ihnen eigentlich erwartet.
Mercyful Fate meets Candlemass
Generell sind diese angaloppierenden Steve-Harris-Gedächtnis-Gitarren ein klares Charakteristikum auf „Khemmis“. Und gleichzeitig wirkt vieles kompakter als früher. Während die Vorgänger noch von ausufernden Spannungsbögen lebten, kommen viele Ideen hier schneller auf den Punkt. Die meisten Songs bleiben erstaunlich kompakt; lediglich „Carrion King“ knackt die Sechs-Minuten-Marke. die Zehn-Minuten-Monster der Frühphase bleiben dieses Mal in ihrer Gruft. Die Songs verlieren dadurch etwas von ihrer monumentalen Wucht, gewinnen aber deutlich an Dynamik.
„Khemmis“ klingt häufig, als hätten in den fünf Jahren seit „Deceiver“ häufiger Iron Maiden und Mercyful Fate auf den Plattentellern der US-Amerikaner rotiert als Candlemass und Saint Vitus.
Extreme Wurzeln und kleine Schwachpunkte
„Corpsebloom Garden“ gehört zu den härtesten Stücken, die die Band seit Langem geschrieben hat, inklusive der harschen Vocals von Ben Hutcherson, die Khemmis’ Extreme-Metal-Wurzeln pointiert zur Schau stellen.
„Gilded Chambers“ überrascht mit einem furiosen Schlagzeug-Einstieg und einem spannenden Wechselspiel aus Härte und Atmosphäre. Und „Carrion King“ vereint noch einmal nahezu alles, was diese Band mittlerweile ausmacht: große Melodien, schwere Riffs und diese mitreißende Epik, die trotz des Verzichts auf die ganz ausufernden Songs nie verlorengeht.
Ganz frei von Schwächen ist die Platte trotzdem nicht. Gerade die stärker emotionalen Songs wie „Grief's Reverie“ oder „Tomb Of Roses“ sind zwar gelungen, erreichen aber nicht ganz die Durchschlagskraft der Album-Highlights. Hier verlässt sich die Band stellenweise etwas zu sehr auf ihre mittlerweile vertrauten Stärken. Gut gespielt, gut geschrieben – aber nicht immer so mitreißend wie die stärksten Momente der Platte.
Fazit
„Khemmis“ bringt die Band-DNA der vier Musiker aus Denver auf den Punkt: schwerer Doom trifft auf hymnischen Heavy Metal; mal voller Melancholie, mal mit monumentaler Epik.
Die Zutaten sind Jahrzehnten bekannt – wenn man sie aber so gut zusammenbringt wie Khemmis auf ihrem selbstbetitelten fünften Studioalbum, springt trotzdem eine der spannendsten Metal-Platten des bisherigen Jahres heraus.

▶Tracklist 8 Songs
- 1Invocation of the Dreamer4:46
- 2Corpsebloom Garden4:28
- 3Grief's Reverie4:26
- 4Beneath the Scythe5:55
- 5Gilded Chambers5:37
- 6Tomb of Roses5:04
- 7Carrion King6:21
- 8Benediction Tones5:23