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Interview

Rising Insane: Aaron und Sven über Mental Health, Akzeptanz und „Meant To Live“

Ein ehrliches Gespräch über psychische Gesundheit und ihre Pläne.

VON AM 03/06/2021

Rising Insane haben vor kurzem ihre brandneue Single „Meant To Live“ auf den Markt gebracht. Das Stück dreht sich um Mental Health und die Folgen einer posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS).

In einem exklusiven Interview erzählten uns die beiden Mitglieder Aaron und Sven, was die Single für sie persönlich bedeutet und was sie sich in Bezug auf Mental Health Awareness wünschen.

Aaron und Sven von Rising Insane im Interview

MC | Jakob: Eure neue Single „Meant To Live“ beschäftigt sich mit den Folgen einer posttraumatischen Belastungsstörung bei zweien eurer Bandmitglieder. Wie ist es passiert, dass ihr unter diesen leidet?

Aaron: Meine Schwester ist 2017 an Brustkrebs erkrankt, der gestreut hat. Im Juli 2018 hat sie ihren Kampf gegen den Krebs verloren, was meine ganze Familie und mich in ein tiefes Loch gerissen hat. Die Folgen der Trauer und allem, was in der Zeit um den Tod meiner Schwester passiert ist, haben mich komplett überwältigt und mein ganzes Leben umgekrempelt. Letztlich hat mich der Weg über ein Jahr später zum Arzt geführt, dem ich mich offenbart habe. Die Diagnose hieß Posttraumatische Belastungsstörung.

Sven: Mein Bruder hat sich mit 21 Jahren das Leben genommen, das war 2012. Ich kann wirklich behaupten, bis zu diesem Zeitpunkt ein glückliches und zufriedenes Leben gelebt zu haben. Dieser Suizid hat mich so ziemlich aus all meinen Grundfesten gerissen und dazu geführt, dass ich für mich wirklich alles in Frage stellen musste.

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MC | Jakob: Im Vergleich zu anderen psychischen Erkrankungen zeichnen sich PBTS vor allem dadurch aus, dass die Symptome ausgelöst durch verschiedene Trigger sehr plötzlich auftreten können. Bei Leuten, die Kriegstraumata haben, sind das zum Beispiel oft laute Knallgeräusche. Könnt ihr ein paar typische Situationen benennen, durch die eure Krankheit öfter ausgelöst wird?

Aaron: Bei mir sind es gewisse Lieder, die ich meistens sofort überspringe oder einfach das Radio ausmache. Aber auch wenn ich schöne Blumen sehe, falle ich in Loch, weil meine Schwestern immer stolz ihre Blumen im Garten präsentiert hat. Was mich aber am meisten triggert sind gewisse Orte, wie die Wohnung meiner ältesten Schwester und das Haus meiner Eltern, wo zu viele Erinnerungen in mir hochkommen.

Sven: Bei mir ist die Situation ähnlich. Auf der Beerdigung wurde damals ein bestimmtes Lied gespielt, nichts wirklich Populäres. Aber irgendwann kam der Tag, an dem ich auf dem Weg zur Arbeit war und dieser Titel im Radio lief. Ich musste sofort anhalten, da alles aus mir rausgebrochen ist und ich weinen musste. Das geht mir noch bis heute so.

MC | Jakob: Könnt ihr beschreiben, wie es sich anfühlt, wenn ein solcher Trigger etwas in euch auslöst?

Aaron: Ich fühle mich einfach leer. Ich habe keine Lust mehr, mich zu unterhalten, bin in mich gekehrt und nehme von meiner Umwelt kaum noch was wahr. Kurz gesagt, ich ziehe mich komplett zurück. Das ist natürlich extrem unglücklich, weil mich das Haus meiner Eltern jedes Mal triggert, wenn ich sie besuche. Deshalb kämpfe ich immer noch damit, mit meinen Triggern besser umgehen zu können.

Sven: Ich für meinen Teil muss hier differenzieren. Es gibt schlimmere und weniger schlimmere „Trigger“. Bilder können diese von Aaron beschriebene Leere in mir auslösen. Geburtstage oder Feiertage sind da schon schlimmer. Generell ist es aber Tagesform abhängig.

