
Tobias Tißen
Blickt man auf die über 40-jährige Bandgeschichte zurück, lassen sich Sepultura kaum auf einen Sound festlegen. Vom rohen Death- und Thrash-Metal der Anfangstage über die erfolgreiche Tribal-Phase der 90er bis hin zu den zunehmend konzeptionellen und progressiven Werken des neuen Jahrtausends hat sich die Band immer wieder neu definiert.
Gleichzeitig musste sie immer wieder einschneidende Umbrüche überstehen – allen voran den Ausstieg von Frontmann Max Cavalera auf dem Höhepunkt des Erfolgs und die anschließende Neuausrichtung mit Nachfolger Derrick Green am Mikrofon, die Sepultura nach 1998 praktisch neu erfand.
Nun haben die Brasilianer ihren Abschied angekündigt. Und wahrscheinlich ist es nur folgerichtig, dass auch ihr finaler Gruß keiner ist, der sich einfach greifen lässt. Wer zum Schluss auf „Roots 2“, einen nostalgischen Thrash-Throwback oder ein pathetisches Karriere-Best-of gehofft hatte, darf diese Hoffnung direkt mit dem Opener „All Souls Rising“ begraben.
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Dynamik, Dynamik, Dynamik
Dabei tut der erste Track der EP zunächst noch so, als wolle er genau diese Fan-Hoffnungen bedienen: Andreas Kisser an der Gitarre sägt los, Neu-Drummer Greyson Nekrutman (seit 2024 Teil der Band) peitscht das Stück nach vorn, alles riecht ganz kurz nach klassischer Sepultura-Aggression.
Aber nach rund 30 Vollgas-Sekunden biegt der Song plötzlich ab. Ein klassisches Orchester drängt sich ins Bild, die Band verstummt kurz – bevor Kisser & Co. wieder mit einsetzen und den Song zurück in Death-Thrash-Gefilde pushen. Aber auch dort bleibt nichts stabil: kurze Orchester-Momente, eine prägnante Kisser-Solo-Attacke, ständige Richtungswechsel.
Gegen Ende kippt das Ganze sogar in fast schon jazzige, jam-artige Strukturen. Klassische Songdramaturgie? Kaum vorhanden. Stattdessen entsteht ein Track, der permanent in Bewegung bleibt. Das jazzige Drumming von Greyson Nekrutman forciert genau das: kaum stoische Tribal-Repetition, dafür Dynamik, Dynamik, Dynamik. Dass der erst 23-jährige US-Amerikaner seine Karriere als Jazz- und Big-Band-Drummer gestartet hat, wird von Schlag zu Schlag klarer.
Die erste klassische Sepultura-Ballade!
Wer seine Songs lieber in geregelteren Bahnen hört, dürfte bei „Beyond The Dream“ eher andocken. Allerdings stoßen Sepultura ihre Hörer hier auf eine ganz andere Art vor den Kopf: Es ist die erste echte klassische Ballade der Bandgeschichte. Und zwar keine Alibi-Ballade, die zwischen zwei Brechern kurz durchatmen lässt.
Zerbrechlicher Einstieg, cleane Derrick-Green-Vocals, melancholischer Grundton, Gitarren, die nicht drücken, sondern tragen. Das wirkt nie kitschig, sondern erstaunlich würdevoll und wie ein bewusster Gegenentwurf zu 40 Jahren Brutalität.
Der Titel lässt sich dabei als Meta-Kommentar lesen: „jenseits des Traums“, jenseits der Bühne. Was bleibt von Sepultura, wenn der Lärm verhallt?
Mit „Sacred Books“ wird es danach wieder sperrig. Der Song startet mit brachialen Drums und kippt kurz darauf in einen schweren Groove, bevor Andreas Kisser das Ruder übernimmt und das Stück über weite Strecken instrumental trägt.
Plötzlich taucht ein Piano auf, jazzige Einsprengsel, Momente, die wie Fremdkörper wirken und den Track komplett aus seinem bisherigen Kontext reißen. Doch auch das bleibt nicht bestehen. Gegen Ende brechen wieder Härte, dynamische, fast chaotische Drums und Greens markante Vocals durch.
Das Beste kommt zum Schluss
Am klarsten bündelt dann aber der vierte und letzte Song „The Place“, worum es auf „The Cloud Of Unknowing“ eigentlich geht – und warum diese EP trotz all ihrer Sperrigkeit funktioniert.
Inhaltlich dreht sich der Track um Migration, Identität und Selbsthass: Menschen, die Zuflucht suchen und sich in Propaganda und inneren Konflikten verlieren. Entscheidender ist aber die Umsetzung. Der Song ist dramaturgisch gebaut wie ein emotionaler Absturz, von Enttäuschung hin zu Wut.
„The Place“ beginnt kontrolliert, schwer, verhalten; schiebt sich aber Stück für Stück weiter in Richtung Eskalation. Auf dem Weg pendelt er immer wieder zwischen balladischer Schwere und thrashiger Entladung – und macht genau aus diesem Spannungsverhältnis seine größte Stärke.
Derrick Green agiert fast schon als Erzähler, Andreas Kisser fokussiert sich eher auf Spannungsaufbau als mit den ganz großen Riff-Attacken. Der letzte Song der letzten Sepultura-Veröffentlichung ist nochmal ein Highlight.
Das ABER
Der große Knackpunkt von „The Cloud Of Unknowing“: Sepultura hatten ganz offensichtlich erstaunlich viele starke Ideen für gerade einmal vier Songs, aber sie übersetzen sie leider selten in klassische Wiedererkennbarkeit. Ikonische Riffs, die sich sofort einbrennen, gibt es kaum. Große Hooks eigentlich auch nicht.
Vieles bleibt eher als Stimmung im Gedächtnis hängen. Das ist reizvoll, oft sogar beeindruckend, macht die EP aber auch schwer greifbar.
Wer von einem finalen Sepultura-Release vor allem Wucht und monumentale Gesten erwartet, wird wohl eher ratlos zurückgelassen. Wer akzeptiert, dass die brasilianischen Metal-Ikonen sich hier nicht mit einem dicken roten Schlussstrich verabschieden und der EP ein paar Durchläufe mehr schenkt, bekommt einen mutigen und spannenden Abschiedsgruß serviert.
Wollt ihr Sepultura noch ein letztes Mal live erleben? Dann habt ihr unter anderem am 14. Juni in Würzburg, am 15. Juni in Heidelberg, am 17. Juni in Saarbrücken, am 23. Juni in Oberhausen oder auch beim Wacken Open Air 2026 die Chance dazu.
Foto: Sepultura / Offizielles Pressebild
Fazit
„The Cloud Of Unknowing“ ist kein epischer Schlusspunkt für eine der prägendsten Metal-Bands überhaupt, sondern ein sperriger, offener Epilog. Dynamisch, atmosphärisch aufgeladen, selten direkt greifbar – und gerade deshalb ein konsequent guter Abschied.

The Cloud Of Unknowing
Album
VÖ
▶Tracklist 4 Songs
- 1All Souls Rising
- 2Beyond The Dream
- 3Sacred Books
- 4The Place