MC | Jakob: Mental Health ist viele Jahre lang ein tabuisiertes Thema gewesen, mittlerweile geschieht in dieser Hinsicht aber immer mehr Aufklärung und gerade in der Musik werden solche Probleme immer öfter thematisiert. Habt ihr das Gefühl, dass wir als Gesellschaft mittlerweile endlich genug tun, um auf solche Probleme aufmerksam zu machen?

Aaron: Ich glaube, dass unsere Szene wirklich stolz auf sich sein kann, wie hoch die Akzeptanz für psychische Krankheiten ist. Ich bin zumindest extrem froh darüber, dass wir offen über alles reden können und keine Angst davor haben müssen, nicht verstanden zu werden. Abseits von der Community höre ich aber immer noch zu oft von klassischen Stammtischparolen, wenn man sich über den Kollegen X/Y unterhält, der wegen „privaten Problemen“ nicht zur Arbeit kommen kann. Auch das Thema Mobbing, besonders an Schulen, hinterlässt tiefe Narben, mit denen die Betroffenen ihr Leben lang zu kämpfen haben. Man merkt da einfach, dass das Thema bei einer traurigen Vielzahl von Menschen immer noch nicht den ausreichenden Stellenwert hat. Für mich wäre es deshalb das Größte, wenn das Thema „Mental Health“ zum Beispiel einen Weg zu unseren Schulen finden würde.

MC | Jakob: Ist Musik für euch ein Weg, mit solchen Belastungen fertig zu werden?

Aaron: Wenn ich die Texte zu unseren Songs schreibe, lerne ich wirklich oft viel über mich selbst. Ich offenbare mich praktisch mir selbst. Das kann mal schmerzhaft sein, aber gleichzeitig auch heilend. Die Texte dann live zu performen, hilft mir dabei all das zu verarbeiten, was ich über mich geschrieben habe.

Sven: Musik ist für mich das beste Ventil für jegliche Emotionen. Wut, Freude, Trauer. Man kann soviel aus Musik und Texten ziehen.

MC | Jakob: Zu Beginn eures Textes heißt es: „You are fighting, but no one believes / In the person you’re trying to be / But is it worth it?“ Was können wir tun, um als Außenstehende auch ganz direkt den Menschen zu helfen, die mit solchen Themen zu kämpfen haben?

Aaron: Ich habe für mich gemerkt, dass ich niemals jemanden gefragt habe, ob er mir bei irgendwas helfen kann, oder ob man Lust hat, was zu unternehmen. Zum Glück hat sich ein sehr guter Freund von mir meiner angenommen, und diesen Part übernommen. Er hat einfach gesagt „Komm her, wir grillen zusammen und trinken 1-2 Bier“. Das war genau das, was ich gebraucht habe, deshalb ist mein Ratschlag, offensiv auf Betroffene zuzugehen.

MC | Jakob: Gerade im Metalcore scheinen sich in den letzten Jahren immer mehr Bands dem Thema Mental Health zu widmen. Eignet sich diese Art Musik besonders gut, um solche Geschichten zu vertonen?

Aaron: Depressionen, Angststörungen, Verlustängste etc. sind extreme Emotionen. Für mich ist es logisch, dass extreme Musik darauf die richtige Antwort ist. Zum Beispiel die Aggressivität in den Shouts und Breakdowns kommen den krassen Gefühlszuständen einfach sehr nahe. Ich habe aber auch großen Gefallen an dem Rapper NF gefunden, der auf seine leicht verrückte Art die Extremen geil rüberbringt.

MC | Jakob: Das Thema, das ihr in diesem Song behandelt, ist enorm persönlich. War es eine Herausforderung für euch, euch auf diese Weise vor eurem Publikum derartig zu offenbaren?

Aaron: Tatsächlich war das gar nicht schwer. Das liegt daran, dass unsere Szene und Community einfach unfassbar herzlich ist und man sich sicher sein kann, dass man mit seiner Geschichte angenommen und unterstützt wird.

MC | Jakob: Das Festhalten von Problemen – zum Beispiel in Form eines Songs – hilft vielen Menschen, schwere Themen zu verarbeiten. Habt ihr aber gleichzeitig nicht Angst, einen derartigen Song live zu spielen und dadurch quasi immer wieder daran erinnert zu werden?

Aaron: Die Texte, die ich schreibe, sind teilweise extrem emotional und manchmal habe ich Angst, wenn ich die betreffenden Zeilen ausspreche oder singe, in ein Loch zu fallen. Der Moment auf der Bühne ist trotzdem großartig, und man wird sofort von den Leuten gefangen und aufgebaut.

MC | Jakob: Im Laufe des letzten Jahres wurde immer wieder darauf aufmerksam gemacht, dass die Folgen der Corona-Pandemie Menschen mit psychischen Problemen zusätzlich belasten. Was hat diese Situation mit euch ganz persönlich gemacht?

Aaron: Zuerst hat die Situation nicht viel mit mir gemacht, ich war sowieso ziemlich zurückgezogen, wie ich es vorhin bei den Triggern erklärt. Ich glaube tatsächlich, dass die Pandemie was das betrifft bei mir einen positiven Effekt hat, weil sich dadurch dieses Verlangen, unter Leute zu gehen, bei mir wieder entwickelt hat.

Sven: Ich bin da bei Aaron, zuerst hat die grundsätzliche Situation nicht viel angerichtet. Aber im Laufe der Zeit hat man gemerkt, wie sehr einem gewisse Dinge fehlen und das man eine Alternative schaffen muss, um in kein Loch zu fallen. Das klappt mal besser und mal schlechter.

MC | Jakob: Ihr habt im letzten Jahr eine Reihe an Coverversionen aufgenommen und außerdem Akustikversionen von eurem Album „Porcelain“ veröffentlicht. Ist das gänzlich originäre Material, das ihr nun veröffentlicht, schon parallel während dieser Experimente entstanden?

Aaron: Ich glaube wir haben im Februar 2020 damit angefangen, neue Ideen und Einflüsse zu sammeln. Allerdings hat keine dieser Ideen es auf die jetzige Produktion geschafft, sie waren aber trotzdem ein wichtiger Wegpunkt.

MC | Jakob: Die textlichen Themen in „Meant To Live“ beschäftigen nur zwei von euch aus der Band ganz direkt. Ist es für euch eine schwierige Herausforderung, euch auch innerhalb der gesamten Gruppe so zu offenbaren?

Aaron: Das Schwierigste war, mich damals mit Porcelain und Last Fragments zu offenbaren, bzw. sprichwörtlich die Hosen über meine Gefühlswelt herunterzulassen. Allerdings gehört die Band zu meinen besten Freunden, und sie haben ohnehin durch diese Zeit begleitet. Mittlerweile habe ich überhaupt keine Hemmungen mehr, mit den Jungs über irgendwas zu reden, da bin ich ein offenes Buch. Ich denke, das ist denke ich ziemlich gut.

Sven: Nein. Ich sehe es komplett wie Aaron.

MC | Jakob: Können wir uns nach dieser Single noch auf weiteres Material freuen, das demnächst erscheinen wird?

Aaron: Wir haben noch einiges im Köcher und wir würden am liebsten alles auf einmal veröffentlichen, weil wir glauben, dass es die besten Songs sind, die wir je geschrieben haben. Aber gut Ding will Weile haben, oder so.

Solltest du selbst das Gefühl haben, dass du dich in einer belastenden Situation befindest, dann kontaktiere bitte umgehend die Telefonseelsorge (www.telefonseelsorge.de). Unter der kostenlosen Rufnummer 0800-1110111 oder 0800-1110222 erhältst du anonym Hilfe von Beratern, die mit dir Auswege aus schwierigen Situationen finden und eine großartige Stütze sein können. Danke, dass du es versuchst!

Foto: Kathi Sterl / Offizielles Pressebild

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